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Dienstag, 24. Februar 2015

Latein

Ich bin kein Freund davon, die kostbare Zeit und die geistigen Kapazitäten von Schulkindern mit Lateinunterricht zu vergeuden. Was hat das Erlernen dieser toten Sprache denn für einen Sinn? Ein Argument ist, dass man dann leichter andere romanische Sprachen erlernen kann. Dieses Argument ist korrekt, da ist kein Widerspruch möglich. Aber wenn ich stattdessen Spanisch lerne, eine Sprache in der ich immerhin mit 600 Millionen lebenden Menschen kommunizieren kann, kann ich hinterher auch leichter andere romanische Sprachen erlernen. Das Gleiche gilt für Italienisch, mit immerhin 70 Millionen Sprechern, wie ich gerade nachgeschaut habe. Ein weiteres Argument könnte sein: Es ist praktisch für Medizinstudenten, die verstehen dann auf Anhieb, was eine pulmonale Obstruktion ist. Auch richtig. Auf Spanisch heißt es "obstrucción pulmonar". Welchen Zusatznutzen da die intensive Beschäftigung mit Ovids Metamorphosen oder Caesars Bericht über den Gallischen Krieg bringen soll... weiß nicht. 
Wisst Ihr, wo ich die Zielsetzung sehe? Lateinschüler lernen von klein auf, sinnbefreite Dinge nicht in Frage zu stellen und ihnen Stunde um Stunde zu widmen. 
Ich will jetzt nicht sagen, dass Kinder stattdessen Spanisch lernen sollen, überhaupt nicht, sondern nur, dass man statt Latein etwas Sinnvolleres lehren könnte. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Kinder geistige Überkapazitäten haben und alles Sinnvolle schon gelehrt wird, und dann ist immer noch sooo viel Platz im Kinderhirn, da stopft man einfach irgendwas rein, so, wie man eine Kiste mit Holzwolle füllt, wenn alles Wichtige schon eingepackt ist, kann ja auch sein, keine Ahnung.
Jedenfalls gibt es auch viele lateinische Phrasen, die ich interessant finde und die in der Schule, zumindest zu meiner Zeit, nicht gelehrt wurden. Davon wollte ich schon lange mal ein paar zusammenstellen. Ich fange heute mit der ersten an. Es wird wahrscheinlich ziemlich langsam weitergehen. Falls das Thema jemanden interessieren sollte, macht Euch keine übermäßigen Hoffnungen.
Gehen wir gleich in medias res:
1. Roma locuta causa finita. Rom hat gesprochen, das Thema ist beendet. Dieser Satz stammt vom Heiligen Augustinus und bedeutet, dass wenn der Papst in Rom seine Meinung geäußert hat, jede weitere Diskussion überflüssig ist. Ich kenne ihn von einem befreundeten Philosophieprofessor. In seiner Familie wird dieser Satz in normalen Unterhaltungen benutzt. Das finde ich ganz witzig. Zum Beispiel: 
"Papa, darf ich noch aufbleiben?"
"Frag deine Mutter."
"Ich habe sie schon gefragt."
"Und was hat sie gesagt?"
"Sie hat nein gesagt."
"Dann weißt du's ja: Roma locuta causa finita."      
Gut, ne?
Vorschau: Excusatio non petita accusatio manifesta

