Dienstag, 30. Oktober 2012

Alles fließt (Ergänzung zum Eintrag von gestern)


Dieses Bild und das unten habe ich gestern auf meinem Abendspaziergang gemacht. Schön, ne? Mal was anderes als Männer in Löchern. Auf dem Spaziergang geschah auch Folgendes (bevor ich zum Loch kam): 
Ich kam beim Haus einer Bekannten vorbei, die eine große Marienverehrerin ist. Sie hatte mir vor einiger Zeit ein Bildchen der Muttergottes geschenkt, das sie von einer Pilgerreise mitgebracht hatte. Ich hatte das Bildchen an die Pinnwand in unserer Küche gehängt, neben diverse Telefonnummern, die Speisekarte des Pizzadienstes, den Busfahrplan und ein Bild eines Schutzengels, das ich schon einmal verwendet habe, um einen Blogeintrag zu illustrieren. Da hing das Marienbildchen gut, bis es eines Tages unerklärlicherweise verschwunden war.
Als ich gestern auf der Höhe ihres Hauses war, kam sie gerade von einer Quelle zurück, wo sie Wasser geholt hatte, um ihre Kinder vor dem Zubettgehen zu waschen. Nein, sie transportierte das Wasser nicht in einem Krug auf dem Kopf, sondern in Plastikflaschen im Kofferraum ihres Wagens. Ich erzählte ihr, dass ich das Bildchen verloren hätte und fragte sie, ob sie wohl noch welche hätte. Sie eilte in ihr Haus, um mir ein neues zu holen. Sie hatte nur noch eins, nämlich ihr eigenes, das sie in hohen Ehren hielt, das wollte sie mir geben. Ich weigerte mich, es anzunehmen. So ging das eine Weile hin und her, dann kam ihr Schwiegervater dazu und sagte, er hätte noch mehr von diesen Marienbildchen zu Hause, ich sollte das von M. annehmen, er würde ihr ein neues geben. Da M. so sehr darauf bestand, nahm ich das Bild an mich und setzte meinen Weg fort. Ich hatte das Bild in meiner Jackentasche und fühlte mich sofort gekräftigt. Eine eigenartige Stärke ging davon aus. Und dann kam ich ans Loch, wo anscheinend die Arbeit getan war. Es ist mir schon klar, dass zwischen meinem Besuch am Morgen und meinem Besuch am Abend ein Kompetenzteam da gewesen sein musste, das sich auf die Reparatur von Wasserleitungen für 20.000 Menschen verstand und über die erforderlichen Gerätschaften verfügte. Es hatte rasch gearbeitet und war wieder verschwunden, fast ohne Spuren zu hinterlassen. So muss es gewesen sein. Ich hatte bei meinen Besuchen nur Arbeiter gesehen, die nasse Erde von links nach rechts und von rechts nach links schaufelten, bzw. gar nichts taten. Es hatte also doch etwas Wunderbares, als abends wieder Wasser aus der Leitung kam.  

