Freitag, 13. März 2020

Coronavirus in Spanien, der Kampf ums Klopapier

So sah das Klopapierregal vom Aldi in Salamanca heute eine Stunde nach Öffnung des Geschäfts aus. Das links ist wohl ziemlich schlechtes, zweilagiges Papier, das als letztes genommen wird. Das ganz rechts sind Küchenrollen. Alle Kunden hatten Klopapier in ihren Wägelchen. Ich weiß jetzt auch, woher die Klopapierproblematik rührt: Im Rahmen der Krise in Venezuela wird häufig darüber berichtet, dass dort am im Rede stehenden Artikel Mangel herrscht. Die damit einhergehende Problematik wollen die Spanier eben um jeden Preis vermeiden. Und dadurch, dass immer wieder dazu aufgefordert wird, kein Klopapier zu hamstern, es gäbe genug, wird diese Frage eben zur echten Herausforderung für das Volk: Gibt es WIRKLICH genug?
Also, wie sah es heute früh beim Aldi aus? (Ich war zum Aldi gegangen, weil ich gehört hatte, dass bei Mercadona, Spaniens beliebtestem Supermarkt, wahre Schlachten stattfanden und der Aldi ist immer ziemlich leer.) Also, der Aldi war nicht leer. Beim Obst und Gemüse (dessentwegen ich hingefahren war) stand Obst und Gemüse in Kisten, das nicht eingeräumt war, weil es die Leute eh sofort mitnahmen. Zwieback, Trockenbrot... fast ausverkauft. Fleisch, Wurst... wie immer gut sortiert. Bohnen im Glas... ausverkauft. Andere Dosenwaren... ausgedünnt, aber vorhanden. Joghurt und Käse... Paletten standen mitten im Gang, von denen sich die Leute bedienten. Tiefkühlware... nur sehr wenig vorhanden, das Fach für Quinoa mit Gemüse war bis obenhin voll. Reis... ausverkauft. Nudeln... ausverkauft bis auf die Hörnchennudeln, von denen waren reichlich da. Leute, die Reis und Nudeln kaufen wollten, zogen wieder ab und suchten in anderen Läden weiter. Ich hörte eine Frau ins Telefon sprechen: "Du musst heute einkaufen, morgen gibt es nichts mehr."
Nachdem ich mich also mit frischem Obst und Gemüse eingedeckt hatte, fuhr ich nach Hause. Nach dem Schrecken gestern (der im vorherigen Post genannten Kontaktperson geht es besser, ich nehme also mal an, dass sie kein Coronavirus hat) habe ich keinen Bock mehr darauf, mit zweifelhaften Menschen zusammenzukommen. Und zweifelhaft ist jeder: Jemand, der mit jemandem zusammen war, der mit jemandem zusammen war, der in Madrid war, jemand, der seinen Opa in einem verseuchten Bergdorf besucht hat... dadurch, dass in Madrid jetzt in vielen Firmen und Behörden von zuhause aus gearbeitet werden darf und die Kinder keine Schule haben, sind die Menschen an die Strände geströmt und verseuchen die Küstenorte und füllen dort die Krankenhäuser! In Gandía zum Beispiel wurde der Strand gesperrt, um die Madrilenen vom Kommen abzuhalten! Ich glaube, Madrid ist schon fast so verseucht wie Mailand. Die tragen die Krankheit in alle Ecken. Obwohl, nicht jeder ist so schlimm: Meine Nachbarin hat erzählt, ihr Sohn macht in Madrid Heimarbeit und kommt sie nicht besuchen. Eine andere Nachbarin hat auch einen Sohn mit Familie in Madrid, der wurde von ihr und seinen Schwiegerleuten aufgefordert, nicht zu kommen. Sie haben die Krankheit ja wahrscheinlich nicht, aber man weiß es eben nicht. In Madrid gibt es große Probleme: Dadurch, dass die Kinder keine Schule hatten, gingen sie mit ihren Großeltern auf Spielplätze, wo die Alten beisammen saßen und die Kinder in Gruppen dabei waren. Die Situation war eigentlich noch gefährlicher, als wenn die Kinder in der Schule sind, denn die Alten sind ja besonders empfindlich. Deshalb wurden heute auch noch die Spielplätze gesperrt. Ab morgen müssen in Madrid alle Geschäfte zubleiben, nur Lebensmittelgeschäfte und Apotheken dürfen öffnen. Gnade dem, der auf die Verlautbarungen gehört hat und nicht gehamstert hat! Restaurants, Kneipen... alles zu. Museen, Kinos, Fitnessstudios... alles zu. Meine Friseuse hat sich vor ein paar Tagen Sorgen gemacht, weil sie keine Atemschutzmasken vorrätig hatte... diese Sorgen sind vorbei, Friseurläden müssen auch geschlossen bleiben. Wenn uns das vor einer Woche jemand erzählt hätte...
Pedro Sánchez hat den Alarmzustand ausgerufen. Er hat eine ordentliche Rede gehalten. Ordentlich geschrieben und ordentlich vorgetragen, dass er das kann, hätte vor einer Woche außer seinen treuesten Anhängern auch niemand gedacht. Wir haben uns jetzt in freiwillige Quarantäne begeben. Der Vorfall gestern hat mir gezeigt, wie leicht man sich dieses Virus einfangen kann und ich möchte es nicht. Mein Gatte, der ja jetzt auch von zuhause arbeiten darf, ist einverstanden. Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Spanien 4334, 122 Tote, Deutschland 3675, 8 Tote, Italien 17.660, 1266 Tote. Heute haben sie verkündet, dass es eine Woche dauert, bis sich die Wirkungen der Lockdown-Maßnahme bemerkbar machen. Es ist irgendwie keine Rede mehr davon, dass das Viech bei Hitze stirbt. 