Mittwoch, 22. Mai 2013

White trash im Englischunterricht

Als wir da gestern so beim Mittagessen saßen und unsere in der Mikrowelle aufgetaute Lasagne vom Einwegplastikteller aßen, fiel meinem Sohn der Ausdruck "white trash" ein. Als "white trash" bezeichnen manche in den USA die von Hoffnung auf Besserung ihrer Lage ausgeschlossene weiße Unterschicht, die auf Plastikstühlen in ihren Mobilheimen sitzt und in der Mikrowelle aufgetaute Lasagne vom Einwegteller isst. Ja, white trash lautet die Bezeichnung, zu deutsch "weißer Müll". Der Ausdruck ist sehr hässlich und abwertend und sollte nur zum passiven Wortschatz gehören. Man sollte wissen, was er bedeutet, ihn aber nicht selbst benutzen. Dieses Wort lernt man sicher nicht in der Schule, es gehört zum PRIVATWISSEN, zum unserem privaten Wissen, das niemand bewertet außer wir selbst. Das Wissen, an dem wir uns erfreuen können und an dem wir nach Belieben feilen können. Es steht im Kontrast zum Schulwissen, das von irgendwelchen Säcken geprüft und benotet wird. Selbstverständlich gibt es Kinder und Jugendliche, die genau so verdrahtet sind, wie die Schule dies wünscht, bei denen sich Privatwissen und Schulwissen überlappen, aber das ist nicht bei jedem so.
Da wir beim Thema Englisch sind: In den USA wird Geschichte in der Schule als interessantes Fach unterrichtet. Mein Sohn fand dort Gefallen daran und las freiwillig nach seinem Geschmack zusätzliche Bücher. Er eignete sich ein recht beeindruckendes Wissen an. Zurück in Europa war Geschichte als interessantes Fach natürlich Geschichte. Wie die Europäer das schaffen, ich weiß es nicht. Muss Geschichte als Schulfach wirklich Sch--- sein? Um zu verhindern, dass er sein Interesse komplett verliert, forderte ich ihn auf, streng zwischen seinem Privat- und Schulwissen zu unterscheiden. Geschichtsunterricht in der Schule hat mit Spaß an geschichtlichem Wissen einfach nichts zu tun. Punkt. Es ist eine Formalität, durch die man durch muss.
Im Englischunterricht an bayerischen Gymnasien lernt man in einem der ersten Jahre, wie diese Lederhosen heißen, die Rodeoreiter über ihren Jeans tragen, diese Teilhosen, wisst Ihr, welche ich meine? Fragt mich nicht, wie das englische Wort dafür heißt, ich habe es wieder vergessen. Mein Neffe kennt es. Er kann jederzeit in englischer Sprache über Rodeobekleidung parlieren und hält dieses Wissen für Prüfungen parat. Wir haben jahrelang in den USA gelebt... ich hätte niemals Gelegenheit gehabt, das Wort zu verwenden, falls ich es gekannt hätte. Es gab keine Konversation, in die ich es hätte einflechten können. Echt nicht. Keine. Keine einzige. Null.
"White trash" habe ich dagegen des öfteren gehört. Und das ist Privatwissen. Selbstverständlich muss man das Schulwissen abrufbereit halten, aber das wirklich wichtige für uns als Menschen und nicht als Schüler ist das Privatwissen. Das, was ich im richtigen Leben verwende, das ist mein Privatwissen. "Aha, ich hab' da was verstanden, ja, ich kapiere das", das ist was Schönes! Und da kommt kein Blödi und sagt 2 oder 4. Ich, meins, mein Privatwissen. Yeah.   