Alles fließt 

Sonntag, 28. Oktober 2012

Weckruf

Wer einen Trompetenweckruf hören möchte, klickt hier

So, jetzt ist der vierte Spülkasten auch noch leer. Ja, wir haben vier Toiletten. Es sei denn, Ihr hättet fünf, sechs oder mehr müsst Ihr jetzt vor Neid erblassen. Naja, gut, Ihr könnt das Erblassen auch bleiben lassen, darum geht's nämlich gar nicht. Der letzte Spülkasten ist jetzt auch leer und wir haben nicht mehr viel Wasser. 
Aber von Anfang an: Gestern, gegen 18.00 Uhr, fuhr ich in einen nahe gelegenen Supermarkt. Ich kreuzte dabei eine Straße, auf der ein riesiger Sturzbach hinab lief. "Das muss ein gewaltiger Rohrbruch gewesen sein", dachte ich. Meine Einkaufsliste war kurz, umfasste jedoch glücklicherweise 5 Fünf-Liter-Flaschen Wasser. Ich verbrachte ziemlich viel Zeit mit Schnuppern, was es so alles gibt, und als ich mich wieder auf den Heimweg machte, war eine ganze Stunde vergangen. Der Sturzbach floss unverändert, der Wasserdruck hatte den Bürgersteig aufgerissen. Kein Arbeiter in Sicht. "Jetzt schlägt es aber dreizehn", dachte ich. Ich beschloss, gleich nach meiner Heimkunft irgendwo - ich wusste noch nicht, wo - anzurufen, z.B. bei der Feuerwehr. Handy hatte ich vorsichtshalber keins dabei, ich würde es doch nur verlieren. 
Da erblickte ich, etwa 200 Meter entfernt, in der bepflanzten Mitte eines Kreisels, einen Mitarbeiter des Wasserversorgers. Er telefonierte heftig gestikulierend und rannte dabei kopflos hin und her. Ich hielt an und wies ihn auf das Desaster hin, das sich in seiner Nähe abspielte. "Jaja, wir wissen es bereits", antwortete er mir. "Das Wasser läuft seit mindestens einer Stunde ungebremst", sagte ich empört. "Jaja, wir arbeiten daran", antwortete er mir. 
Die nächste Neuigkeit vom Rohrbruch erhielt ich heute früh, kurz nach dem Erwachen. Ich pieselte, betätigte die Klospülung und wollte mir dann, meiner Gewohnheit entsprechend, die Hände waschen. Tja, kein Wasser. Okay, dann eben nicht, gell? Kein Wasser. Wir sind zurzeit zu dritt im Haus, wir waren aber auch schon zu neunt oder zehnt. Katzenwäsche und Zähne putzen mit Flaschenwasser für drei.
Heute war herrliches Herbstwetter. Ich machte einen Spaziergang zu der Stelle, an der das Wasser ausgetreten war. Sie sah jetzt so aus:



Ein großes Loch. Ein Bagger, ein Lkw, mehrere Arbeiter. "Wie lange wird es wohl dauern, bis wir wieder Wasser haben?" fragte ich.
"Bis zur Mittagszeit", antwortete mir der Chef freundlich. Ich machte mich auf den Heimweg. Unserer Internet-Zeitung entnahm ich, dass 20.000 Menschen ohne Wasser sind.
Wenn man kein fließendes Wasser hat, merkt man erst, wie häufig man während des Kochens den Wasserhahn aufdreht. Kein Salat, nichts, was gewaschen werden muss.
Gegen 18.00 Uhr war das Wetter immer noch wunderschön, sehr kalt, sehr sonnig. "Ach, ich könnte noch einmal einen Spaziergang zum Loch machen", dachte ich mir. Das Loch war jetzt etwas größer. Drei Arbeiter standen darin und schaufelten nasse Erde von einer Seite auf die andere. "Wie lange wird es wohl dauern?" fragte ich. "Ich hoffe, wir werden heute noch fertig", antwortete der Chef. "Es ist ein komplizierter, komplexer Rohrbruch." Durch die Wassermassen des ersten Rohrbruchs war es zu Erdverschiebungen gekommen, die zwei weitere Rohrbrüche nach sich zogen. 
Hier seht Ihr den Wasserspeicher, der der Versorgung von 20.000 Menschen dient. Es brachen die Hauptversorgungsleitung für alle diese Menschen, ein Nebenarm und die Leitung, in der das Wasser von der Trinkwasseraufbereitungsanlage zum Wasserspeicher gepumpt wird. 