Neues vom Coronavirus in Spanien - Die Nachrichten überschlagen sich

Als ich heute morgen die Augen öffnete, begrüßte mein Gatte mich mit der Information, dass die USA den Flugverkehr mit Europa einstellen. 
Auch unsere Nachbarn, die ein wenig zögerlich waren, haben sich jetzt endlich entschlossen, Vorräte einzukaufen. 
Irene Montero, die Ministerin für Gleichstellung, die die Demonstration am Weltfrauentag angeführt hat, ist am Coronavirus erkrankt. Ihr Gatte, der Vizepräsident, muss ebenfalls in Quarantäne. Königin Letizia muss getestet werden, weil sie von Irene Montero, der spanischen Sitte entsprechend, geküsst wurde. 
Ich begegnete einer der zahlreichen Personen, die Madrid verlassen und sich übers ganze Land verteilt haben. Diese Person war ziemlich stark erkältet (?????). Sie kam von einer Uni, an der es zwei Fälle gegeben hatte. Ich begegnete ihr auf engem Raum. Ich wusste nicht, wie ich mich aus der Situation befreien sollte ohne unhöflich zu sein. Wenigstens hat sie mich nicht geküsst. Das wird mir nicht noch einmal passieren.
Ich wurde von einem Sohn gebeten, seine betagten Eltern aufzufordern, am Sonntag nicht in die Kirche zu gehen. Ich habe es noch nicht gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich das Thema angehen sollte. Nachdem was mir heute passiert ist, weiß ich es.
Die spanische Börse ist heute um 14 Prozent gefallen.
Morgen gehe ich noch einmal frisches Obst und Gemüse einkaufen, dann mache ich für mich die Schotten dicht. Das heißt nicht, dass ich nur zuhause bleibe. Wir haben die Wohnung renoviert, in der wir vor vielen Jahren gewohnt haben. Die muss jetzt auf Hochglanz gebracht werden und es sind noch ein paar Kleinigkeiten zu machen. Gestern war ich dort und habe das Balkongitter gestrichen. Es war ein wunderschöner, warmer Frühlingstag. In den Bäumen vor dem Balkon zwitscherten die Vögel und ich strich zufrieden vor mich hin. Mir wurde bewusst, was für ein glücklicher Moment das war. Ich muss noch eine zweite Schicht auftragen. Außerdem ist im Garten viel zu tun. 
An der Uni, wo mein Gatte arbeitet, wird ab Montag der Lehrbetrieb eingestellt. Am 19. habe ich einen Termin mit Handwerkern. So, wie sich die Ereignisse im Moment überstürzen, kann man nicht sagen, ob der eingehalten wird. Heute ging den ganzen Tag über das Gerücht, dass Madrid bald abgeriegelt wird. Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Spanien 3146, Deutschland 2745, Italien 15.113. Kiko Rivera, der Sohn der Pantoja, ist übrigens auch erkrankt. Und Santiago Abascal, der Vorsitzende der rechten Partei Vox. Und noch eine Ministerin...