Montag, 23. Mai 2011

Das spanische Schulsystem II oder El fracaso escolar

In Spanien wird das Konzept „Gemeinsamer Schulbesuch bis zum sechzehnten Lebensjahr“ konsequent umgesetzt. Meine Kinder sind in Deutschland (Bayern), Spanien und den USA in die Schule gegangen, ich hatte also Gelegenheit, verschiedene Schulsysteme zu erleben und glaube deshalb, mir ein gewisses Urteil erlauben zu dürfen. Das spanische System ist das Schlechteste. In den USA gehen Kinder mit unterschiedlichem Potenzial zwar gemeinsam zur Schule, sie haben aber die Möglichkeit, je nach Neigung und Leistungsfähigkeit unterschiedliche Kurse zu besuchen. In Spanien ist diese Möglichkeit nicht gegeben.
Die natürliche Neigung der Kinder ist jedoch, als Störenfried mit den anderen Störenfrieden abzuhängen und als Streber mit den Strebern (vereinfacht ausgedrückt). Kinder, denen das Lernen schwer fällt, wollen nicht mit Überfliegern in einer Klasse sein und frustriert mitanschauen, wie der Banknachbar nach einem raschen Blick ins Buch verstanden hat, worum es geht, während sie selbst für die gleiche Übung Stunden brauchen.
„Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt der Volksmund und ich kann aus eigener Anschauung Folgendes berichten: Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr das war (am spanischen Schulwesen wird ununterbrochen herumgedoktert, alles ist in ständigem Fluss, was heute gilt, muss morgen schon nicht mehr gelten), als für die Klasse meines Sohnes die Möglichkeit bestand, zwischen Mathe-Werkstatt und Französisch zu wählen. Ich glaube, es war in der siebten Klasse. Da mein Sohn gerne Mathe machte, wollte er die Werkstatt wählen. Zusätzlichen, interessanten Unterricht, in dem die, dies nicht interessiert, einfach mal nicht dabei sind. Falsch gedacht. In die Mathe-Werkstatt gingen die, die in Mathe schlecht waren. Die Mathe-Fans gingen in Französisch. Gleichzeitig wurde eine Klasse mit katholischem Religionsunterricht gebildet und eine Klasse ohne (die Schüler hatten in dieser Stunde frei). Eine tolle Chance, die die Kinder sofort erkannten und wahrnahmen, bot sich: Französisch und Reli = Klasse mit guten, fleißigen Schülern. Die Lehrer lobten diese Klasse, die sich gebildet hatte, als die Schüler ein winziges Fenster hatten, um sich zu sortieren. Dieses Fenster wurde natürlich mittlerweile wieder geschlossen.
Es ist einfach entsetzlich, wenn man alle bis zum sechzehnten Lebensjahr zusammensperrt und ihnen Unterricht knapp unter Gymnasialniveau erteilt: die, die nicht mitkommen, sind im besten Fall still und frustriert, im schlimmsten Fall stören sie. Die, denen alles zufliegt, langweilen sich, weil der Lehrer soviel Zeit damit verbringen muss, Ruhe in die Klasse zu bringen. Die, denen der Unterricht in etwa gerecht würde, kriegen nicht viel mit, weil die Störer stören und die Lehrer meckern. Als mein Sohn in der 6. Klasse war, entschuldigte sich sein Lehrer bei mir: Er könne leider nichts dafür, aber er müsse mehr als die Hälfte der Unterrichtszeit dafür aufwenden, für Ruhe zu sorgen. Ungelogen. Diesen Lehrer hatte er drei Jahre lang (war kein besonders schlechter Lehrer, Durchschnitt, würde ich sagen). Mein Sohn saß jahrelang täglich ein paar Stunden da und wartete, bis der Unterricht vorüber war. Was hätte man in dieser Zeit alles lernen können.
In keinem anderen Bereich käme man auf den Gedanken, die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten zusammenzusperren. Man stelle sich vor, hundert Kinder müssten in vier Fußballmannschaften eingeteilt werden: Fünf sind Leistungssportler, fünf gehen an Krücken, zehn haben keinen Bock auf Fußball und würden lieber Handball spielen, fünf wünschen ihre Mannschaft zu sabotieren, zehn sind fleißig und talentiert, zehn sind fleißig und unbegabt, zehn sind schlecht und faul, der Rest ist Mittelmaß.
Eine Kommission wird einberufen, die darüber entscheiden soll, wie man am besten Mannschaften bildet, in denen die Spieler möglichst glücklich sind und möglichst optimal gefördert und auf die Welt des Fußballs vorbereitet werden. Herausragende Experten werden konsultiert, die Geschichte des Fußballs wird studiert, Franz Beckenbauer und Pep Guardiola werden an die Spitze der Kommission berufen. Nach Jahren das Ergebnis: In Mannschaft A spielen die Katholischen, in Mannschaft B die Evangelischen, in Mannschaft C die, die sich dem Islam zugeneigt fühlen und in Mannschaft D die, die mit Religion nichts am Hut haben. Ein Aufschrei: Gettobildung!
Die Kommission tritt erneut zusammen. Jahre später ein neues Ergebnis:
In Mannschaft A spielen diejenigen, deren Namen mit einem Buchstaben von A bis F beginnt, in Mannschaft B spielen die von G bis M und so weiter.
Meiner Meinung nach darf man sich das hiesige Schulwesen in etwa so vorstellen (mit dem Unterschied, dass in der Kommission keine wirklichen Experten sitzen würden, sondern Gewerkschafter und die Verwandten von irgendwem).
Harte Worte, werdet Ihr sagen, aber mir fallen momentan keine härteren ein.
Ja, me he despachado a gusto.
Selbstverständlich würde ich dies alles nicht laut und persönlich sagen. Ich verstecke mich hinter der Anonymität des Blogs. In Spanien reden alle vom „Fracaso escolar“, dem Scheitern der Schule und der Schüler, aber wenn man sagen würde, dass man bei der Bildung der Klassen oder beim Verteilen auf Schulen die Leistungsfähigkeit der Schüler berücksichtigen sollte, würde man gleich als „Facha“ (sprich: Fattscha) gelten, als Faschist, als extrem Rechter, der die naturgegebene Gleichheit aller Menschen in Abrede stellt. Und man gilt doch lieber als „Progre“ (sprich: Progreh).
Vor einer Weile kam von Regierungsseite der Vorschlag, die allgemeine Schulpflicht bis auf das achtzehnte Lebensjahr auszudehnen. Es folgte ein Aufschrei der Lehrer, die sagten, sie könnten angesichts der vielen Untersechzehnjährigen, die in der Schule scheiterten, sowieso kaum unterrichten und das Letzte, was das System bräuchte, wären Sechzehn- bis Achtzehnjährige, die gegen ihren Willen in der Schule festgehalten würden. Daraufhin verschwand der Plan gleich wieder in der Versenkung.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Das spanische Schulwesen I