Das herauslaufende Wasser wurde nicht gestoppt. Der gesamte Inhalt des Speichers floss in ein naheliegendes Feld (5.500 Kubikmeter, habe ich gehört. Ich weiß nicht, ob das viel ist, ich weiß nicht, ob es stimmt.). Heute wird das mit der Wiederherstellung der Versorgung sicher nichts mehr. Am Loch lagen keine  neuen Rohre rum. Die Wasserversorgung ist privatisiert. Im Internet hat eine Frau geschrieben, die Mitarbeiter der Firma wären "enchufados", also Leute, die mit irgendwem verwandt oder bekannt sind. Die also aufgrund ihrer Beziehungen bei der Firma beschäftigt sind und nicht, weil sie Kanalarbeiter oder Installateure oder vergleichbares sind. Kann sein, dass das nur üble Nachrede ist, aber nach dem, was ich gesehen habe, ist es durchaus glaubhaft. Ich meine, wenigstens neue Rohre hätten da rumliegen können.
In den einen Spülkasten habe ich Wasser aus unserer Regentonne gefüllt (in der sich nur etwa 30 Liter befanden). Zum Zähneputzen etc. haben wir noch genügend Flaschenwasser. Die Leute, die einen Swimmingpool haben, sind fein raus, die füllen Wasser aus dem Pool in ihre Spülkästen. Mein Sohn hat erzählt, im nahe gelegenen Städtchen hätten die Leute das Wasser aus den Zierbrunnen geholt. Morgen früh werde ich Wasser kaufen gehen. Für die Zukunft müssen wir echt besser vorbereitet sein. Wie viel Trinkwasser sollte man wohl vorrätig halten? 50 Liter? Und dann werde ich noch eine große Regentonne kaufen, mit 200 oder 300 Liter Fassungsvermögen. Das soll uns echt nicht noch einmal passieren, dass wir uns so viele Gedanken um Wasser machen müssen.
Update vom Montag, 13.00 Uhr (zur Erinnerung: Rohrbruch von mir zum ersten Mal gesehen am Samstag, um 18.00 Uhr). Heute morgen hatten wir immer noch kein Wasser. Ich beschloss, zum Loch zu fahren und je nachdem, wie die Dinge dort aussahen, 20 oder 30 Liter Wasser zu kaufen.
Das Loch hatte eine etwas andere Form als gestern. Ein Arbeiter stand darin und schaufelte nasse Erde von einer Seite auf die andere. Acht oder neun Leute standen um das Loch und schauten ihm zu. Ich schämte mich, ein Foto zu machen.
Ich fragte einen Arbeiter: "Wie lange wird es wohl dauern, bis wir wieder Wasser haben?" Ich kann mich an seine vage Antwort nicht erinnern. Einer der Herren im Anzug sagte mir, man solle nicht zum Loch kommen und die Leute von der Arbeit abhalten, sondern beim Wasserwerk anfragen. Ich entgegnete ihm, dass laut Wasserwerk das Wasser ja bereits seit 24 Stunden wieder liefe. Die Auskünfte des Versorgers und der Gemeindeverwaltung seien völlig sinnfrei, deshalb würde ich mich persönlich zum Loch begeben.
Und was ich dort sah, schaute gar nicht gut aus. Ich ging in den Supermarkt und kaufte 300 Liter frischen Trinkwassers. Die meisten Leute hatten weniger in ihren Einkaufswagen. Laut Website der Gemeindeverwaltung (von gestern!) ist der Schaden repariert und das Wasser läuft wieder in den Speicher ein. Da die Rohrleitungen völlig leer und insgesamt 75 Kilometer lang sind, würde es natürlich eine Weile dauern, bis alle wieder Wasser hätten. Aha.
Vorm Supermarkt hätte man eine schöne Studie machen können: Wer glaubt den Verlautbarungen der Gemeindeverwaltung und des Wasserversorgers und kauft 10 oder 20 Liter? Wer glaubt, dass dieser Trupp lügt bzw. unfähig ist und hortet möglichst viel Wasser?
Die Leute, die nah am Fluss wohnen, holen sich mit Eimern Wasser für ihre WC-Spülkästen. Mich wundert, dass die Schulen geöffnet sind. Die haben doch auch kein Wasser für die Toiletten und viele Mütter ermuntern ihre Kinder sicher, ihr Geschäftchen woanders als zu Hause zu erledigen. Haben die Altersheime eigene Wasserspeicher? Wie waschen die die alten Leute? ¡Agua ya! 
Finale von Montag, 19.00: Auf der Website des Wasserwerks steht, dass die Versorgung seit 14.15 Uhr wieder hergestellt ist und alles so ist, wie vor dem Rohrbruch. Das ist fein. Für uns gab es allerdings einen ziemlich gravierenden Unterschied: Es kam überhaupt kein Wasser aus der Leitung. Auf der Website der Gemeinde dankte der Bürgermeister seinen Untertanen für ihre Geduld.
Ich machte meinen Abendspaziergang also wieder zum Loch. Seine Fläche hatte sich etwa verdoppelt, die Hälfte, die heute früh noch nicht da war, war aber schon wieder zugeschüttet. Im alten Loch stand ein Arbeiter und telefonierte. Neben dem Loch standen zwei Arbeiter und unterhielten sich mit zwei Polizisten. Ein neues Stück Rohr lag da. Niemand arbeitete.
Ein paar Wassernutzer versuchten schließlich, Informationen aus den Arbeitern zu holen. Auskunft: Die Wasserversorgung funktioniert wieder. Dass keiner der Anwesenden fließendes Wasser in seiner Wohnung hatte, war den Arbeitern ziemlich unerklärlich. Als ich wieder nach Hause kam, tröpfelte Wasser aus dem Hahn. Rasch verstärkte sich der Druck. Wir haben wieder Wasser! Die Spülmaschine läuft, wir werden morgen sauber aus dem Haus gehen. Juhuuu!