Mittwoch, 11. März 2020

Neues vom Coronavirus in Spanien

In unserer Lokalzeitung stand ein Artikel über eine junge Frau, die sooo froh und glücklich war, dass sie es geschafft hatte, mit dem letzten Flieger aus Italien nach Hause, nach Spanien zu kommen. In Madrid stieg sie gleich in den Bus!!!, um nach Salamanca zu kommen, von wo sie in ihr Dorf in den Bergen fuhr. Selbstverständlich ohne Quarantäne und ohne jede Vorsichtsmaßnahme. Obwohl der Artikel das Verhalten der jungen Frau bejubelte, war darunter kein einziger Kommentar, der es guthieß.
Die Verantwortungslosigkeit der Spanier ist wirklich traurig. Am Sonntag rief die Regierung noch zur massenhaften Teilnahme an den Frauendemonstrationen auf. Wie krank ist das denn? Die Ministerinnen hatten vorsichtshalber lila Latexhandschuhe an. 
Die rechte Partei, Vox, hat am Wochenende irgendeinen Parteitag abgehalten. Ihr Generalsekretär hat dabei viele Menschen umarmt und nach spanischer Sitte geküsst. Jetzt hat sich herausgestellt, dass er das Virus hat. Mal gespannt, wie viele von seinen Parteifreunden er angesteckt hat.
Wie ich gestern geschrieben haben, sind in Madrid alle Bildungseinrichtungen geschlossen worden, auch die Universitäten. Die Studenten haben die Gelegenheit ergriffen und sind ausgeschwärmt in ihre Heimatorte. 
In Madrid sind jetzt auch alle Museen und Kulturzentren geschlossen. Der Regierungssprecher in Sachen Coronavirus hat heute verkündet, dass noch nicht daran gedacht wird, Madrid zu isolieren. Aha, nicht wahr, man denkt also sogar schon darüber nach, Madrid zu isolieren. Oje, oje. 
Es wird weiterhin wort- und bildreich davon abgeraten, Lebensmittel zu hamstern, wodurch die Hamsterkäufe weiter befeuert werden. Ich meine, wenn ich Bilder von leeren Regalen in den Nachrichten zeige, welcher Zuschauer denkt denn dann: "Aha, es stimmt, ich brauche nicht zu hamstern, es ist genug von allem da." Ich glaube, die Regierung will, dass die Leute einkaufen gehen und vorbereitet sind, falls es zu Quarantänen kommt. Die Geschichte mit dem Toilettenpapier finde ich lustig. Sie hat fast einen sportlichen Aspekt: Es wird beteuert, dass genug Klopapier da ist. Die Kunden kaufen das Papier kubikmeterweise, also wollten sie sagen: "So? Das wollen wir doch mal sehen, ob wirklich unendlich viel da ist." 
Ich war heute noch mal einkaufen, weil es im Supermarkt bei uns in der Nähe sehr gute Sonderangebote gab. Ich ging zur Siestazeit, da war ziemlich leer, aber man sah, dass die Leute heute morgen sehr viel gekauft hatten. Manche Sachen fehlten, das war mir aber egal, weil ich, wie Ihr wisst, schon gepreppt habe. Insbesondere bei den Hülsenfrüchten, Bohnen, Kichererbsen, Linsen, die normalerweise vielleicht fünf Reihen tief stehen, stand nur noch eine Reihe. Hülsenfrüchte, Wurst, Schinken und Brot, das ist das Lebensblut Kastiliens. Die Leute besinnen sich auf die Speisen, die schon ihre Großeltern durch Krisen gebracht haben. Reis, Milch kistenweise, das war in jedem Wägelchen.  Nudeln und Tomate frito... Und natürlich Klopapier!
Ach, und die Fallas in Valencia wurden "verlegt". Der wirtschaftliche Verlust wurde mit 700 Millionen Euro beziffert. In den Nachrichten wurde eine Frau befragt, die fast weinte, weil sie 60.000 oder 70.000 Euro in Churros-Stände investiert hatte. Churros sind dieses längliche Schmalzgebäck.
Die Leute sprechen darüber, wann wohl hier in Salamanca die Uni schließt. Mein Gatte meint, dass vielleicht im Laufe des Wochenendes ein Erlass kommt und dass der Betrieb ab Montag eingestellt wird. Ist aber nur so eine Vermutung. Der sechste Fall in Salamanca ist eine junge Frau, die mit jemandem zusammen war, der oder die in Italien war. Man hat auch Angst vor den Madrilenen, die jetzt ihre Stadt verlassen und in die Dörfer kommen. Angela Merkel soll gesagt haben, dass zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung am Coronavirus erkranken werden. Das wurde hier in Spanien viel beachtet. Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Spanien 2262, Deutschland 1908, Italien 12.462. Ich habe das Gefühl, es wird bald nachlassen. Heute war ein schöner Frühlingstag. Morgen soll es bis 22 Grad warm werden. Sie haben gesagt, dass das Virus Wärme wahrscheinlich nicht verträgt. 

