Dienstag, 23. April 2019

Salamanca - Stadt der Kultur, der Künste, der Wissenschaften

Salamanca - Stadt der Kultur, der Künste, der Wissenschaften, aber ganz gewiss nicht der Dienstleistungen. Die Stadt ist berühmt dafür, wie schlecht in vielen einheimischen Läden Verkäufer ihre Kunden behandeln. Kunden betrachtet man hier als Feinde, mit denen man sich notgedrungen arrangieren muss, und Brautpaare betrachtet man als Lämmer, die zur finanziellen Schlachtbank geführt werden. Die folgende Anekdote ist derart abwegig, derart unglaubwürdig, dass es nicht möglich sein wird, sie in den Kanon salmantinischer Dienstleistungstiefpunkte aufzunehmen, also erzähle ich sie hier: Mein Sohn und seine Freundin planen ihre Hochzeit und haben ein Hotel ausgewählt, ein sehr gutes Hotel, in dem die Feier stattfinden soll. Erwartungsgemäß ist im Preis die Tischdekoration eingeschlossen. Das Hotel bietet die Möglichkeit, die Blumen auf den Geschmack des Brautpaares abzustimmen und meine künftige Schwiegertochter wollte dieses Angebot annehmen, um Arrangements nach ihren Vorstellungen zu erhalten. Das Brautpaar befindet sich zurzeit aber nicht in Salamanca, deshalb riefen sie beim Blumenladen an und baten um die Zusendung von ein paar Fotos, damit sie sich etwas raussuchen könnten. Der Herr vom Blumenladen antwortete, das ginge leider nicht, aus Datenschutzgründen. Bis dahin war eigentlich alles noch ganz normal, es konnte sich ja nur um ein Missverständnis handeln. Meine Schwiegertochter schickte ihm eine E-Mail und forderte ihn auf, ihr ein paar Bilder von möglichen Blumendekorationen zu senden. Der Herr antwortete nein, das könne er nicht, aus Datenschutzgründen. Meine Schwiegertochter schickte ihm daraufhin Bilder von Arrangements, die ihr gefielen, die sie aus dem Internet heruntergeladen hatte. Die Arrangements würden das Budget sprengen, antwortete er. Daraufhin schickte sie Bilder von bescheideneren Arrangements. Diese würden ebenfalls das Budget sprengen, antwortete er. Daraufhin schickte sie Bilder von noch bescheideneren Arrangements. Diese würden ebenfalls das Budget sprengen, antwortete er, war aber unter keinen Umständen bereit, Bilder von Blumen aus seinem Laden zu schicken, die das Budget NICHT sprengen würden (Datenschutz!). Mein Sohn begab sich daraufhin bei einem Besuch seiner Heimatstadt in den Laden. Der zuständige Herr war nicht da, der anwesende Herr durfte keine Bilder von möglichen, budgetkonformen Blumendekorationen zeigen. Mein Sohn fragte: "Was kosten Blumendekorationen denn so im allgemeinen?" "Das darf ich nicht sagen," antwortete der Verkäufer. "Was kosten denn die Blumen, die Sie hier in Ihrem Laden haben?" fragte mein Sohn. "Das darf ich nicht sagen," antwortete der Verkäufer. "Sie sind doch auf den Verkauf von Blumen spezialisiert," sagte mein Sohn. "Was kostet denn zum Beispiel diese Blume hier, wenn ich sie kaufen und mit nach Hause nehmen möchte?" Der Verkäufer nannte einen Preis. Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Selbstverständlich war er bereit, außerhalb des Budgets des Hotels jedes beliebige Arrangement herzustellen.
 Meine Schwiegertochter müsste eigentlich für ihre Prüfungen lernen und war durch diese salmantinische Form des Geschäftemachens stark abgelenkt. Die Blumen-für-die-Tischdekoration-im-Hotel-Angelegenheit nahm langsam groteske Züge an und ich mischte mich ein, hauptsächlich damit meine künftige Schwiegertochter lernen und sich wichtigeren Dingen zuwenden könnte. Mein Sohn rief wieder beim Blumenladen an und fragte, ob es wohl möglich sei, während eines Besuches dort mit seiner Freundin zu skypen und ihr Bilder von Blumenarrangements zu zeigen, ohne diese irgendwo zu speichern. Ja, dies sei datenschutzkonform, antwortete ihm der Blumenhändler. 
So begaben wir uns also gestern zum Blumenladen, der in einer Seitenstraße einer Seitenstraße liegt und klein und einfach ist. Der Verkäufer führte uns in ein winziges Nebenzimmer. Die Frage, ob dieser Raum wohl abhörsicher sei, stellte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir baten ihn, die Bilder sehen zu dürfen und er zeigte sie uns auf einem Tablet. Es waren vielleicht fünfzehn, zwanzig Stück. Was er uns zeigte, waren unauffällige, ganz gewöhnliche, nicht weiter bemerkenswerte Tischdekorationen. Eine Rose mit Schleierkraut im Einmachglas, Gerbera in einem Obstkistchen... Es gab aber durchaus auch hübsche Sachen. 
"Schicken Sie die Bilder von den Sachen, die uns gefallen, bitte an meine Schwiegertochter," versuchte ich es. 
"Aus Datenschutzgründen kann ich diese Bilder nicht verschicken, sie wurden im Hotel aufgenommen," sagte er (auf den Bildern waren nur Blumen zu sehen, keine Personen im Hintergrund, Ort der Aufnahme nicht zu identifizieren, nur Blumen auf Tischen). 
"Diese Bilder sind von Gesetzen zum Schutz personenbezogener Daten nicht betroffen. Sie sind Ihr Eigentum, Sie können Sie uns gefahrlos zur Verfügung stellen," sagte ich.
"Das Hotel verbietet es mir, ich habe gerade erst wegen Verstößen gegen das Datenschutzgesetz 1500 Euro Strafe bezahlt, weil irgendjemand Bilder bei Facebook hochgeladen hat," behauptete er.
"Gut, dann rufe ich jetzt meine Verlobte über Skype an und zeige ihr die Bilder, ohne sie zu speichern," sagte mein Sohn.
"Das geht nicht," sagte der vermeintliche Blumenhändler, "wir haben nämlich einen Jammer, einen Störsender."
Zwischenfrage: Sind alle Blumenläden mit Störsendern ausgestattet?
"Darf ich bitte Ihr Wifi benutzen?" fragte mein Sohn.
"Nein," antwortete der Geschäftsmann.
"Was bilden Sie sich eigentlich ein?" sagte ich schließlich. "Ihre Arrangements sind doch überhaupt nichts besonderes. Im Internet sind tausendfach schönere Sachen zu sehen."
"Sie beleidigen mich," empörte er sich. "Wir setzen Trends, wir hatten schon Anfragen aus Amerika!"
Ich wies ihn darauf hin, wie absurd die Situation doch war und mein Sohn wies ihn darauf hin, dass er sich selbstverständlich beim Hotel beschweren würde.
Er hätte im vergangenen Jahr 300 Tischdekorationen für das Hotel gemacht und alle wären immer sehr zufrieden gewesen.
Schließlich erklärte er sich bereit, beim Hotel anzufragen, ob er wohl die von uns vorausgewählten Fotos an meine Schwiegertochter schicken dürfte. Heute früh trafen die mit riesigen Wasserzeichen versehenen Bilder bei ihr ein.
P.S.: Mein Sohn war mittlerweile noch einmal im Hotel, um sich zu vergewissern, dass bei der Hochzeitsfeier ordentliche Blumen auf den Tischen stehen würden. Die zuständige Weddingplannerin zeigte ihm Bilder von den zu erwartenden Arrangements, die sehr schön waren, entschuldigte sich und bat ihn, den vermeintlichen Blumenhändler (CIA-Agenten???) nicht mehr zu kontaktieren. Die Hochzeitsfeiern in diesem Hotel haben bei den Bewertungsportalen 4,9 von 5 Punkten. Ich glaube, wir sollten uns auf die Veranstalter verlassen.