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ein schönes Kompliment - Lachs auf Linsen

Lachs auf Linsen, das war heute unser Mittagessen. Mein Sohn forderte mich auf, ein Bild zu machen, weil das Gericht sooo lecker aussah. Der Lachs sieht aus, als wäre er durchgebraten. Das war er aber nicht, er war modern zubereitet, also im Kern noch fast roh. Ich erzähle Euch, wie ich das mache: Ich salze und pfeffere den Lachs und braten ihn in heißem Olivenöl zuerst von der oberen Seite, dann von der Hautseite scharf an bis er gebräunt ist. Dann vertiefe ich vorsichtig die Rillen, die er eh schon hat und übergieße die Oberseite mit Chimichurri-Sauce. Ich lege einen Deckel auf die Pfanne und schalte den Herd aus, so bleibt das Ganze noch ein paar Minuten stehen und zieht durch. Ich kontrolliere vorsichtig, dass der Fisch innen nicht gar zu roh ist. Vor dem Servieren entferne ich die Haut. Fertig. 

 
Lecker! Unter dem Lachs befindet sich ganz gewöhnliches Linsengemüse (natürlich ohne Speck o.ä.), das ich mit gemahlenem Kreuzkümmel gewürzt habe. Deshalb dachte ich auch, dass die argentinische Chimichurri-Sauce gut dazu passt. Sie ist überhaupt nicht scharf (regelmäßige Leser wissen, dass bei uns sehr mild gewürzt wird). Die Sorte, die ich habe, enthält viel Koriander.


"So schön und so lecker, mach' ein Bild und schreib' was für den Blog." Ein schönes Kompliment.

Freitag, 19. Oktober 2012

Immobilien in Spanien: Cräizy

Ja, Ihr habt Euch vielleicht gewundert, dass ich schon so lange nichts mehr über die Immobilienpreise in Spanien geschrieben habe. Heute habe ich mal wieder ein spannendes Gespräch mit einer Freundin geführt und dann dachte ich: "Musst doch mal wieder was schreiben." Aber wie immer vom Allgemeinen zum Besonderen. Zur folgenden Graphik, die die Entwicklung der Quadratmeterpreise in Spanien zeigt (Ausgangspunkt: 1000 im Januar 2005), sage ich jetzt erst mal nichts, lasst sie einfach auf Euch wirken:

grafica

Sie stammt von der Website www.fotocasa.es. Wenn Ihr dann auf das Tab "precio medio m2" klickt, kommt noch eine ganz tolle, interaktive Graphik, wo man sich zum Beispiel die Preisentwicklung in einzelnen Regionen und Städten anschauen kann, z.B. in Benidorm oder Marbella oder Mallorca oder wo Ihr Eure Immobilie eben habt oder haben wollt. Oder klickt hier, dann kommt Ihr gleich auf diese hoch interessante Seite. 
Ich hatte ja Bedenken, dass ich diese Graphik nicht kopieren könnte. Dann hätte ich sie halt abgemalt und fotografiert. Einen Strich von links oben nach rechts unten zu ziehen ist ja nicht sooo schwer, gell?
Jetzt fragt Ihr Euch, warum ich schon so lange nichts mehr von meinen Versuchstierchen (will heißen, von den zum Verkauf stehenden Objekten, die ich beobachte) geschrieben habe. Der Grund ist einfach: Es tut sich nichts. Um im Bild zu bleiben: Die Versuchstierchen liegen komatös in ihren Käfigen. Naja, paar Sachen haben sich schon getan: Das Haus unserer Bekannten, das für 440.000 Euro auf den Markt kam (für den Preis, zu dem sie selbst gekauft hatten), wurde nach wenigen Tagen um 50.000 Euro heruntergesetzt. Das ist aber eigentlich sooo wurscht ... es kauft eh keiner was. 
Die Wohnung mit der grünen Festbeleuchtung, von der ich Euch auch hier erzählt habe, wurde von 59.000 Euro wieder auf 98.000 Euro heraufgesetzt. Ich erkläre Euch rasch die spanische Looogggiiiiik: "Ich habe meine Wohnung für 98.000 Euro angeboten. Keiner wollte sie. Ich setzte sie auf 59.000 Euro herab. Keiner wollte sie. Was soll ich denn nun machen??? Soll ich sie vielleicht noch billiger anbieten??? Soll ich sie vielleicht verschenken??? Bestimmt nicht. Wenn sie eh keiner will, kann ich sie auch wieder für 98.000 Euro anbieten. Ich bin Besitzerin einer Wohnung, die 98.000 Euro wert ist, aber die Banken geben keine Kredite, deshalb kann sie auch keiner für diesen, ihren wahren Wert kaufen." Ja, so geht das. Ist doch besser, eine Wohnung für 98.000 Euro zu besitzen, die keiner will, als eine Wohnung für 59.000 Euro, die keiner will, oder?
An den beobachteten Reihenhäusern, nämlich diesen hier, ist nicht einmal mehr ein Schild dran, dass sie zum Verkauf stehen.
Das Beobachten ist also zurzeit oooiiißerst langweilig.
Nicht so das Gespräch heute:
A.: "Meinst Du, wir sollten unsere Wohnung an der Küste verkaufen und stattdessen lieber eine in Madrid kaufen?"
Ich: "Das wird schwierig werden, die Wohnung loszuwerden. Es kauft im Moment doch keiner was."
A: "Aber jetzt sind die Preise noch hoch. Wir müssen rasch handeln, jetzt ist der ideale Zeitpunkt."
Ich: "Wieso denn das?"
A: "Wir können die Wohnung an der Küste noch mit Gewinn verkaufen, noch sind die Preise hoch. Es ist mir schon klar, dass es vielleicht ein Jahr dauert, bis wir einen Käufer finden, aber wir können ja schon mal ein Schild dran machen. Und mit dem Geld kaufen wir dann eine Wohnung in Madrid. Die Preise liegen total am Boden. Es kauft doch keiner was. Der Markt ist tot."
Doublethink in seiner reinsten Form. Man denkt eine Sache und das genaue Gegenteil. Und es ist nicht so, dass die Preise an der Küste noch hoch sind und in Madrid schon gefallen. Es ist (fast) überall das gleiche Elend. Jaja, die Spanier und ihre Immobilien. Cräizy. 

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Krise in Spanien - Über die Verhältnisse gelebt