Dienstag, 10. März 2020

Das Coronavirus bei uns in Spanien

Ihr wisst, ich bin der Meinung, man sollte ein bisschen vorsorgen. In den spanischen Nachrichten berichten sie von Hamsterkäufen, die Leute räumen die Läden leer, insbesondere Toilettenpapier wird stark nachgefragt. Heute früh ging ich in die Apotheke, um ein paar Medikamente zu besorgen, denn ich warte praktisch immer bis zur letzten Tablette bevor ich nachkaufe, und das ist keine gute Strategie. Auf dem Weg zur Apotheke begegnete ich Nachbarn und fragte sie, ob sie auch ordentlich Vorräte angelegt haben. Nein, antworteten sie, sie hätten aber FFP2-Masken. Wow. Da der uns nächstgelegene Supermarkt ein Prospekt mit richtig guten Angeboten in die Briefkästen geworfen hat, forderte ich sie dringend auf, ihre Speisekammer zu bestücken. In meinem eigenen Interesse, nicht, dass sie dann kommen...hast du mal??? Da muss ich morgen noch einmal nachhaken. 
Als ich weiterging, begegnete ich einem lieben Freund in hohem Alter, der gerade vom Einkaufen kam. "Was ist? Habt ihr Vorräte angelegt?" fragte ich ihn. "Ich halte davon nichts," antwortete er. "Ich war nur gerade im Ort und habe ein paar Kilo Kichererbsen und Linsen gekauft. Und ich habe einen Schinken [darunter versteht man einen ganzen spanischen Schinken mit Fuß und vielleicht sieben Kilo Gewicht] und einen Lomo bestellt. Die werden mir dann gebracht." Unsereiner würde denken, dass das für zwei alte Leutchen schon ganz schön viel ist. Es ist hier sehr schwer zu wissen, was die Leute eingelagert haben und was nicht. Man hält sich gerne bedeckt. Unser Nachbar links gegenüber ist ein Jäger und hat eine große Tiefkühltruhe voller Fleisch. Das weiß ich, weil ich sie schon gesehen habe und er uns gelegentlich etwas schenkt. Die Nachbarn rechts gegenüber haben auch eine volle Tiefkühltruhe, weil sie gerne Sonderangebote kaufen, zum Beispiel ganze Käse, die sie in Stücken einfrieren und so weiter. Bei meinem direkten Nachbarn zur Linken war ich mal im Souterrain, weil er mir eine feuchte Stelle zeigen wollte, und sah dabei, dass der Raum, der bei uns Gästezimmer ist, beim ihm eine sehr, sehr gut bestückte Speisekammer ist. Diese Fülle hat mich ganz schön überrascht. 
Also, wie gesagt, in den Nachrichten wurden Bilder vom Hamstern, von leeren Regalen, Schlangen vor den Kassen und Wägelchen mit Warenbergen gezeigt, und damit indirekt natürlich dringend zum Hamstern aufgefordert. In Madrid ist in vielen Läden das Klopapier ausverkauft! Der Besitzer der größten und beliebtesten spanischen Supermarktkette Mercadona musste versichern, dass von allem genug da ist. Aber dass das nicht stimmt, weiß ja jeder seiner Kunden, der in den letzten Tagen Desinfektionsmittel für die Hände kaufen wollte.
Das wollte ich doch alles gar nicht erzählen. Ich ging also in die Apotheke und kaufte die Medikamente. Man hört, dass die Grundstoffe für praktisch alle Medikamente aus China kommen und die Chinesen nicht mehr liefern. Ich bekam mein Zeugs aber problemlos. 
Am Nachmittag ging ich zum Friseur. Mein Gatte hatte gemeint, man sollte gehen, bevor sich das Virus weiter ausbreitet. Okay, erledigt. Die Friseuse, die mich bediente, ist mit einem Feuerwehrmann verheiratet. Sie erzählte, dass die Notdienste in Salamanca heute früh eine Versammlung gehabt hätten, auf der ihnen vom Gesundheitsministerium der Regionalregierung mitgeteilt wurde, dass der Höhepunkt des Coronavirus für die Stadt in acht bis zehn Tagen vorgesehen ist. Also zwischen dem achtzehnten und dem zwanzigsten März. Die Feuerwehr erhielt Schutzanzüge. Man darf gespannt sein. Es ist jetzt schon verboten, alte Menschen in Altersheimen/Seniorenresidenzen zu besuchen. Amerikaner haben die Stadt verlassen. Womöglich hat ihre Botschaft ihnen was gesagt, was wir nicht wissen. Womöglich ist Spanien das neue Italien, das dreimal so durchseucht ist wie China. Die spanische Regierung hat heute neue Vorschriften verabschiedet. Die heftig subventionierten Reisen für alte Menschen, die der spanische Staat in der Nebensaison organisiert, damit die Hotels ausgelastet sind (viajes del inserso), werden auch bis auf weiteres ausgesetzt. Mein Schwager und meine Schwägerin, die eine solche Reise gebucht hatten, sind betroffen. Alle Flüge von und nach Italien sind eingestellt. In Madrid ist ab morgen der komplette Bildungsbetrieb eingestellt, von der Kinderkrippe bis zur Universität. Präsident Pedro Sanchez hat gesagt, er hätte einen Plan dafür, was mit den Kindern geschehen soll, während ihre Eltern arbeiten. Das ist fein, nicht wahr? Hoffentlich verrät er ihn zeitnah. Meine Freundin M.J. hat gerade ein WhatsApp geschickt, sie wäre einkaufen gewesen und es hätte weder Wasser noch Milch gegeben. Wenn in den Nachrichten soviel über das Hamstern gesprochen wird, ist es doch logisch, dass die Leute damit anfangen. Aber das ist womöglich die Absicht der Berichterstattung, denn wenn es so kommt wie in Italien, wenn Madrid so durchseucht wird wie Mailand... Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Spanien 1695, Deutschland 1565, Italien 10.149. Ganz Italien steht unter Quarantäne. War auch höchste Zeit. Hoffentlich passiert uns das hier nicht. Mein Sohn in San Sebastian hatte auch keine Vorräte. Er hat gesagt, wenn was ist komme ich zu euch, aber jetzt, wo man das in Italien sieht, dass man nicht reisen darf... Er hat jetzt auch ein paar Sachen gekauft, ein paar Dosen und einen Sack Futter für den Hund... Ich hoffe, ich mache die Leute nicht verrückt. Meine Freundin C. hat gerade ein WhatsApp geschickt, wir sollten uns nicht so verrückt machen. C. ist die, die es nicht bemerkt hat, als wir mal ein paar Tage kein Wasser hatten, weil sie irgendeinen Spezialtank hat. 