Samstag, 20. April 2019

Duolingo - Portugiesisch lernen

Ein rascher Zwischenbericht: Wie gesagt, ich mache den Duolingo-Kurs Portugiesisch. Ich habe 24395 EXP und ungefähr den halben Kurs gemacht. Letzte Woche  begleitete ich meinen Gatten für vier Tage auf eine Reise nach Oporto (Kongressvorbereitung!) und hatte damit Gelegenheit, meine Kenntnisse einmal am Mann bzw. an der Frau auszuprobieren. Duolingo hat in der Fachwelt keinen guten Ruf. Ich habe auch das Gefühl, in meinem Alter (55) schon an geistiger Frische eingebüßt zu haben, also, es fliegt einem nicht mehr alles so zu wie mit, sagen wir mal, zwanzig. 
Mit den Prämissen "Duolingo taugt nichts" und "Ich bin verblödet" machte ich mich also auf den Weg gen Westen (von uns aus ungefähr dreieinhalb Stunden mit dem Auto). Schon vor der Grenze suchten wir uns einen portugiesischen Sender. Radionachrichten sind ja normalerweise das erste, was man in einer Fremdsprache versteht bzw. erahnt: Brexit, Trump, Wetter, Fußball. Ich verstand nichts. Ja, das ganze Gelerne war umsonst gewesen. Im Hotel lief es dann gar nicht mal so schlecht, halb portugiesisch, halb spanisch. Lesen klappt so ziemlich tadellos (bei entsprechenden Spanischkenntnissen).
An den folgenden Tagen durfte ich feststellen: Wenn sie untereinander reden, die Portugiesen, verstehe ich sie gar nicht. Nuscheln ist hier Amtssprache. Wenn sie langsam und deutlich zu mir sprechen, verstehe ich sie - manchmal. Ein riesengroßes Erfolgserlebnis war zum Beispiel, als ich einmal allein im Zimmer war und das Telefon klingelte. Die Dame vom Empfang sagte: "Schauschouchschouchschsch agua schouchchchschau problema schouschauchchchchouschou cuarto." Ich interpretierte ihre Aussage dahingehend, dass sie mir mitteilen wollte, dass es in manchen Zimmern (cuartos) Probleme (problema) mit dem Wasser (agua) gab und antwortete: "Tudo bem em meu cuarto." Das heißt: "Alles in Ordnung in meinem Zimmer." Es hätte mich vor Stolz fast zerrissen!!!!! Wir sagten dann noch "obrigada", "danke", und "boa noite", "gute Nacht".  Meine erste Unterhaltung auf Portugiesisch! Auf dem Flur wurde laut geredet. Ich machte die Tür auf. Dort standen die Zimmermädchen: "Chchschauschou agua schschschou problema" sagten sie zu mir und ich brachte wieder mein "Tudo bem em meu cuarto" an. Diese Kleinigkeit hat mich echt glücklich gemacht.
Am nächsten Tag verirrte ich mich ein bisschen/hatte ich Gelegenheit "Wo ist der Bahnhof?", "Onde fica a estacão?" zu fragen und anhand der Gestik der Einheimischen, die mir antwortete, verstand ich, wie ich zum Bahnhof komme. Bestellen im Restaurant klappte gut, langsam gewann ich an Selbstvertrauen. Selbst sprechen ist viel einfacher als diese lieben Menschen zu verstehen. 
Im Restaurant fragte mich der Kellner, ob ich nach dem Essen einen Kaffee wollte und ich antwortete auf Portugiesisch: "Ja, aber nur wenig Kaffee und viel Milch." Aufgrund meines hübschen Satzes überschätzte er meine Kenntnisse völlig und antwortete: "Chchschouschauschou schschsch chch aischouschschou." Ich schaute ihn groß an und er lachte. Dann brachte er mir eine Tasse mit viel kalter Milch und wenig Kaffee. Was sich hinter seinem Wortschwall verborgen hatte, werde ich nie erfahren, ob sich zwischen den Schs und den Chchs und Aos und Ous wohl "leite quente", "warme Milch", oder "leite frio", "kalte Milch", versteckt hatten? Keine Ahnung.
Wie soll man es beschreiben? Ich konnte ganz schön viel sagen, viel mehr als ich erwartet hatte. Also, sehr viel mehr. Und sie freuen sich, wenn man sich die Mühe macht, ihre Sprache ein bisschen zu lernen und in ihrem Überschwang nuscheln sie hurtig los und dann versteht man sie eben nicht!!!  Also, bevor ich mich mit den Menschen dort unterhalten kann, ist noch arg viel zu tun.
Ebenfalls als Begleitperson eines Kongressvorbereiters war ein junger Mann dabei, den ich schon von früher kannte. Wir wollten beide am nächsten Tag die Stadt besichtigen und ich fragte ihn, ob wir das gegebenenfalls zusammen tun wollten und er antwortete ja. Wir verabredeten uns um eine bestimmte Uhrzeit am Bahnhof (a estacão!). Ich hatte vorher einen bekannten Markt besichtigen wollen, der aber wegen Renovierung/Restaurierung geschlossen war, er hatte die hunderttausend Stufen eines Kirchturms erklommen. Er hatte ganz richtig vermutet, dass ich da nicht hinaufsteigen wollen würde. Ich hatte vermutet, dass er den Markt auch nicht sehen wollte, damit hatte ich aber falsch gelegen. Wir trafen uns also im berühmten Kachel verzierten Bahnhof ("Onde fica a estacão?"). Ich musste ein bisschen warten und hörte in der Zeit einem Führer zu, der gerade in spanischer Sprache die frühe Geschichte Portugals erklärte. Ich weiß von portugiesischer Geschichte nichts, außer die Sache mit dem Erdbeben von Lissabon, die in jeder Hinsicht super interessant ist. Hier ein Link zum Wiki-Eintrag: Erdbeben Lissabon 1755
Ich wollte meinem Begleiter rasch zusammengefasst erzählen, was ich gerade gelernt hatte, aber das wusste er schon alles. Man hat ja als älterer Mensch ein bisschen Bedenken, jüngere Menschen zu langweilen oder zu nerven, aber es war wohl nicht der Fall, denn ich bot an, uns zu trennen, für den Fall, dass er lieber Jüngere-Menschen-Sachen machen wollte, aber er fragte mich, was denn bei einer Stadtbesichtigung Jüngere-Menschen-Sachen überhaupt sind, und wir gingen zusammen weiter und schauten die Kathedrale an und noch eine Kirche und quasselten die ganze Zeit, er hat nämlich eine ziemlich interessante Lebensgeschichte und einen interessanten Beruf und es störte ihn nicht, dass ich ihn ausquetschte. Ich wagte zu gestehen, dass ich mit Duolingo Portugiesisch lerne, das fand er gut. Er hielt seine Deutschkenntnisse damit auf dem Laufenden. Es stellte sich heraus, dass er so sieben Sprachen sehr gut spricht und dann noch ein paar nicht so gut, aber Leute, die mehrere Sprachen sehr gut sprechen, legen häufig hammerharte Maßstäbe an und verstehen unter "spreche ich nicht so gut" ein B2, was für nicht so sprachbegabte Menschen schon ein Riesenerfolg ist.
Er gab mir den Tipp, einen Kriminalroman auf portugiesisch zu lesen, zum Beispiel was von Agatha Christie, deren Werke hätte einen begrenzten Wortschatz. Am nächsten Tag, als wir alle zusammen unterwegs waren, gingen wir in den Buchladen, der J.K. Rowling als Inspiration für Harry Potter gedient hat (sie hat wohl eine Weile in Oporto gelebt). Mir geht dieser ganze Harry Potter-Kram komplett am Allerwertesten vorbei, aber der Vollständigkeit halber schauten wir uns halt diesen Laden an. Man muss 5 Euro Eintritt bezahlen, der wird einem dann aber auf Käufe angerechnet. Ich fragte nach einem Krimi von Agatha Christie oder irgend einem anderen spannenden Buch mit möglichst wenig unterschiedlichen Wörtern. Agatha Christie hatten sie nicht, die Verkäuferin empfahl mir ein Werk aus der Ripley-Serie von Patricia Highsmith, das ich kaufte. Die Verkäuferin lobte mich für meine Bemühungen und wies mich darauf hin, dass man nicht obrigadaaa (danke) sagte, sondern obrigaddd. Schwierig.
Also, der Tipp mit dem Krimi war super gut. Ich lese jeden Tag ein paar Seiten und schreibe mir pro Seite zwei oder drei neue Wörter auf. Das Problem ist halt: die Aussprache und das Hörverständnis bessern sich dadurch nicht. Bei uns in der Siedlung gibt es eine portugiesische Putzfrau, die ich gefragt habe, ob sie bereit wäre, mir Unterricht in ihrer Muttersprache zu geben. Sie wehrte heftig ab, weil sie über keine entsprechende Bildung verfügt. Ich sagte, das ist vollkommen egal, ich weiß ja, was ich von ihr lernen will, sie muss keinen Unterricht vorbereiten und nix. Ich komme zum Beispiel mit meinem Krimi und sie liest einen Satz vor und ich spreche ihn möglichst korrekt nach usw. Sie bot an, mich zum Kaffee einzuladen und mit mir portugiesisch zu sprechen. Ich habe schon ein paar Mal (oft) versucht, sie anzurufen, aber sie geht nie dran. Mein Gatte meint, sie geht nicht dran, weil sie weiß, dass ich das bin, hahaha. Es ist doch für sie angenehmer, mit mir einen Krimi zu lesen als irgendwo zu putzen, oder? Ich meine, als Zubrot, ne? Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.
Zur Verbesserung des Hörverständnisses, das immer noch irgendwo um den Nullpunkt tümpelt (nur gut, dass unter Null gar nicht geht, haha), schaue ich mir auf Netflix die brasilianische Serie "3%" an, die ziemlich gut ist. Ich lese die Untertitel, das klappt ganz gut. Man lernt auch viele böse Wörter. Mein Plan: Zweimal die komplette Serie (18 Folgen) mit Untertitel lesen anschauen, dann versuchen, langsam von den Untertiteln wegzukommen. Wenn man Spanisch kann und ein bisschen Portugiesisch und sich das eine oder andere Wort im Wörterbuch sucht, sind die Untertitel gut verständlich. Wie Ihr seht, nehme ich die Sache mit dem Portugiesischen ziemlich ernst.
Beim Duolingo bleibe ich vorerst dabei, denn es zwingt einen zu Disziplin, weil man ja seine Serie  (Tage am Stück, an denen man gelernt hat) nicht verlieren will. Außerdem gibt es auch Clubs und Foren, das ist ziemlich interessant. Zum Beispiel nachdem dieser Stromausfall in Venezuela gewesen war, vor ein paar Wochen, verloren alle venezolanischen Teilnehmer ihre Serie (weil sie ja wegen des Stromausfalls nicht lernen konnten) und sie jammerten heftig in einem Forum. Und die anderen Foristen (fast alles Lateinamerikaner, bedenkt, dass nur 10% aller Spanischsprecher in Spanien leben) wunderten sich: "Wieso regt ihr euch darüber auf, dass ihr eure Duolingo-Serie verliert, während euer ganzes Land vor die Hunde geht?" Und die Venzolaner antworteten: "Warum sollen wir uns nicht darüber aufregen, dass wir unsere Duolingo-Serie verlieren, bloß weil unser Land vor die Hunde geht?" Diese Diskussion fand ich hoch interessant. Wie anders die Venezolaner die Situation sehen, in der sie sich befinden, als die, die von außen drauf schauen. Dann meinte einer (von den Venezolanern), "Guaido wird uns von den Amerikanern vor die Nase gesetzt, er ist ein amerikanischer Agent" und er lieferte Beweise aus dem Lebenslauf von Guaido. "Ja, aber wenn ihr es doch allein nicht auf die Reihe kriegt...", meinten andere Lateinamerikaner. Ja, das war im Duolingo-Forum zu finden. Aus unseren Zeitungen und Nachrichten erfahren wir ja leider nur wenig Sinnvolles.
Ja, gut, das ist so ungefähr der Stand der Dinge. Auf dem Rückweg von Oporto hielten wir noch in einem Städtchen namens Viseu, um zu Mittag zu essen und die Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Es war Sonntag und regnete ein bisschen und dort war keine Sau. Wir fanden sie dann alle in einer Kirche. Der Pfarrer predigte gerade und ich verstand - nichts.
Wir suchten dann nach einem Restaurant und fanden in einem winzigen Gässchen ein winziges Häuschen mit einer steilen Stiege, so, wie in alten Häusern früher in Deutschland. Draußen hatten sie ein schönes Schild stehen, auf dem sie ein Menü für neun Euro anboten. Wir stiegen also über eine Katze hinweg und die Stiege hinauf und kamen.... es war wirklich mittelalterlich: viel dunkles Holz, eine niedrige Decke, niedrige Tische, Bänke ohne Lehne. Wir waren die einzigen Gäste. Wir ließen uns das Menü bzw. das Tagesgericht bringen. Die Betreiber waren zwei junge Leute - es war, als wäre man bei Studenten zu Gast, die sich ganz arg bemühen, einem Freude zu machen. Ich weiß nicht, ob denen alle Tripadvisor-Kritiken im Nacken sitzen. Ständig kamen die beiden, um uns zu fragen, ob wir zufrieden wären, ob alles schmeckte, es war echt witzig. Das Essen war auch so, als wäre man bei Privatleuten zu Gast. Es war irgendwie rührend. Die oben beschriebene Szene mit dem kalten Kaffee geschah auch dort. Die Nachspeise war Apfelgratin mit Eis. Der Apfelgratin kam frisch aus dem Kühlschrank, das war echt schad' drum. Ich wollte noch sagen: Stellt ihn mir doch einen Moment in die Mikrowelle, aber dann dachte ich, ach, was soll's. Da haperte es noch an so vielem anderem. Wir haben sie auch nirgendwo bewertet, denn was soll man da bewerten? Den guten Willen oder die Feuergefahr? Dabei hätte man bei einem Brand gar nicht die Stiege hinunter gemusst, man hätte aus dem Fenster springen können (wahrscheinlich ins Haus gegenüber, so schmal war die Straße, hahaha). Tschö.