Ja, das ist ein Vorwurf, den die Deutschen den Südländern gerne machen: "Ihr habt über Eure Verhältnisse gelebt". 
In unserem Bekanntenkreis in Spanien ist der erste Opa in die Knie gegangen. Er kann die Lebenshaltungskosten seines Sohnes und dessen Familie nicht mehr stemmen und die Hypothek der jungen Leute nicht mehr bedienen. Nein, es ist keine von den Familien, von denen ich Euch schon erzählt habe. Es ist einfach noch eine Familie.
Man würde sie im privaten Gespräch hinter ihrem Rücken vielleicht als "korrupte Bagage" bezeichnen, sie selber hassen sicher Korruption in jeder Form; es war nur möglich, im Rahmen eines Amtes gewisse Gefälligkeiten zu erweisen, für die sich die Bedachten später erkenntlich zeigten. Also, alles ganz normal. (Das habe ich Euch nur erzählt, damit Ihr jetzt nicht vor Mitleid mit diesen Herrschaften zerfließt.)
Der Sohn hatte ein Geschäft, das hauptsächlich von öffentlichen Aufträgen gut lebte und Arbeitsplätze schaffen und expandieren konnte. Es ging ihm finanziell gut. Er kaufte eine relativ teure Wohnung und lebte seinen Verhältnissen entsprechend. Dann begann die Krise und sein Geschäft ging schlechter. Dann verschärfte sich die Krise, die öffentlichen Aufträge wurden auf 0 zurückgefahren und er musste sein Geschäft schließen. Da er selbstständig gewesen war, bekam/bekommt er kein Arbeitslosengeld und sein Einkommen beträgt null. Die junge Familie lebte in der Erwartung, dass sich die Wirtschaft ja irgendwann mal wieder erholen musste, von ihren Ersparnissen, bis die Ersparnisse aufgebraucht waren. Dann sprang der Opa ein. Der Opa hatte aber einen Teil seiner eigenen Ersparnisse bereits dem Sohn zum Hauskauf gegeben, den Rest hatte er zum großen Teil in "Preferentes" angelegt. Das sind Papiere, die von den Banken als "eine Art Festgeld" ausgegeben worden waren. Das Geld ist aber so fest angelegt, das es jetzt praktisch der Bank gehört (Laufzeit z.B. bis zum Jahr 3000). Der ganze Clan versuchte nun, von Opas (hoher) Rente zu leben und die Wohnung zu bezahlen. Das ging natürlich nicht lange. Jetzt musste der Sohn das "Se vende", "Zu verkaufen", -Schild an seine Wohnung machen.   
Bringt eigentlich wenig, denn der Wohnungsmarkt ist tot, wenn er seine Bude los werden will, muss er sie sicher deutlich unter seinem Kaufpreis anbieten. Das ist der Stand der Dinge. 
Haben diese Leute über ihre Verhältnisse gelebt? Meiner Meinung nach nicht.
Liebe Leserin, wenn Dir jemand sagen würde, in fünf Jahren beträgt Dein Einkommen null, kein Hartz IV,  kein Kindergeld, nix. Deine Ersparnisse werden aufgebraucht sein, das Geld Deiner Eltern wird die Bank an sich genommen haben, Dein Haus wirst Du nicht verkaufen können, weil es keinen Wohnungsmarkt mehr gibt, würdest Du das glauben? Und wenn dieser Fall, der jetzt so unvorstellbar scheint, einträte und ein Schwede käme mit erhobenem Zeigefinger und würde sagen: "Nåjå, sie hat jå auch über ihre Verhæltnisse geløbt"?   
Der deutsche Staat hat 2 Billionen Schulden, pro Kopf sind das über 25.000 Euro, pro vierköpfige Familie über 100.000 Euro. Diese Zahlen habe ich von der Seite des Bundes der Steuerzahler, nämlich von hier. Nur gut, dass Deutschland nicht über seine Verhältnisse lebt, gell?
(Ich schreibe das hier nur, um es zu dokumentieren. Das mit der Krise geht jetzt schon sooo lange. Spanien ist immer noch auf dem Weg nach unten, der Boden ist noch lange nicht erreicht. Glaube ich. Theoretisch finde ich es interessant, dem Niedergang eines Landes zuzuschauen, solch ein Spektakel bekommt man ja nicht alle Tage geboten. Praktisch ist es zum Kotzen.)