Freitag, 6. März 2020

Coronavirus - um beim Thema zu bleiben

In Kolumbien gibt es jetzt auch einen Fall, ein neunzehnjähriges Mädchen aus Mailand hat den Virus nach Bogotá gebracht. Warum lässt man die Leute aus Norditalien die Krankheit in die ganze Welt tragen? Dann hätte man auch die aus Wuhan den Virus verbreiten lassen können. Warum versucht man die Krankheit an manchen Orten zu bremsen und an anderen nicht? Warum will man die ganze Welt durchseuchen? Warum haben die Chinesen die ganzen Quarantänemaßnahmen durchgeführt?
In Valencia sind vom 15. bis 19. März die Fallas, ein großes Volksfest. Es gibt dort schon ein paar Coronavirus-Fälle, hauptsächlich von Fußballfans, die das Virus von einem Spiel in... Italien mitgebracht haben. Aber egal, nicht wahr, mit den Fallas werden 500 Millionen Euro umgesetzt, haben sie heute im Radio gesagt, darauf kann man nicht verzichten. Die Chinesen in Valencia  haben ihre Geschäfte und Restaurants geschlossen. Sie sind mit der Art und Weise, wie Spanien mit dem Virus umgeht, nicht einverstanden. Sie befürchten, dass die Fallas auch für das Virus zum Fest werden. Wer hat wohl recht? Die Spanier mit ihrer Sorglosigkeit oder die Chinesen? Die Zeit wird es zeigen. Valencia wird zum Versuchslabor. Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Deutschland 670, Spanien 400. Ab diesem Wochenende soll es wieder kälter werden.