Sonntag, 31. März 2019

Der spanische Keukenhof


 Ja, unser Anwesen ist auch als "Der Spanische Keukenhof" bekannt. Eintritt 20 Euro, einschl. Führung. Draußen nur Kännchen.


Exzerpt aus der Führung: Diese Tulpen und Traubenhyazinthen sind vom Aldi. Die Zwiebeln wurden schön geordnet in einem flachen, runden Karton verkauft, den man miteinpflanzen und der dann verrotten sollte. Da es bei uns nicht sooft regnet wie in Deutschland und daher die Gefahr bestand, dass der Karton nicht verrotten würde, habe ich die Zwiebeln genau so geordnet, aber ohne Karton eingepflanzt. Oben seht Ihr das Ergebnis. Meiner Meinung nach ist dieses Produkt, Tulpenzwiebeln im Pflanzkarton vom Aldi, absolut empfehlenswert.

Sonntag, 24. März 2019

Duolingo: Portugiesisch

Wie Ihr wisst, mache ich seit geraumer Zeit den online Portugiesisch-Kurs von Duolingo. Ich frage mich ernstlich, wer das Zielpublikum dieses Kurses ist. Zum Thema "Berufe" lernte ich folgende Sätze: "Mein Gatte ist Fürst", "Mein Sohn ist Bischof", "Gute Nacht, Gräfin". Denken die, wir sind die Medicis? Alternativ gibt es auch: "Der Oberst isst eine Orange", "Ich kenne den Nachnamen des Kommandanten nicht", aber den Vornamen, ne? Wir sind nämlich per Du. Aber gut, ist egal. Gerne gelernt hätte ich: Bäcker, Elektriker, Putzfrau, Informatiker, Metzger, Installateur und so weiter. Das kommt vielleicht in einer späteren Lektion. Falls jemand Verwendung für den Satz hat: "Mein Sohn ist Bischof" heißt "Meu filho é bispo". Gern geschehen.

Freitag, 22. März 2019

Konmari und die Festwirtjacke

Ich habe heute ein Kissen weggeschmissen, weil es so verschlissen war. Da wir (Netflix!) in letzter Zeit ein bisschen nach Konmari leben, aufräumen und wegschmeißen, sagte mein Sohn: "Willst du dich nicht vom Kissen verabschieden und ihm danken?" Ja, gut, okay, das wollte ich, musste aber feststellen, dass ich einen derartigen Hass auf dieses Kissen hatte... es hat mich selbst total überrascht.
Ich hatte es in den tiefsten Tiefen der spanischen Krise gekauft, als hier am Ort ein Geschäft Pleite machte, das teuere Dekorationsstoffe verkaufte. 1 Kissen wurde für 10 Euro abgegeben, da kaufte ich gleich mal 4 Stück. Die Kissen waren schön, hatten aber einen riesigen Nachteil: Sie passten bei uns im Haus zu nichts. Zu keinem Sofa, zu keinem Sessel, zu keinem Bett, zu nichts. Sie wanderten also 10 Jahre lang ziellos hin und her, lagen mal da, mal dort und passten nie. Heute stellte ich erfreut fest, dass eines der Kissen zerschlissen ist, und wie gesagte, ich leerte meinen Hass über ihm aus: "Ich kann dir leider nicht danken. Du hast nie irgendwo dazu gepasst. Du hast mich immer nur geärgert. Du warst ein Fehlkauf! Ich bin froh, dass ich dich endlich wegschmeißen kann. Du tust mir leid, denn du hast deinen Seinszweck, nämlich ein geschätztes Kissen zu sein, nie erfüllt. Ab mit dir in den Müll!" Jetzt habe ich noch drei von diesen Kissen. Ich muss echt mal meinen ganzen Hausstand Konmari-mäßig durchgehen, vielleicht besitze ich, ohne es zu wissen, noch mehr solche Hassobjekte.
Während dieses Vorfalls trug mein Gatte, wie schon seit vielen Jahren fast immer im Winter, seine Festwirtjacke. "Meinst du, ich sollte sie auch mal wegschmeißen?" fragte er im erhabenen Konmari-Moment. "Warte noch ein Jahr," antwortete ich ihm tröstend.
Was hat es mit dieser Jacke auf sich? Er hat sie vor Jahren von meinem Bruder und meiner Schwägerin zu Weihnachten bekommen. Es handelt sich um eine graue Strickjacke mit Zopfmuster. Sie sieht bayrisch aus, ist aber von einem ausländischen Hersteller. "Du siehst aus wie ein Festwirt," sagte ich zu ihm, als er die Jacke zum ersten Mal trug. Er sah aus wie der Wirt, der stolz durch sein Oktoberfestzelt schreitet. Ich weiß echt nicht, wieso. Ich war auch noch nie auf dem Oktoberfest. Zuerst fremdelte mein Gatte ein bisschen: Die Jacke war für spanische Verhältnisse doch arg bayrisch. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase, in der er feststellte, wie kuschelig und weich dieses Kleidungsstück doch ist, wurde sie zu seiner allerliebsten Lieblingsjacke und er trägt sie im Winter zuhause fast immer. Sie heißt auch auf spanisch Festwirtjacke, zum Beispiel in dem Satz: "¿Dónde está mi Festwirtjacke?"
Sie besteht mittlerweile fast nur noch aus Riwwelchen, tausenden, winzigen. Ja, irgendwann wird es Zeit sein, ihr "Pfüati!" zu sagen. Nächstes Jahr vielleicht, oder übernächstes. Er kann ja schon mal anfangen, in seinen Mußestunden eine Konmari-Abschiedsrede zu komponieren.
Detail der Festwirtjacke:

Guckt mal, so schön blüht unsere Orchidee:

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Partir, c'est toujours mourir un peu - Abschiednehmen ist immer ein bisschen wie Sterben



Partir, c'est mourir un peu,
C'est mourir à ce qu'on aime :
On laisse un peu de soi-même
En toute heure et dans tout lieu.

(Edmond Haraucourt, 1856 - 1941, aus Wikpedia kopiert (also ich, ich habe diese Strophe eines Gedichts aus Wikipedia kopiert, Monsieur Haraucourt hat sie, glaube ich, selber verfasst))



 Ja, meine Lieben, Ihr ahnt es: Ich bin mal wieder am Aufräumen und Wegschmeißen. Im Hintergrund seht Ihr ein blaues Kissen, mit dem man es sich theoretisch in der Badewanne so richtig schön gemütlich machen kann; leider jedoch nur theoretisch, denn um es zu benutzen, muss man den Hals in einem Neunzig-Grad-Winkel abknicken und das ist alles andere als bequem. Farblich passt es gut zu unserem blau-beigen Bad, aber nachdem es nun zwanzig Jahre nutzlos auf dem Wannenrand gelegen hat, heißt es nun Au revoir.
Aus dem Bad stammt auch die Glasflasche links, die einst Badezusatz enthielt und ein Geschenk war, über das ich mich sehr gefreut hatte. Als sie leer war, dachte ich: Wie schön wäre es doch, meinen Billigbadezusatz in schöne Flaschen umzufüllen (zu dekantieren, ne?). Also durfte sie auch ein paar Jahre auf dem Wannenrand stehen, leer, zwischen diversen vollen Shampoo-, Spülungs-, Duschgel- und Badezusatzflaschen. Das mit dem Dekantieren wird eh nichts. Wenn ich in den vergangenen fünf, sechs Jahren nicht dekantiert habe, dekantiere ich jetzt auch nicht mehr, deshalb heißt es nun Adieu.
Ebenfalls getrennt habe ich mich von drei angebrochenen Flaschen Weichspüler, die aber nicht auf dem Bild sind. So vor zehn Jahren habe ich aufgehört, Weichspüler zu benutzen und das Zeug ist dickflüssig geworden. Da mein ältester Sohn gesagt hat, er würde sich freuen, wenn seine Bettwäsche mal wieder aprilfrisch duften und sich kuschelweich anfühlen würde, suchte ich im Internet, ob es eine Möglichkeit gibt, das Zeug wieder flüssig zu bekommen (gibt es nicht). Also ging der Weichspüler den Weg alles Irdischen, bzw. verseucht jetzt irgendwo irgendwas.
Harina de Garbanzo, zu deutsch Kichererbsenmehl, vorn im Bild. Meine vegane Nichte hat mal bei einem Besuch - nicht beim letzten und auch nicht beim vorletzten, sondern sagen wir mal so vor zwei Jahren - uns vorgeschwärmt, wie vielseitig verwendbar doch das Kichererbsenmehl sei und was es doch alles ersetzen würde, zum Beispiel Ei, wenn man eine spanische Tortilla backt. Als ich es dann in einem Laden sah, kaufte ich dieses wunderbare Produkt. Bei uns stellt sich aber dieser Fall gar nicht, dass wir Eier durch Kichererbsenmehl ersetzen wollen. Und so nahm das Kichererbsenmehl einfach nur Platz in Bestlage im Schrank weg. Da es mir leid tat, es wegzuschmeissen, schaute ich mal auf der Packung, was man so damit machen kann: zum Beispiel Hummus. Gelesen, getan: es schmeckte grauenvoll nach rohem Kichererbsenmehl. Da ich nun aber auch die übrigen Zutaten für das Hummus verdorben hatte, beschloss ich, aus der Pampe Falafel zuzubereiten. Auch die schmeckten grauenvoll nach rohem Kichererbsenmehl. So, nun war ich bereit, mich vom Hummus, den Falafeln und dem Kichererbsenmehl zu trennen. Wenigstens muss ich mir nicht vorwerfen, etwas unversucht gelassen zu haben. 
Der letzte Gegenstand oben auf dem Bild ist ein Sushirollenmacher von Leifheit. Ja, nicht wahr, warum sind die Japaner in tausenden von Jahren nicht darauf gekommen, wie man Sushi-Rollen einfacher machen kann? Wieso musste da erst Leifheit auf die Idee kommen? In den Müll damit. Das Gerät war vom Lidl, es war nicht besonders teuer. Es hat vielleicht drei oder vier Euro gekostet, ich weiss es nicht mehr. Allerdings: Wie wenig es auch gekostet haben mag, es war noch weniger wert.
So, jetzt seufze ich tief - das hört Ihr leider nicht -, denn ich habe nicht nur weggeschmissen, ich habe auch etwas Neues gekauft, Schande über mich, nämlich einen Slow Cooker bzw. Crockpot. Das sind in den Vereinigten Staaten sehr beliebte Geräte, die zuhause das Essen kochen, während man auf der Arbeit ist. Da sie so acht Stunden zum Kochen brauchen und bei uns die Hauptmahlzeit das Mittagessen um 14 Uhr bis 14.30 Uhr ist (entsprechend der spanischen Sitte), ist das mit den acht Stunden nicht gerade ideal. Bei seinem ersten und bisher einzigen Einsatz stand ich morgens um sechs auf, um den Slow Cooker anzuschalten. Ich bereitete Hähnchen auf Gemüse zu, es war okay... aber wirklich nur okay, die Kartoffeln waren al dente, die Paprika auch, freilaufende Hähnchen sind ja naturgemäss etwas fester als diese... diese anderen Hähnchen. Aber es sieht schön aus, das Gerät, oder? Langfristig erwarte ich Grosses von ihm, ich muss mir nur erstmal die richtigen Rezepte suchen.