Wie Ihr wisst, macht unser jüngster Sohn in diesem Jahr in Spanien Abi. Eines der angebotenen Fächer war "Weltliteratur" und als Literaturfreund ließ er es sich nicht nehmen, dieses Fach zu wählen. Umfangreiches Privatwissen sollte selbstverständlich kein Anlass für gute Schulnoten sein (Chancengleichheit!), aber manchmal sollte es vielleicht doch das eine oder andere Pünktchen extra geben (Spässle, natürlich sollte es das nicht). Jedenfalls wurde das Thema "Russischer Realismus" behandelt und da durfte auch Alexei Tolstoi, der Autor unter anderem von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", nicht unerwähnt bleiben.

Bitte beachtet Punkt 4.1
Der Geburtsort ist auch falsch geschrieben
Mein Sohn, dessen Mutter ein Tolstoj-Fan ist und der kurz zuvor das Werk "Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre" auf dem Couchtisch hatte liegen sehen, wagte zu fragen: "Heißt der nicht Leo oder Lew mit Vornamen?" Dem Lehrer, der die staatliche Erlaubnis zum Unterrichten des Fachs "Weltliteratur" auf Abitur-Niveau hat, war dies nicht bekannt. Er versprach, sich kundig zu machen, kam aber nie mehr auf das Thema zurück. 
Karl-Heinz Mann (der Autor der "Buddenbrooks", ej), der ein Bewunderer Tolstojs war, würde sich im Grab umdrehen. Wer sich für das Lehrbuch interessiert, hier ist eine Abbildung, es ist für 32,40 Euro im spanischen Buchhandel erhältlich. 
Titel: Literatura Universal (+ CD), Bachillerato
Autoren: Arevalo, Ayala, Duran, Lopez, Martin
Verlag: Casals
ISBN: 978-84-218-4030-6

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