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Krise in Spanien - Interessante Zahlen

Okay, ich hatte versprochen, nichts mehr über die Krise in Spanien zu schreiben bis es mal wieder richtig große Zahlen gibt, also irgendsowas ab 100 Milliarden, für die Banken oder so. Oder die endgültige Rettung (¡EL RESCATE!). Aber gestern habe ich in den Nachrichten dann andere Zahlen gehört, die ich auch ziemlich faszinierend fand: Die Stadt Madrid hat 615 Stellen für Verwaltungsgehilfen ausgeschrieben und in diesen Tagen finden die Einstellungsprüfungen statt. An drei Tagen. In 2 Messehallen. Für die 615 Stellen haben sich nämlich über 40.000 Menschen beworben. 39.400 werden leer ausgehen. Einstellungsvoraussetzung ist der Graduado Escolar, was vielleicht dem deutschen Hauptschulabschluss entspricht. Die meisten Bewerber verfügen natürlich über höhere Bildungsabschlüsse, viele sind Akademiker, Juristen zum Beispiel, und haben sich jahrelang auf diese Prüfung vorbereitet (ohne Scheiß, schaut Euch das Video an, da sieht man auch schön die dicht bestuhlten Messehallen: Video Antena 3). Die 40.000 Prüflinge müssen in 70 Minuten 70 Fragen beantworten. Die 615 Auserwählten erhalten dann 1000-1200 Euro Lohn im Monat. Findet Ihr das viel?
Als im Sommer in Sabadell ein neuer IKEA eröffnet wurde, bewarben sich 55.282 Menschen auf 380 offene Stellen (ein Pressebericht hier).
Es müssen nicht immer Milliarden sein, oder? Zigtausende können auch mal interessant sein.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Lustiger Wortwechsel

Ich: "Wie viel Uhr ist es denn?"
Mein Sohn D.: "Eine Stunde vor acht."
(Diese seltsame Zeitangabe hat vielleicht damit was zu tun, dass um acht "El Clásico" beginnt, das Spiel zwischen FC Barcelona und R. M.)

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Nachmittagskaffee mit einer Freundin

Vor Ewigkeiten habe ich Euch mal von einer Freundin erzählt, nämlich hier, die immer das Essen anderer Leute heruntermacht. Heute hat sie mich angerufen und gesagt, sie hätte vor geraumer Zeit einen Kalten Hund (Kekstorte) gemacht, ob ich nicht Lust hätte, sie zu besuchen und mit ihr Kaffee zu trinken und von diesem Kalten Hund zu essen.
"Gerne", antwortete ich und machte mich auf den kurzen Weg zu ihrem Haus.
Sie hatte den Tisch auf der Terrasse liebevoll gedeckt und einen schönen Kaffee gekocht. Auf meinem Teller lag die Hälfte einer recht dicken Scheibe Kalter Hund, auf ihrem eigenen Teller lag etwa ein Viertel einer Scheibe.
Sie ist Mitglied der Thermomix-Gemeinde und informierte mich, dass es ihr ohne dieses Gerät gar nicht möglich gewesen wäre, dieses doch etwas komplizierte Backwerk herzustellen.
In welcher Phase der Zubereitung eines Kalten Hundes (Fett und Schokolade in einem Töpfchen schmelzen, Puderzucker unterrühren, die Masse abwechselnd mit Keksen in eine Kastenform schichten, oder?) man den Thermomix benötigt, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass wahre Thermomix-Fans dieses enorm vielseitige Gerät, das alle anderen Haushaltsgeräte überflüssig macht, für alles verwenden, auch zum Hemden bügeln und zum Hof kehren.
Ich führte ein kleines Stückchen Kalten Hundes zum Mund.
"Dieses Zeug ist extrem kalorienreich, weißt du?" sagte sie.
Ich ließ das Gebäck in meinem Mund schmelzen.
"Es besteht praktisch nur aus Fett und Zucker", sagte sie.
Sie hatte ihr Stück schon komplett verdrückt.
Ich lud das nächste Bröckchen auf meine Gabel.
"Dass du so etwas essen kannst ...", sagte sie.
Nun war ich völlig verwirrt. Ich legte das Bröckchen zurück und schob das Tellerchen mit der halben Scheibe Kalter Hund, von der nur ein kleines Eckchen fehlte, von mir.
"Dann esse ich es eben nicht", sagte ich.
Damit war sie zufrieden und wir begannen angeregt über andere Dinge zu sprechen.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Alt und neu - Seit' an Seit'