Er hat auch nur 23 Euro gekostet, beim MediaMarkt, beim Black Friday. Ich richte eben am Vorabend das Essen komplett, hüpfe um sechs rasch aus dem Bett, schalte den Slow Cooker an... man wird sehen. Als nächstes steht BBQ Coca Cola Pulled Pork auf dem Programm.

Montag, 19. November 2018

Meine schöne Herbstdeko

Es stimmt. Wenn ich sie Euch nicht bald zeige, ist schon wieder Zeit für die Weihnachtsdeko. Das unten ist mein "Centerpiece" für den Tisch. Ihr wisst, dass es mir wichtig ist, für die Deko möglichst kein Geld auszugeben und Material zu verwenden, das ich schon besitze, und es mit Objekten aus der Natur zu ergänzen. Auf dem ersten Bild steht es auf der schwarzen Herdplatte, damit man es besser sieht. Die Schale sind zwei große Stücker Baumrinde von meiner Krippchendeko. Das eine war zu schmal, das andere zu kurz, deshalb habe ich sie ineinander gelegt. Das sieht ziemlich gut aus, finde ich. Der Teelichthalter ist aus meinem Fundus (Depot, 99 Cents).Das Moos musste ich leider, leider kaufen (Spanien) und habe dafür 3,50 Euro hingelegt. Billigeres Moos sah viel schlechter und künstlicher aus. Die Hortensien kommen aus unserem Garten, das kleine, braune Zeug kommt von irgendeinem Baum. Gesamtkosten: 3,50 Euro. Künftiger Müll: Null. 
Die Schale aus Rinden gefällt mir so gut, für den Advent tue ich vielleicht die getrockneten Hortensien weg und ersetze sie durch Kugeln oder so. Ich verspreche Euch ein Bild von der Weihnachtsvariante und zeige dann auch, wie ich das mit den Rinden genau gemacht habe.


So sieht mein stimmungsvolles, herbstliches Arrangement auf dem Tisch aus:


Unten meine Windlichtdeko: Traubenranken aus dem Garten (Trick: grüne Ranken verwenden, die sich leicht biegen lassen, die werden in wenigen Tagen braun), Hagebutten von einem Spaziergang. Kosten null. Es sieht in Wirklichkeit viel schöner aus als auf dem Foto, ich schwör. Es steht auch auf einem anderen Platz, nämlich auf dem Couchtisch, wo es besser wirkt. Und die Kerze steht auch gerade, ts.


Ja, es wird tatsächlich schon Zeit, mit den Weihnachtsvorbereitungen anzufangen. Ich habe heuer das große Glück, alle Kinder hier zu haben. 
Die erste Dezemberwoche bin ich in Deutschland. Das bedeutet: Gelegenheit zu einem Shopping-Feldzug, bei dem alle Geschenke auf einmal gekauft werden können (mein Wort in Gottes Ohr!). Mit dem Leeren des Tiefkühlschranks (ganz wichtig!) habe ich schon vor Wochen angefangen, das dauert nämlich. So hatte ich heute Platz für die Ente, die ich bei Lidl erstanden habe. Die kaufe ich jedes Jahr, die ist ziemlich gut. Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es bei uns Canard à l'orange. Ein paar Dominosteine (vier Packungen) habe ich auch gekauft. Der Plum Pudding muss gebacken werden! Der muss nämlich einen Monat lang ziehen. Hier habt Ihr das Rezept: Plum Pudding 
Anstelle von Rinderfett werde ich dieses Mal aber Margarine verwenden, damit er vegetarisch ist. Das mit dem Flambieren ist ein toller Effekt und funktioniert wunderbar.  
Wie jedes Jahr nehme ich mir vor, alles perfekt zu organisieren. Wenn man nach Perfektion strebt, läuft dann mit ziemlicher Sicherheit alles so einigermaßen - und das genügt ja.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Mal wieder was zum Thema Putzen...

Der Beruf meines Gatten bringt es mit sich, dass er ziemlich viele Kongresse besucht und von dort stets mit frischem Wissen und einem Rucksack/einer Mappe/einem Beutel/einer Tasche, zur Erinnerung mit dem Titel des jeweiligen Kongresses bedruckt, zurückkehrt. Diese/r Rucksack/Mappe/Beutel/Tasche liegt eine Weile in seinem Arbeitszimmer und wandert dann auf den Dachboden zu seinen/ihren Artgenossen, die dort in einer Umzugskiste, die schon nicht mehr zugeht, ihrer Verwendung harren.
Da der Sommer nun doch langsam zu Ende geht, wollte ich heute die Gartenstühle in ihr Winterquartier auf dem Dachboden bringen. Dort war ganz, ganz wenig Platz und wieder einmal fiel mein Blick auf die Kiste mit den Rucksäcken/Mappen/Beuteln/Taschen aller Art, die an so viele schöne Kongresse erinnern. Ich hatte in der Vergangenheit schon mehrfach versucht anzudeuten, dass man sich gegebenenfalls mit dem Gedanken beschäftigen könnte, was langfristig mit den Rucksäcken/Mappen/Beuteln/Taschen geschehen soll, und eventuell sogar die Entsorgungsfrage zu stellen. Seine immer wiederkehrende Antwort: "Schmeiß doch dein eigenes Zeug weg!"
Es ist keine Sammlung im eigentlichen Sinne. Es ist nur so, dass die Behältnisse zu gut sind, um sie einfach so wegzuwerfen, dass man aber ü-ber-haupt keine Verwendung dafür hat und auch niemanden kennt, an den man sie weiter verschenken könnte.
Wie würde denn die Situation aussehen, in der man zig Kongresstaschen benutzt? Ich will nicht behaupten, dass es fünfzig Stück sind, aber viel weniger sind es gewiss nicht. Wer könnte denn so etwas wollen? Schulkinder in der Dritten Welt? Da sind richtig gute Taschen dabei, auch Laptop-Taschen, alles, was man sich nur vorstellen kann.
Jedenfalls hat mir mein Sohn mit den Gartenstühlen geholfen und die Rucksäcke/Mappen/Beutel/Taschen sind jetzt im Müllcontainer. Gut, dass mein Gatte diese Zeilen nicht liest. Spätestens dann, wenn er den/die nächste/n Rucksack/Mappe/Beutel/Tasche in die Kiste legen will, wird er bemerken, dass sie nicht mehr da ist. Soll ich dann tun als wüsste ich von nichts oder die ganze Schuld auf unseren Sohn schieben? Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen. Das wird ein Donnerwetter geben. Dann werde ich endlich zustimmen müssen, die ganzen Videos wegzuschmeißen, die ebenfalls mindestens eine Kiste füllen. Dabei haben die doch viel Geld gekostet! Und wir hatten unsere Freude daran! Die Technologie ist völlig überholt, das findet man jetzt alles im Internet, sagt mein Sohn und hat -nicht nur wahrscheinlich- recht. Mist. Ein Teil meiner Dekoartikel wird auch in Gefahr sein. Und altes Kinderspielzeug. Oh je. Wir müssen ein bisschen Ordnung machen auf unserem Dachboden...

Dienstag, 23. Oktober 2018

Ananas selbst ziehen


Ich hatte Euch doch von meinen Plänen erzählt, aus der Ananas, die ich aus Kolumbien mitgebracht hatte, eine Pflanze zu ziehen. Ich hatte keine großen Hoffnungen, dass das klappen würde, aber schaut mal:

Anleitungen findet man auf Youtube. Man dreht das Grünzeug raus, schneidet unten ein bisschen von dem weißen Zeug weg, reißt ein paar Blätter ab, stellt den Rest in Wasser... et voilà:


 Nach wenigen Tagen sprossen schon massiv Würzelchen...


...und ich pflanzte das Ding bzw. meine zukünftige Ananaspflanze in einen Topf. Seht Ihr, wie in der Mitte schon neue Blätter sprießen?


Gießen einmal pro Woche. Das ist bei mir sonntags, das ist mein Gießtag. Wie heißt doch der schöne Spruch? "Der Sonntag ist der Tag des Herrn, am Sonntag ruh'. bet' und gieße gern."
Meine Kaffeesamen habe ich übrigens immer noch nicht gesät. Ich will sie in Getränkedosen säen wie ich das mit den Orangensamen mit relativem Erfolg auch gemacht habe. Das ist bei uns aber nicht so einfach, weil wir keine Dosengetränke zu uns nehmen. In den vergangen zwei Monaten haben wir es unter Mühen auf fünf Dosen gebracht. Dabei bevorraten wir Dosen mit Cola, Tonic Water, Bier, Fanta und Aquarius, für den Fall, dass mal Besuch kommt, aber wenn dann Besuch da ist, vergessen wir, dass wir das Zeug haben und bieten es gar nicht an. Die Dose Aquarius ist im Juli 2017 abgelaufen, ich habe gerade geschaut. Mist. Ob das noch gut ist? Soll ich es einfach wegschütten? Dann hätte ich noch eine Dose. 