Coronavirus - Wo ist man sicher?

Ja, wo ist man sicher? Dass man in der tiefsten spanischen Provinz nicht sicher ist, habe ich Euch schon in meinem vorherigen Post dargelegt (mittlerweile 2 Fälle in Salamanca). Mein Sohn und meine Schwiegertochter sind gerade in Kolumbien, in Pereira bzw. in Bogotá. Pereira ist die Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und Tourismus, von der ich Euch auch schon mal erzählt habe. Sie liegt mitten im Kolumbianischen Hochland. Ich sagte zu den beiden: "Wenn sich das Virus rasch ausbreitet, bleibt ihr am besten dort. Dort seid ihr sicher." Also wirklich, viel abgelegener geht es von uns aus ja nun wirklich nicht mehr. Aber: Es ist eines der bedeutendsten Kaffeeanbaugebiete der Welt. Da kann es schon mal sein, dass eine Delegation aus Mailand zum Verkosten anreist und das Virus hinschleppt, oder? Für Italiener gibt es ja keine Reisebeschränkungen. Und wenn die Kolumbianer sagen würden: "Ihr dürft hier nicht rein!", dann würde es bestimmt gleich heißen: "Ihr seid Rassisten!" und dann müssten sie die Italiener doch hereinlassen. So stelle ich mir das zumindest vor.
Morgen kommen die beiden wieder zurück nach Deutschland. Ich sagte zu ihnen: "Bringt Atemschutzmasken und Desinfektionsgel für die Hände mit!", denn diese Sachen sind ja in Deutschland und auch in Spanien ausverkauft (In dem spanischen Bergdorf, in dem mein anderer Sohn lebt, gibt es sie noch. Die scheinen sich dort ziemlich sicher zu fühlen. Noch! (Hahaha, oder?)
Atemschutzmasken waren in Bogotá auch schwer zu bekommen, obwohl es in Kolumbien noch keinen einzigen Fall gibt. Wisst Ihr, woran das meiner Meinung nach liegen kann? Vielleicht haben die Leute von dort Masken an ihre Verwandten in anderen Ländern geschickt, so war es nämlich bei uns in Salamanca: Als in China die Krankheit ausbrach und die Masken dort knapp wurden, haben die Chinesen hier in den Apotheken sämtliche Masken aufgekauft und nach China geschickt und man hat sie gelassen, weil man ja dachte, man bräuchte sie nicht und es kämen bald wieder welche herein. Was ich weiß: Der Apotheker bei uns im Ort hat erstmal - sehr vorausschauend, ganz früh - Masken für sich und seine Angestellten beiseite gelegt. Und dann blieben nur wenige, weil er ja auch nicht viele bevorratet hatte. Und dann gibt es außer den übervorsichtigen Käufern ja auch noch die, die sie aus medizinischen Gründen brauchen und für die dann keine mehr da sind. 
Jedenfalls haben sie in Bogotá noch Atemschutzmasken aufgetrieben, das beruhigt mich. Als völliger Laie und ahnungsloser Mensch denkt man, die Kolumbianer, die, wie gesagt, noch keinen einzigen Infizierten haben, könnten doch schon mal anfangen, massenhaft Masken herzustellen, nur für den Fall. Masken, Desinfektionsmittel, Schutzanzüge... Ich weiß, ich weiß, man versteht davon nichts und so ist es ja auch... und in Spanien verkünden sie jetzt auch im Radio und im Fernsehen und überall, dass die Masken gar nichts nützen, wenn man gesund ist, aber wenn ich in einer Großstadt in der U-Bahn stehe und jemand mich anhustet, da fühle ich mich trotzdem besser, wenn ich so eine Maske aufhabe.
Spanien lebt ja vom Tourismus. Ich habe das Gefühl, dass sehr wenig getan wird, um die Bevölkerung zu schützen. Israel lässt fast keine Menschen aus betroffenen Gebieten herein. Sie verzichten auf das komplette Ostergeschäft, obwohl das doch sicher für ihre Wirtschaft wichtig ist. In Sevilla wird auf die Semana Santa nicht verzichtet. In Madrid hätte heute das berühmte Besapies del Cristo de Medinaceli stattfinden sollen. Da werden einer Christusfigur die Füße geküsst. Letztes Jahr bildete sich eine Schlange, die einen ganzen Kilometer lang war. Solches Einem-Kruzifix-die-Füße küssen findet in vielen Kirchen statt, bei uns auch. Nach jedem Kuss wischt jemand symbolisch mit einem weißen Tuch über die geküsste Stelle. Es gab eine tagelange Diskussion, ob es in Madrid stattfinden soll oder nicht. Am Ende hat man sich dagegen entschieden, worüber die Gläubigen natürlich alles andere als erfreut sind. Ach so, und die Frage, wo man meiner Meinung nach vor dem Virus sicher ist, hat sich, glaube ich, von selbst beantwortet. 
Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Deutschland 545, Spanien 282. Spätestens wenn es warm wird, wird der Spuk vorbei sein, heißt es.