Ein letztes Mal Seit' an Seit' ... tschüss, alter Abfalleimer.
Ja, wir haben heute den neuen Abfalleimer in Betrieb genommen. Das Erste, was hinein kam (abgesehen von zwei Müllbeuteln), war ein Stück Schokoladengebäck unbekannter Herkunft, das seit ein paar Tagen im Kühlschrank lag. Mein Gatte meinte, wir hätten zur Einweihung ein Band durchschneiden sollen (ribbon cutting ceremony!). War mir dann aber zu aufwändig.
Okay, das ist jetzt das letzte Mal, dass ich mit meinem neuen Mülleimer angegebe.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Mein Auto, mein Mülleimer, meine Tafel Lindt-Schokolade

So, hier kommt das lang ersehnte Foto: Das neue Auto, der neue Mülleimer und eine Tafel Lindt-Schokolade (an der Fahrerseite auf der Windschutzscheibe liegend). Dieses Foto hat für meinen Gatten und mich enormen Symbolcharakter.
Wo soll ich anfangen? Also, zuerst einmal die Details: Beim Auto handelt es sich um einen Audi A 4 in Lavagrau mit Perleffekt. Beim Mülleimer handelt es sich um das Modell Erpa Typ 420 von Manufactum. Die Schokolade ist eine 300 g Tafel Alpenvollmilch-Nuss der Marke Lindt.
Ja, was hat das alles zu bedeuten? Es ist schwer zu erklären. Es gibt Menschen, bei denen können bestimmte Autos Wunden heilen, für erlittene Schmach entschädigen. Nach einer Kindheit in Armut, einer an Entbehrungen reichen Jugend leuchtet plötzlich ein Stern vor ihnen auf und verschafft ihnen einen späten Triumph. "Als ich den Stern vor mir sah, habe ich geweint", vor Freude, versteht sich. Sie können Minderwertigkeitsgefühle kompensieren. "Als ich meinen Benz zwischen die anderen Mercedes und BMW stellte, das war schon ein gutes Gefühl."
Wir wollten einen Audi und überlegten, ob ein A6 ausreichen würde, um unser kompliziertes Seelenleben in einen psychologischen Garten Eden zu verwandeln.
Lohnt es sich, 45.000 Euro auszugeben, um zu versuchen, Leute zu beeindrucken, die einem eigentlich am Arsch vorbeigehen sollten?
Außerdem hätte er nicht gut in unsere Garage gepasst.
Der Mülleimer. Ist dieser Mülleimer mit 146 Euro überteuert? Ich hatte den Mülleimer schon mehrmals vorher sehnsüchtig angeschaut, aber immer von einem Ankauf abgesehen, weil mir das Geld zu schade war. Er sieht solide aus, er erinnert an mich an meine Kindheit, an unseren Friseurladen. Ein Mülleimer für's Leben. Meine Lieben freuen sich darüber, da bei unserem alten Abfalleimer seit Ewigkeiten das Tretding zum Aufmachen kaputt war und ich schon mehrfach dazu aufgefordert worden war, einen neuen anzuschaffen. Also gut, so einen teuren hätt's nicht gebraucht. Ich glaube nicht, dass ich damit Gäste beeindrucken kann. Ich glaube, die nehmen das Ding nicht wahr, auch nicht, wenn sie in die Küche kommen. So, wie er auf dem Foto dargestellt ist, würde er natürlich schon Aufmerksamkeit erregen. An den Ampeln würde ich den Motor aufheulen lassen und dann würde die Leute in ihren schäbigen alten Karren zu mir herüber schauen und mein geiles Auto und meinen Luxus-Mülleimer sehen.
Und was hat es mit der Schokolade auf sich? Die hat über 5 Euro gekostet.
Die menschliche Psyche ist etwas Komplexes. Wie viele Autos, Häuser, Schmuckstücke werden wohl gekauft, wie viele hohe Posten angestrebt und erreicht, wie viele sportlichen Leistungen erzielt, weil irgendwer irgendwas kompensieren möchte?
Wie gesagt: Mein Auto, mein Mülleimer, meine Tafel Lindt-Schokolade. Macht uns alles ein bisschen froher, der psychologische Megaeffekt blieb aus. Das mit dem Stern klappt nicht bei jedem.