Samstag, 13. Oktober 2018

Was ich heute nacht geträumt habe

Letzte Nacht habe ich Folgendes geträumt: Ich war in China (war ich noch nie) in einer Siedlung mit vielen gleichen, weißen, zweistöckigen Häusern, die um begrünte Innenhöfe angeordnet waren. Alles war sauber und gepflegt, in der Mitte einer Einfahrt wuchsen wunderschöne rote Rosen. Eine Frau, die mir irgendwie zugeteilt worden war, kümmerte sich um mich. Ich hatte keine nähere Beziehung zu ihr, sie war, im übertragenen Sinne, gesichtslos. Ich bemühte mich nicht herauszufinden, wie die Frau hieß oder wie die Straße hieß oder die Siedlung. Weiter ging es in einem riesigen Schwimmbad. Die Frau und ich lagen auf einem Stück Wiese mit Blick auf eine Straße wie in der Siedlung. Die Aussicht von unserem Platz aus prägte sich mir ein. Ich sagte nach einer Weile zur Frau: "Ich laufe ein bisschen herum und schaue mir alles an." Die Frau blieb zurück. Die Schwimmbadlandschaft war riesig groß, es gab normale Becken, Becken in ungewöhnlichen Formen. Meine Stimmung auf meinem Weg war neugierig und fröhlich. Es gab zum Beispiel eine kurze Wasserrutsche, die ich hinunterrutschte, eine große, komplizierte, auf die ich verzichtete, und eine mittelgroße, von der ich nicht mehr weiß, ob ich sie benutzte oder nicht. Es gab ein Becken aus weichem, weißem Kalkstein mit sehr flachem Wasser, nur ein paar Zentimeter tief, in das ich mich legte. Dann setzte ich meinen Weg über grobe Steine fort, ein beträchtlicher Teil des Schwimmbads war noch in Bau. Mir kam der Gedanke, dass ich mittlerweile nicht mehr wusste, wie ich an meinen Platz zurückkommen konnte, dass ich den Namen der Frau nicht kannte und keine Ahnung hatte, wie die Straße hieß, wo sie wohnte, dass ich kein Wort chinesisch sprach, dass es mir also langsam unmöglich wurde, zurückzufinden. Ich bedachte diese Tatsachen kurz und beschloss, dass mir dies egal war.
Ich kam zu einer Klippe, die mindestens fünfzehn Meter hoch war. Wenn man direkt hinunterschaute, blickte man auf eine Wiese. Etwas weiter weg war ein kleiner, Sumpf umstandener See. Ich entschied mich zu springen, aber im Sturz dachte ich, dass ich womöglich beim Aufschlag sterben, im besten Fall mir alle Knochen brechen würde, deshalb begann ich, mit den Armen zu rudern, Richtung kleinem See, in den ich problemlos eintauchte. Dies war eine angenehme Situation. 
Dann lief ich weiter, begegnete meinem jüngsten Sohn, was mich sehr glücklich machte, und ich ging ein Stück des Weges mit ihm. Dann war ich wieder allein. Ich kam an eine hässliche Treppe, von der Sorte, die man in irgendwelchen Ecken des Außenbereichs moderner Gebäude findet. Es roch nach Pisse. In einer Ecke stand ein dicker, chinesischer Junge und pinkelte. Ich lief die Treppe hoch und war wieder im hellen Sonnenlicht in der Schwimmbadlandschaft. Ich hatte keine Ahnung, wie ich wieder zur Frau zurückfinden könnte. Ich kannte ihren Namen nicht. Ich konnte mir auch kein Taxi rufen und zu ihrem Haus fahren, da ich die Adresse nicht kannte. Ich überlegte mir, dass ich im Notfall zur Polizei gehen und dort einfach warten könnte, bis jemand nach mir fragt.
Ich lief weiter über grobes Gestein und sah schließlich den Anblick, den wir von unserem Platz aus gehabt hatten, nämlich die Straße mit den Häusern. An mehr kann ich mich nicht erinnern.
Als ich aufwachte, fragte ich mich natürlich gleich, was dieser seltsame Traum wohl zu bedeuten hatte, denn solche Träume habe ich nicht oft. Es fiel mir sofort ein: Es war der Weg durch's Leben, mit seiner Unsicherheit, Unbekanntheit, aber immer wieder begegnen einem interessante Dinge, im Positiven wie im Negativen, meist im Positiven, Gott sei Dank. Man trifft ohne großes Abwägen riskante Entscheidungen (Sprung von der Klippe), begegnet vertrauten, wenngleich stinkenden Dingen (Treppe mit chinesischem Jungen)... alles in allem war es für mich persönlich ein interessanter Traum, deshalb habe ich ihn hier festgehalten. 
Viele Dinge lassen sich natürlich auch aus tatsächlichen Ereignissen erklären:
Im Sommer habe ich viiiel Zeit im Schwimmbad verbracht. Gestern habe ich mit meiner Schwägerin über die Gestaltung von Hofeinfahrten gesprochen. Die große, komplizierte Wasserrutsche erklärt sich durch die Erzählung meiner Nichte vor ein paar Tagen von der Sommerrodelrutsche im Schwarzwald, die ihr überhaupt gar keinen Spaß gemacht hatte. Das ganz flache Wasserbecken war wie die eine Ecke im Thermalbad in Kolumbien. Der See mit dem Schilf: Gestern ist mir beim Übersetzen das deutsche Wort Schilf nicht eingefallen. Im Wörterbuch fand ich Röhricht und Ried. Im Traum ist mir "Schilf" wieder eingefallen. Dass so viel von der Schwimmbadanlage noch in Bau war, erklärt sich sicher dadurch, dass man noch im Leben steht, dass es nicht vorbei und abgeschlossen ist. Die Tatsache, dass es mir so gleichgültig war, ob ich wieder zurückfinde, hat mit meiner allgemeinen Lebenseinstellung zu tun, nämlich mir zu überlegen, was im schlimmsten Fall passieren kann und wenn das nicht so schlimm oder bewältigbar ist, mir keine weiteren Gedanken zu machen. Oder so ungefähr. Das jedenfalls war mein Traum heute nacht, der mir echt was gebracht hat.

Freitag, 5. Oktober 2018

Pereira - Stadt ohne Sehenswürdigkeiten

Okay, da kommen sie endlich, die Bilder von Kolumbien. Das erste zeigt die Autobahn zwischen Cali und Pereira. Natürlich sieht sie nicht überall so aus, aber doch auf ganz schön langen Teilstücken.


Naja, und ganz ohne Sehenswürdigkeiten ist Pereira nun auch wieder nicht, immerhin haben sie eine Statue von Simón Bolívar nackt zu Pferde auf ihrem wichtigsten Platz stehen. Simón Bolívar war DER südamerikanische Unabhängigkeitskämpfer zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wenn ich richtig sehe, hat er auch keinen Sattel. Autsch, oder? Dennoch hat die Statue was, ne?

So, das wäre jetzt der Platz, auf dem sie steht. Im Rücken hätte man aus dieser Perspektive die Kathedrale, die aber echt nicht der Rede wert ist. Aber hier wie in jeder Kirche, in der wir in Kolumbien waren: Es waren ziemlich viele betende Menschen drin. Das Verhältnis Touris zu Betern war etwa 2 zu 30, wobei die Touris mein Gatte und ich waren. Pereira ist wirklich nicht so die Fremdenverkehrshochburg.


Was gibt's zu Pereira noch zu sagen? Die Stadt hat fast 500.000 Einwohner. Es ist die wirtschaftliche Hauptstadt des kolumbianischen Kaffeeanbaugebiets, del eje cafetero. Es ist keine Stadt für Leute, die gerne nackte Männerfüße bzw. -beine sehen. Sandalen und kurze Hosen für Männer sind dort unüblich - und das liegt nicht am Wetter.
Hier kommen Bilder von der Straße, in der unsere Freunde wohnen. Es ist ein volkstümliches Stadtviertel. A. hat mir erzählt, wie sie in den Besitz ihres Hauses kamen. Die Stadtverwaltung gab den künftigen Bewohnern Rohbauten, also einfach vier Wände aus grauen Hohlsteinen mit einem ganz schlichten Dach, ohne Fenster, ohne Türen. Anschlüsse ja, Sanitäreinrichtungen etc. nein. Das mussten sie sich alles selber einbauen. Im Laufe der Jahre haben die Leute ihre Häuser natürlich aufgehübscht, die Fassaden gestrichen, Gitter vor die Fenster gemacht, viele haben noch ein Stockwerk draufgesetzt, den Bürgersteig in Beschlag genommen und zur Terrasse umgebaut, so auch unsere Freunde, die gleich mal ein Gitter um ihre Terrasse/ihren Bürgersteigabschnitt gezogen haben. Ein Stockwerk draufsetzen, z.B., ist erlaubt, wenn es nicht mehr als 30 cm überragt, 40 cm werden auch geduldet, vieles wird geduldet.
Als Tourist sieht man solche Viertel ja normalerweise nicht aus der Nähe, als Tourist sieht man normalerweise überhaupt keine Wohngegenden aus der Nähe. Es geht ja auch niemand hin und guckt, wo die Masse der Venezianer wohnt.
Unsere Gastgeber rieten davon ab, allein durch die Straßen zu streifen. Nur in unserer bzw. ihrer Straße durften wir ohne ihre Begleitung frei herumlaufen, weil die Bewohner uns als Besuch von Familie T. kannten, denn wir fallen dort ja auf. Die Leute sind misstrauisch gegenüber Fremden. Es ist für Touristen wohl definitiv nicht empfehlenswert, in einfachen Wohngegenden herumzulaufen. Aber jeder nach seiner Façon, nicht wahr? Andererseits: Wir wären ja auch nicht gerade begeistert, wenn Chinesen in unseren Straßen stehen und uns betrachten würden, weil sie uns so interessant finden, und uns beim Rasenmähen oder Gartenzwergpolieren fotografieren würden. Die Frau, die die Arepas (Maisfladen) backt, habe ich um Erlaubnis gebeten. Die Arepas sind in diesem Fall kein Street Food, sondern man nimmt sie mit nach Hause und isst sie dort zu dem, was man dort eben sonst zum Essen hat. Street Food ist meist Obst oder Säfte, aber auch viel frittiertes Zeug. Man kann alles essen, Kolumbien ist kein Durchfall-Land.



Zu der Art und Weise, wie die Leute hier leben, gäbe es viel zu schreiben, ich will aber nicht versprechen, dass ich es tun werden, weil es ja dann sicher doch wieder nichts wird. Nur so viel: Die Leute hier sind eigentlich nicht arm. Die Leute in der anderen Siedlung, von der weiter unten noch Bilder kommen, sind deutlich ärmer. Die Leute hier haben genug zum Leben und ein ordentliches Dach über dem Kopf. Das Schöne ist, dass sie ihre einfachen Häuser ziemlich frei gestalten und pimpen können. Sie können sich schöne Bäder und Küchen einbauen, wie es unsere Freunde gemacht haben, in manchen Häusern sind allerdings die Innenwände immer noch unverputzt. Sie können auf ihren Bürgersteigen/Terrassen sitzen... Als jemand, der auch unentwegt am Haus Veränderungen und Verbesserungen vornimmt, und dem es wichtig ist, sein Umfeld wenigstens ein bisschen selbst gestalten zu können, finde ich so ein Häuschen besser als eine Wohnung in einer Hochhaussiedlung. Die Leute sind arm. Haben die Kinder genug Spielsachen? An einem Abend saßen wir draußen. Um zehn Uhr spielte noch eine Gruppe von acht Kindern vor dem Nachbarhaus. Die Kinder waren vielleicht zwischen drei und neun Jahre alt und völlig unbeaufsichtigt. Sie saßen auf dem Boden und auf einem Mäuerchen und lachten und schwatzten. Dann spielten sie auf der steilen Straße eine Weile Ball. Ein kleiner Junge begann zu weinnen, die anderen kümmerten sich rührend um ihn. "Was ist denn los? Was hast du denn?" fragten sie und nahmen ihn in den Arm. Ein etwa vierjähriges Mädchen löste sich aus der Gruppe und lief ganz allein davon und kam nach einer Weile wieder. Sie spielten dann ein Lied mit Singen und Klatschen. Zwei Kleine schliefen im Schoß älterer Kinder ein und als wir um halb elf zu Bett gingen, saßen sie immer noch da und quasselten und lachten. Haben diese Kinder genug altersgerechte Spielsachen? Es ist schwer zu beurteilen.
Auf jeden Fall haben sie Freiheit. "Warum ist denn dieses Kind nicht in der Schule?" fragte ich A. eines morgens. Ein hübsches, zartes kleines Mädchen spielte vor dem Haus mit seinem Drachen. "Dieses Mädchen geht nicht zur Schule," entgegnete mir A., "es möchte nicht." Hallooo?
Das mit der Schule ist überhaupt so eine Sache hier... Das Niveau ist wohl nicht sehr hoch, trotzdem werden die Kinder nicht zu Leistungen angehalten bzw. gezwungen, wie das bei uns manchmal der Fall ist und in anderen Ländern noch viel mehr. Natürlich öffnet diese Lebensweise nicht den Zugang zu guten Arbeitsplätzen, wo man viel verdient (wobei in Kolumbien 800 Euro viel sind).
Erinnert Ihr Euch an Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral? Siehe
 https://web.archive.org/web/20170101205635/http://www.aloj.us.es/webdeutsch/s_3/transkriptionen/l_26_str10_trans.pdf
Wenn man sieht, was andere Leute haben, wird einem erst bewusst, wie viel Zeug man hat, das man gar nicht braucht. Echt seltsam. Naja, ist egal.
Hier in Pereira ist es immer warm, die Leute haben keine Winterkleidung, auch die Reichen nicht, und schaut mal, wie schön der Himmel ist, wie schön das Licht ist, wie schön die Farben leuchten. Es gibt wenige Alte und viele Kinder und Kinder sind für mich immer noch das höchste Gut. Die Schule beginnt um halb sieben!!! und findet in zwei Schichten statt, um die Klassenräume besser zu nutzen. Die Kinder tragen, wie bereits beschrieben, Schuluniformen: dunkle Jogginghosen, dunkle Turnschuhe und helle Polohemden. Mir wären die Hosen zu warm bei dem Wetter, aber sie werden ja schon von klein auf daran gewöhnt. In den Pausen stehen Händler am Schulgitter und verkaufen den Kindern Früchte und Säfte, aber auch Gebäck und Süßkram. 
Wenn man sich riesig viele Gedanken machen würde und seine Gedanken sorgfältig ordnen würde, wenn man lange und intensiv beobachten würde und sich dann richtig gut ausdrücken könnte, dann gäbe es zu diesem Themenkreis sicher sehr, sehr viel zu sagen. Die Leute sind nicht richtig arm, aber man hat das Gefühl, das ganze System hinge an einem seidenen Faden. Es könnte ganz leicht bergab gehen, wie zum Beispiel in Venezuela. Wenn ich die Bilder von Cartagena hochlade, schreibe ich da vielleicht noch mehr dazu. Nach kaufkraftbereinigtem Bruttoinlandsprodukt ist Kolumbien von 192 Ländern das 89. reichste, Deutschland steht auf Platz 18, Spanien auf Platz 34 zwischen Neuseeland und Italien, Deutschland steht zwischen Schweden und Australien, Kolumbien zwischen Mazedonien und St. Lucia. Interessant, ne? Die Liste ist bei Wikipedia zu finden.



Der Berg auf dem Bild unten ist in Wirklichkeit viel steiler, als er hier aussieht. Es ist mir echt ein Rätsel, warum Berge auf meinen Fotos immer so flach aussehen. Zwischen der Siedlung, wo unsere Freunde wohnen, und der Stadtmitte liegt ein richtiger Berg, über den man hinweg muss. Oder sind es sogar zwei? Ich weiß es nicht mehr sicher, jedenfalls sind es gewaltige Höhenunterschiede, die bewältigt werden müssen. Eine Seilbahn mit mehreren Haltestellen ist in Bau. Unten an den Hängen stehen Autos, also quasi illegale Taxis, wenn man so will, die einen gegen eine kleine Gebühr hoch oder sogar über den Berg fahren, falls man genug Geld hat und es dafür ausgegeben möchte. Einmal fuhren wir in ziemlicher Entfernung von der Siedlung, da sagte J.: "Ach, guck mal, da ist doch die Señora X!" Es war ein steinaltes Frauchen, kilometerweit von zuhause entfernt, zwei hohe Berge dazwischen... J. vermutete, dass sie auf dem Weg zum Arzt war. Was diese Leute zu Fuß für Entfernungen zurücklegen, das ist ziemlich extrem. Ich erinnere an die Reportage "Wikdis steiler Weg" von Alberto Ramos Salcedo über einen Jungen, dessen Schulweg zweieinhalb Stunden lang durch den Dschungel führt, hier auf Deutsch:


Unsere Freunde sind super gute Köche, das habe ich schon erzählt, oder?


Dies ist ein typisch kolumbianisches Essen. Reis, der nie fehlen darf, Avocado, Ripperl und dieses kartoffelartige, stärkehaltige Zeug, auf dessen Namen ich mich nicht besinne, dazu ein dicker Fruchtsaft.
Auf dem Bild unten seht Ihr eine Siedlung, in der ärmere Leute wohnen. Manche Wände bestehen nur aus einer Plastikplane. Wenn solche Siedlungen entstehen, habe ich mir sagen lassen, legt die Stadtverwaltung Strom hin und Wasser etc. und kümmert sich um die Infrastruktur. Was mich überrascht hat: Hier liefen ganz normal, ordentlich und sauber gekleidete Leute herum. Sie haben eben einfach nur kein Geld für eine gescheite Wohnung.



An einem Tag gingen wir das Patenkind meines Sohnes und seiner Freundin besuchen. Es ist das Bobbelchen links, das kleine Mädchen rechts ist die große Schwester, die, glaube ich, in die zweite Klasse geht. Was bei den Kolumbianern immer wieder auffällt: Wie freundlich und wohlerzogen die Kinder sind. Beachtet bitte auch das Haar der älteren Schwester!!! Die haben dort so wunderbares Haar. Die Urgroßmutter des Mädchens, die schon erwähnte Oma, hat mit fast neunzig immer noch (fast) solches Haar.


Okay, ich lade ein Foto von ihr hoch. Es ist die türkis gekleidete Dame mit dem Stock und der türkisen Haarspange. Wahrscheinlich waren ihre Fingernägel an diesem Tag auch türkis lackiert, sie sind immer perfekt manikürt. Beachtet das Haar! Der Mann mit kurzen Hosen und Sandalen, der mich Lügen zu strafen scheint, ist mein Gatte. Die beiden sollten aber eigentlich gar nicht auf dem Foto sein. Was ich fotografieren wollte, waren die Jeans im Vordergrund. Schaut Euch mal die Form des Hinterns an. Die Hosen sind ganz anders geschnitten als bei uns, die Schaufensterfiguren haben schon eine andere Form! Man hat dort ein anderes Schönheitsideal. Gibt es solche Hosen bei uns überhaupt zu kaufen? Eine Bekannte führt sie nach Spanien ein. Das mit den Gepäckmassen am Flughafen hat sich geklärt: Bei Avianca darf man zwei ziemlich große Koffer aufgeben, dann darf man noch einen kleinen Koffer und ein kleines Stück Handgepäck mitnehmen. Zusätzlich zahlen die Leute häufig noch für weitere Koffer, denn sie machen kleine Geschäfte, führen zum Beispiel Hosen für kolumbianische Hintern nach Spanien aus und Markenkleidung und -schuhe, die in Spanien billiger und häufig im Sonderangebot erhältlich sind, nach Kolumbien ein.


So, zurück zum Besuch beim Patenkind der jungen Leute: Wir wurden zu Agua Panela mit Käse eingeladen. Panela ist ein Block aus eingedicktem Zuckerrohrsaft. Für Agua Panela wird er in heißem Wasser wieder aufgelöst. Man erhält ein teeartiges Getränk. Darin schwimmen zwei Stücker Käse. Der kolumbianischen Käse (uns ist immer derselbe begegnet) ist wie ganz frischer Manchego-Käse, also ungereifter Käse, aber kein Frischkäse. Welcher deutsche Käse dem so in etwa entsprechen könnte, habe ich auf die Schnelle jetzt nicht gefunden. Die Kombination schmeckt jedenfalls gut. 


So, und jetzt zeige ich Euch noch etwas: Das war die Aussicht vom Balkon der Familie.



Wahnsinn, ne? Es ist ein ganz einfaches Dorf mit ganz einfachen Häusern und einer Aussicht... madre mía. Wenn man in Deutschland so eine Aussicht hätte... Darf ich mit der passenden Musik unterlegen? https://www.youtube.com/watch?v=GSwu8-ohoWs 
Gut, dass sie das nicht hören, so eine Musik passt nämlich gar nicht, aber man ist eben so sozialisiert, dass man einen großen Vogel über den Anden mit dieser Musik verbindet, oder?


Das ist das Dorf von der anderen Seite. Wenn man über die Häuser hinwegschauen würde, hätte man die Aussicht wie oben. Das Dorf liegt auf einem Bergrücken, auf der einen Seite die Anden, auf der anderen Seite liegt ein Tal mit Kaffeefeldern.
Einmal besuchten wir eine Hacienda, wo Kaffee angebaut wurde (wo wir die Altöttinger trafen, hab's schon erzählt). Unten seht Ihr, wie die reifen Kaffeebeeren aussehen. Mein Sohn hat sich als Handmodel zur Verfügung gestellt. Die Dinger werden geschält und die Kerne, die Kaffeebohnen, geröstet. Wurde dort alles erklärt, war ziemlich interessant. Ich habe mir ein paar rohe Bohnen mitgenommen, aber noch nicht gepflanzt. Das Volk, das den meisten Kaffee trinkt, sind die Finnen, haben wird dort gelernt. Sie trinken ein Mehrfaches an Kaffee wie die Kolumbianer, die eher Fruchtsäfte trinken (wer will es ihnen verdenken, bei den phantastischen Früchten, die sie dort haben?)


Und das ist der Wasserfall/das Thermalbad, von dem ich Euch erzählt habe. Der Wasserfall ist natürlich wieder sehr viel höher und steiler als er auf meinen Bildern aussieht. Er ist 95 Meter hoch. Auf meiner Suche nach Informationen dazu bin ich im Internet auf Kommentare von Deutschen gestoßen, die sich beschwert haben, dass der Eintritt zu teuer ist (7 oder 8 Euro). Da reisen die Leute um die halbe Welt, dann gönnen sie den Einheimischen die Butter auf dem Brot nicht, also wirklich. Und dann beschweren sie sich, weil es so voll ist. Ich wüsste da schon eine Lösung, die an anderen Orten durchaus praktiziert wird: Eintritt 100 Euro pro Person und Tag, dann ist es nicht mehr so voll, dann bleibt ihr nämlich draußen, ihr Säcke!






Wie Ihr wisst, hatte ich ein bisschen Bedenken wegen Kakerlaken, von denen mein Sohn gesagt hatte, dass es in Kolumbien sehr große gibt, die außerdem noch fliegen können. Ich muss Euch sagen, ich habe auf unserer Reise null Kakerlaken gesehen, keine einzige. Und diese Spinne oben, der sind wir in ihrem eigenen Habitat, also im Wald, begegnet. Wir waren in ihrem Revier, nicht sie in unserem, also okay (in der Wohnung möchte ich so ein Vieh nämlich nicht haben). Hoffentlich schaffe ich es, noch ein paar Bilder von Cali und Cartagena und so hochzuladen...

Samstag, 8. September 2018

Die Andenken, die wir aus Kolumbien mitgebracht haben

Ja, ich weiß, es gäbe noch viele andere Einzelheiten unserer Reise zu berichten, bevor ich zum Thema Andenken komme, aber dies war jetzt eben das einfachste:
Im Hintergrund seht Ihr die Aktentasche, die sich mein Gatte im Ledergeschäft Vélez gekauft hat. Vélez ist eine Kette, die Geschäfte gibt es in Kolumbien überall. Ihr Zeug sieht ziemlich gut aus und mein Sohn in Cali, der etwas davon versteht, meint, dass es auch hochwertig ist. Ich habe mir den blauen, mit Blüten bestickten Gürtel gekauft, den man in der Mitte sieht. 
Dann ist da noch die Ananas, die ich meinem ältesten Sohn mitgebracht habe, damit er erlebt, wie Ananas auch schmecken können. Den oberen Zipfel der Frucht habe ich natürlich abgeschnitten, bzw. herausgedreht und bereite ihn gemäß einer Youtube-Anleitung darauf vor, eine Zimmerpflanze zu werden. Daneben liegt eine Avocado. Die Avocados sind dort auch ganz anders, cremig, sahnig, köstlich. Der absolute Luxus, dabei kosten sie fast nichts. Eigentlich waren es zwei Avocados, aber die eine hatten wir schon gegessen, als ich das Foto gemacht habe, hahaha. Was gibt es noch? Den Hummerkühlschrankmagnet, den ich am Strand von Cartagena erworben habe. Zwischen dem Magnet und der Avocado liegt eine kleine Nachbildung einer Botero-Figur, die auf einem Platz in Cartagena steht bzw. liegt. Man sieht sie nicht gut, weil sie fast schwarz ist. Fernando Botero ist der kolumbianische Bildhauer, der diese dicken Figuren schafft oder malt. Diese Nachbildung hat mir besonders gefallen, weil die Stellen, die an der echten Figur abgegriffen sind (man darf sie anfassen), nämlich der Bobbes oder der Busen und so, auch bei dieser Darstellung heller sind. Sie kommt in unsere Sammlung "Schönes aus aller Welt". Sie hat, glaube ich, so drei Euro fünfzig gekostet. Echt wenig. Ich hätte auch mehr dafür bezahlt. Handeln ist in Kolumbien, wie ich Euch bereits gesagt habe, nicht so üblich. 
Was in der Mitte liegt und aussieht wie ein Vogelnest ist das Zeug, das hier in Massen von manchen Bäumen hängt und das man als Krippenschmuck verwendet. Dafür habe ich es auch mitgenommen. Daneben liegt noch ein Kühlschrankmagnet, nämlich ein kleiner Korb voller kolumbianischer Backwaren, der zu meiner Sammlung "Magneten mit Speisen aus aller Welt", die an der Brandschutztüre zwischen der Küche und der Garage hängt, kommt. Dahinter liegen zwei Tafeln besonders gute kolumbianische Schokolade (waren ursprünglich drei Tafeln), denn in Kolumbien wächst nicht nur Kaffee, sondern auch Kakao. 
Die Dinger, die wie Hasenboller aussehen, sind Kaffeesamen, die ich zu säen gedenke. Jetzt ist aber, glaube ich, nicht der richtige Zeitpunkt, da muss ich mich erstmal kundig machen. Ich kann mir echt nicht erklären, wie diese ganzen Samen wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist. Da liegen die winzigen Körner einen Zentimeter unter der Erde und wissen trotzdem, dass es September ist und nicht März und sie lassen sich nicht überlisten. Wunder der Natur, stimmt's? Die Kaffeesamen liegen auf einem Umschlag, in dem sich eine Rose befindet, die der Führer meinem Gatten auf der Finca gab, wo das Buch María spielt, von dem ich Euch schon erzählt habe, damit er er sie mir überreichen möge, die Rose. Dahinter seht ihr das Buch selbst und darauf "El amor en los tiempos del cólera",  "Die Liebe in den Zeiten der Cholera", das in Cartagena de Indias am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jhs. spielt. Obwohl ich andere Bücher von Gabriel García Márquez gelesen hatte, zum Beispiel "Hundert Jahre Einsamkeit", das mir sehr gut gefallen hat, oder "Bericht eines Schiffbrüchigen", das eigentlich Bericht eines Schiffbrüchigen, der zehn Tage lang, ohne zu essen und zu trinken, auf einem Floß trieb, der zum Helden des Vaterlandes ausgerufen, von Schönheitsköniginnen geküsst, durch Werbung reich, gleich darauf durch die Regierung verwünscht und dann für immer vergessen wurde heißt und im Titel schon die komplette Geschichte preisgibt. Obwohl man also zu Beginn schon alles weiß, was geschieht, gelingt es dem Autor den Leser zu fesseln. Das Buch ist dünn, es eignet sich gut zum García Márquez-Probelesen. Es stammt aus seiner frühen Schaffensperiode (1955), aber seine Werke sind zeitlos. Es sind die großen Klassiker von morgen. "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" hatte ich nicht gelesen, weil mir der Titel nichts Gutes zu verheissen schien. Cholera ist doch eine Durchfallerkrankung, oder? Naja, jetzt habe ich es gelesen und es ist richtig, richtig, richtig gut. Es hat nicht viel Handlung, aber die Erzählweise ist toll, also, für meinen Geschmack. Es ist so schwer, gute Bücher zu finden, und diese ganze Werbung für immer neuen Mist macht es einem auch nicht gerade einfacher. 
Wir waren also in Cali und in Cartagena in Buchläden und... also, mein Gatte ist ein Vielleser und kauft viele Bücher, aber ich glaube..., also, die Erfahrung, die man in Buchläden macht... es gibt mittlerweile überall auf der Welt in den Buchhandlungen dasselbe zu kaufen, dieselben Autoren, es wird hin und her übersetzt wie blöd. Es ist natürlich gut, wenn einem interessante Sachen aus anderen Ländern zugänglich gemacht werden, aber ü-ber-all dasselbe... Außerdem leiden Texte beim Übersetzen, das muss einem klar sein, und je anspruchsvoller sie sind, je besser geschrieben, desto mehr leiden sie. Schrott kann man beim Übersetzen sogar aufpolieren. Ist so. 
Aber gut, das ist sie eben, die Globalisierung - und in Kolumbien haben sie ja noch ihre eigene Musik und ihre eigenen Hamburger-Ketten und ihr wunderbares Obst, und die internationalen Klamottenmarken sind zwar heiß begehrt, aber sie können sie sich nicht leisten. Und neben den Hollywood-Filmen haben sie noch ihre Telenovelas. 
Um noch mal auf das Thema Bücher zurückzukommen: Der Durchschnittsnettolohn in Kolumbien im Jahr 2018 beträgt ziemlich genau 300 Euro, das habe ich gerade nachgeschaut. Bücher kosten genauso viel wie in Spanien, also gerne auch mal 20 Euro. "Die Liebe in den Zeiten der Cholera", ein Taschenbuch, hat 34.000 Pesos gekostet, das sind 11 Euro. In Deutschland kostet es 9,95 Euro, wie ich gerade nachgeschaut habe. Das ist ganz schön ungerecht, oder? Andererseits muss es wohl so sein, denn wenn Bücher in Lateinamerika dem Einkommen entsprechend billiger wären, würden ja die Spanier ihre Bücher alle in Lateinamerika bestellen. Allerdings gibt es in Amerika zehnmal soviele Spanischsprecher wie in Spanien selbst... naja, ist halt so. Ach, was ich noch mitgebracht habe, was unter dem Gürtel liegt: Eine Wohnzeitschrift. Darin wird so ein tolles Haus vorgestellt, die musste ich einfach haben. Das Haus steht außerhalb von Bogota, sicher wird es von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Tschüss für heute...   

Mittwoch, 29. August 2018

Tage zehn und elf - immer noch in Cartagena de Indias - ah, our lonely planet

Tag zehn: Morgens versuchten wir, einen Ausflug zur Insel Barú einschliesslich Schnorcheln zu machen, wir waren leider zu spät, deshalb haben wir den Ausflug heute gemacht. Mein Gatte war bei der Delphin-Show, während es mir gar nicht gut ging, aber dazu später mehr. 
Also, was gestern war: Morgens gingen wir an den Strand (statt Ausflug). Wenn ich heute ersoffen wäre, hätte sich mein Leben dadurch, dass wir gestern das Schiff verpasst haben, um einen Tag verlängert. Think about it.
Als wir vom Strand genug hatten, gingen wir ins Hotel. Während wir uns duschten, ging ein Gewitter mit Starkregen nieder. Wir assen im Hotelkomplex, typisch kolumbianisch, Reis, gebratene Banane, Schwedensalat und Fleisch oder Fisch, das ist hier das übliche. Nach dem Regen machten wir einen Spaziergang durch das Millionärsviertel. Die Hochhäuser sind alle weiss und ordentlich, uniformierte Dienstmädchen führen Yorkshireterrier spazieren. Auf den Strassen stand das Wasser teilweise dreissig Zentimeter hoch. Den Abend verbrachten wir auf der Sunset-Terrasse des Hotels im Infinity-Pool. Ja. Die Sonne geht so um halb sieben unter, aber es ist immer zu diesig für einen erstklassigen Sonnenuntergang. Man kann in der Dunkelheit im Pool Richtung beleuchtete Altstadt schwimmen, das ist ziemlich... geil, oder so.
Und dann kam der heutige Tag. Ich möchte nicht noch mehr schlechtes Karma auf mich ziehen, ich bin echt ein bisschen ängstlich geworden. Aber der Reihe nach. Wir hatten schon gestern den Ausflug zu dieser traumhaften Insel Barú gebucht, die in den Reiseführern top gelistet ist. Um acht Uhr fünfzehn holte uns ein Bus/ein klappriger Bus ab und wir fuhren zu dem Hafen, wo die Ausflugsboote ablegen. Dort mussten wir erst einmal ewig in der Sonne rumstehen, aber so hatten wir Gelegenheit, Mitreisende kennenzulernen, nämlich ein nettes, junges, argentinisches Ehepaar. Wir warteten und warteten, dann wurden wir von den Argentiniern getrennt, weil wir verschiedenfarbige Armbändchen hatten.
Wir bestiegen unser Schiff. Wir sassen ungefähr eine halbe Stunde im schaukelnden Boot in der prallen Tropensonne und warteten, bis alle fünfzig Plätze besetzt waren. Dann ging es los. Das Boot fuhr am Flottenstützpunkt und an den Industriehafenanlagen vorbei aufs offene Meer. Das war recht interessant. Diese riesigen Containerschiffe! Der helle Wahnsinn.
So, weiter ging's. Ich sass am Bootsrand, Steuerbord oder Backbord oder irgendsowas. Neben mir sass ein steinalter Peruaner, der mit seiner Gattin und seiner Tochter unterwegs war. Ich schätzte ihn auf neunzig oder fast neunzig. Er war in diesem Alter, in dem die Haut auf der Nase schon dünn wird und spannt, auf seiner peruanischen Adlernase. Der fährt bestimmt nicht zum Schnorcheln, dachte ich. Doch, er fuhr zum Schnorcheln. Mein Gatte stieg eine Haltestelle früher aus, auf einer kleinen Insel, wo es ein Delphinarium mit Delphinshow etc. gab. Mein Sohn und ich fuhren weiter zum Schnorcheln, worauf ich mich sehr gefreut hatte. Ich hatte sogar meinen Schnorchel und die Taucherbrille aus Spanien mitgebracht. Das Boot hielt schliesslich mitten im Ozean, in geringer Entfernung von einer Insel. Es waren noch mehr Schnorchelgruppen unterwegs. 
"Gute Schwimmer springen zuerst rein," sagte der Führer. 
"Wie kommt man denn wieder raus?" fragte ich, denn ich sah keine Leiter am Boot. 
"Da gibt es eine Plattform," antwortete er. 
Da ich mich zu den guten Schwimmern zähle, sprang ich als eine der ersten hinein. Ich landete im Wasser und mir war schlecht. Es ist nicht so, dass mir schlecht wurde, mir war sofort schlecht. Einmal hoch mit den Wellen und einmal runter und ich war verzweifelt. Der Führer hatte empfohlen eine Rettungsweste anzuziehen, aber ich hatte aus oben genanntem Grund darauf verzichtet. Die Wellen waren hoch, mir war zum Kotzen. Ich rief nach einer Rettungsweste, die im Wasser anzuziehen nicht gerade einfach war. Mein Sohn war in meiner Nähe, ich setzte ihn von meinem traurigen Zustand in Kenntnis. Wir riefen dem Kapitän zu, er solle bitte in meiner Tasche die Reisekaugummis suchen, in meiner Reisetasche, in der sich natürlich auch meine Unterwäsche befand, und mir einen zuwerfen. Meinem Sohn gelang es, ihm den Kaugummi aus der Hand zu nehmen. Ich steckte ihn rasch in den Mund. Nicht umsonst steht auf der Packung, dass man ihn eine halbe Stunde vor Reiseantritt kauen soll. Die Wellen hoben und senkten mich. Eigentlich sollten am Boden Korallen sein, da waren aber keine. Ich weiss allerdings nicht, wie genau Korallen definiert sind, vielleicht waren die braunen Steine am Boden ja Korallen. Wenn man sich auf grosse Steine stellte, hatte man Boden unter den Füssen, aber aufgrund des starken Wellengangs konnte man sich nicht halten. An einer Stelle klemmte ich meinen Fuss zwischen zwei Steine, um stehenbleiben zu können, aber die Wellen hoben und senkten mich weiter und mir war üüübel. Ausserdem bekam ich Angst, meinen Fuss nicht mehr herauszubringen. 
Das Schnorcheln war auch für Nichtschwimmer und Kinder ab fünf empfohlen worden. Es ist ein Wunder, dass wir alle heil wieder nach Hause kamen. Die Nichtschwimmer hielten sich an Rettungsreifen fest, die von den Führern hin- und hergezogen wurden, wir waren nicht die einzige Schnorchelgruppe. In meiner Verzweiflung hielt ich mich am Rettungsreifen von zwei Mädchen fest und entschuldigte mich bei ihnen. Unsere Gruppe hatte sich mittlerweile entfernt, ich befand mich mitten in einer anderen Gruppe. Ihr Führer war ein kleiner, dünner Schwarzer, der fest auf einem Stein zu stehen schien. Ich hielt mich an ihm fest, unter heftigen Entschuldigungen, und suchte auf dem Meer nach meiner Gruppe. Mein Sohn winkte und rief, ob er kommen sollte. Er hatte mich schon vermisst. Ich wollte ihn nicht belästigen und ihm den Ausflug nicht vermiesen und schrie nein, mich am kleinen, dünnen Schwarzen festklammernd. Er kam trotzdem mich holen und gemeinsam schwammen wir Richtung Boot, das sich gerade anschickte, den Platz zu wechseln. Mein Sohn schrie, jemand pfiff schrill, da pfiff ich auch, denn ich wollte nicht, dass das Schiff weiter weg fährt und wir ihm hinterher schwimmen müssen. Der Rest der Gruppe war auch schon fast beim Schiff. Niemand bat darum, ein bisschen länger schnorcheln zu dürfen. 
Da türmte sich also nun die Schiffswand vor uns auf und, wie vermutet, war da keine Leiter und auch nichts Leiterähnliches. Die ersten Personen wurden von einem schmächtigen, jungen Matrosen (schwarze Haut, hellblaue Augen) hochgezogen, ich war am Ende meiner Kraft.  
"Du kannst mich nicht hochziehen," sagte ich zum Matrosen. "Ich bin dick und mir ist super schlecht!" 
"Doch, doch, ich kann jeden hochziehen," antwortete er. "Stell' den Fuss auf die Plattform," sagte er. Die Plattform war ein winziges Rändchen entlang des Schiffsrumpfes, vielleicht eineinhalb oder zwei Zentimeter breit, darauf sollte man ein Bein stellen und sich hochstemmen. Unmöglich, logisch. Ich versuchte zu tun, was er gesagt hatte, schaffte es auch so halbwegs, aber da war nichts, wo man sich oben gescheit festhalten konnte und ich plumpste wieder ins Wasser zurück. Über das Schämen war ich zu diesem Zeitpunkt bereits hinaus. Ich versuchte es noch einmal und schaffte es. Der Matrose zog mich über die Schiffskante wie einen bewusstlosen Wal. Mein Sohn erzählte später, er hätte sich auf den Rücken gelegt und mit den Beinen meinen Hintern hochgeschoben. Ich fragte ihn, ob die anderen Schnorchler nicht geguckt und gelacht hätten. Er antwortete mir nein, die wären alle mit sich selbst beschäftigt gewesen. Da war ich nun also im Boot und es war mir immer noch sooo schlecht. Ich schleppte mich wieder in die Richtung meines Platzes, sank aber vorher nieder, neben der Gattin des alten Peruaners. Sie war sehr nett und kümmerte sich rührend um mich. "Atmen Sie ruhig und tief," sagte sie. Ich fragte, ob sie Ärztin sei und sie antwortete, sie sei Lehrerin gewesen. Wir fuhren zur nächsten Haltestelle, wo mein Gatte zustieg. "Die Delphinshow war toll," verkündete er. "Ich habe schöne Bilder gemacht. Wollt ihr sie sehen?"
Ich hing stumm und elend in meinem Sitz und wollte die Bilder nicht sehen. 
Die Peruanerin machte mir vor, wie man ruhig und tief atmet. Es war nicht einfach, ihrer Anweisung zu folgen. Die Luft war nämlich grottenschlecht durch die vielen Boote, die ihren Motor laufen liessen. Und es war nicht dieser frische Duft von Benzin, den man an Tankstellen ganz gerne riecht, es war der fürchterliche Gestank von Abgasen, den junge Menschen vielleicht gar nicht mehr kennen. Es roch wie vor fünfzig Jahren an einer stark befahrenen Kreuzung in einer Grossstadt, es roch wie kurz vor der Kohlenmonoxyd-Vergiftung. Das ist der typische Karibik-Duft. (Kann man sich eigentlich noch mit Autoabgasen umbringen, jetzt, wo es diese ganzen Katalysatoren gibt? Naja, egal.)
Das Boot schaukelte eine halbe Stunde in der Sonne, bevor alle Besucher des Delphinariums wieder zurück waren. Ich kaute noch einen Reisekaugummi. Dann fuhr das Boot zurück zum berühmten weissen Strand der Insel Barú. Der Strand sieht haargenau so aus wie der Strand auf Postern von der Karibik. Das Wasser ist völlig klar, der Sand weiss und so weiter. Hinter dem schmalen Strand steht eine geschlossene Reihe von Karibikbüdchen - möchtegern Karibikbüdchen hätte ich fast geschrieben, aber die sind hier ja nicht möchtegern, es sind die Originale. Es gibt Hostels und natürlich Wirtschaften ohne Ende. Das Mittagessen war im Preis des Ausflugs inbegriffen. Ich dachte, vielleicht tut es mir gut, wenn ich etwas esse. Es war das typische Essen: Reis, gebratene Banane, Schwedensalat und den Fisch, der vor Ort massenhaft gefangen wird. Es ist nicht sehr viel dran an diesem Fisch, er wird frittiert serviert. Dazu gab es Limonade. Ich brachte fast nichts runter. Wir sassen mit einer Familie aus Pereira am Tisch. Die Frau erzählte, ihr sei auch im Wasser sofort schlecht geworden. Nach dem Essen mieteten wir uns in einem der Büdchen eine riesige, bettartige Liege, wo ich sofort einschlief. Ich glaube, das lag an den zwei Reisekaugummis hintereinander.  
Auch an diesem Strand roch es wie fünf Minuten vor Smog-Alarm.
Nach einer Weile begann es, ganz leicht zu regnen. Wir lagen unter dem Sonnenschirm, nur unsere Waden wurden nass. Das war ein schönes Gefühl in dieser Hitze, denn das Meer ist dreissig Grad warm und bietet keine Abkühlung. Die kühlen Regentropfen auf der heissen Haut, das war das Schönste am Ausflug, darin waren wir uns einig. 
Anschliessend ging es mit dem Boot zurück nach Cartagena. Der Kapitän raste eine Stunde lang wie eine gesengte Sau, das Wasser spritzte rechts und links hoch, die Fahrgäste waren völlig durchweicht. Gut, dass er vorher darauf hingewiesen hatte, dass man sein Handy in Sicherheit bringen sollte. Dem alten Peruaner, neben dem ich auf dem Rückweg wieder sass, reichte es irgendwann und er pfiff sehr  laut und schrill. Er war das auch gewesen, der auf der Schnorcheltour gepfiffen hatte. Er konnte gellend pfeifen, ohne die Finger zu Hilfe zu nehmen. Anschliessend lachte er leise vor sich hin, da natürlich niemand dachte, dass er das gewesen war.
Klatschnass kamen wir im Hafen an. Der Reiseleiter forderte uns mehrfach auf, ihm Trinkgeld zu geben. Ich beobachtete, wie viel Geld er nach dieser Tour/Tortur tatsächlich von seinen Kunden bekam. Ein Kind gab ihm zweitausend Pesos, das sind sechzig - Pfennige, wollte ich gerade schreiben, hahaha, sechzig Cents meine ich natürlich. Ich habe mich immer noch nicht zu 100% von der Übelkeit erholt. 
Mein Gatte sagte: "Die Tatsache, dass weder Amerikaner noch Europäer am Ausflug teilnahmen, hätte uns zu denken geben müssen." Hätte, hätte, Fahrradkette, kann ich da nur sagen. 
Abends gönnten wir uns ein Essen in einem etwas gehobenen Restaurant.