Donnerstag, 27. Februar 2020

Coronavirus

Ich erzähl's ganz schnell, ich will es eigentlich nur als Gedächtnisstütze für mich aufschreiben, ich habe es auch schon x-mal erzählt und will niemanden mehr damit nerven.
Also: Ich habe schon immer in unserem Haus in Spanien Bettzeug usw. vorrätig gehalten für den Fall, dass ein Atomkraftwerk hochgeht und unsere Verwandten aus Deutschland bei uns Zuflucht suchen müssen o.ä., also, das ist etwas, was ich immer im Kopf hatte, auch nach 9/11 oder so, als man sich irgendeinen Angriff vorstellen konnte. Und jetzt, als die Geschichte mit dem Virus losging, dachte ich: Hier in Salamanca, nicht einmal in der Stadt, in einer Siedlung quasi auf dem Land, in der tiefsten Provinz, sind wir absolut sicher und wenn sich das Zeug in Deutschland ausbreitet, können unsere Angehörigen ja aus der durch den Flughafen sicher sehr gefährdeten Rhein-Main-Region hierher fliehen. Das war mein Möchtegern-Prepper Denken.
So, und dann gibt es noch diese Stadt in Castilla y León, 65 Kilometer nördlich von Salamanca. Sie hat 60.000 Einwohner und heißt Zamora. Unten seht Ihr ein aus Wikipedia geklautes Bild. Die Stadt ist haargenau so, wie sie aussieht. Ein verschlafenes Nest, an dem die Zeit vorbeizieht. Vor Kurzem noch Ochsenkarren und Maultiere, jetzt Internet, irgendwann mal wieder Ochsenkarren, alles recht, alles eins in diesem nestigsten aller Nester. Ein aus der Zeit gefallener, zeitloser Ort und als ich ihn sah, dachte ich: Dies ist der Ort, der nach der Apokalypse, irgendeiner Apokalypse, übrig bleibt. 
Zamora – romanische Kathedrale über dem Duero
Aus Wiki kopiert: [...] "Bronzezeitliche Besiedlung ist nachweisbar. [...] Die in einem aus strategischen Gründen verwüsteten Gebiet im Niemandsland zwischen al-Andalus und dem christlichen Herrschaftsbereich gelegene Stadt wechselte im 9. Jahrhundert mehrfach Herrn und Einwohnerschaft. [...] Im 12. und frühen 13. Jahrhundert erlebte die Stadt ihre Blütezeit, die jedoch durch die Verlagerung des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Interesses in Richtung Andalusien ein Ende fand – sie sank auf den Rang einer Provinzstadt zurück, wodurch aber andererseits viele mittelalterliche Kirchen (allen voran die Kathedrale) erhalten blieben."
Damit endet die Geschichte von Zamora für die deutsche Wikipedia. Irgendwann nach dem 13. Jahrhundert. Für Zamora ist alles wurscht. Und von hier aus geht dann die Wiederbesiedlung des Erdballs aus. So dachte ich mir das, als ich vor ein paar Jahren auf dem traditionsgesättigten zamoranischen Boden wandelte. 
Und Anfang Februar, bevor wir nach München flogen, das ich für gefährdet hielt, dachte ich mir so: Zamora ist ein Ort, wo das Virus ganz bestimmt nie hinkommen wird. Und dann las ich am 06.02. in unserer Lokalzeitung im Internet, dass eine Delegation aus Guangzhou, aus China, das Städtchen besuchen würde. Das war für mich der totale Wendepunkt. Ich dachte, das gibt es doch nicht. Die können doch nicht mutwillig das Risiko eingehen, den Virus bis an diesen abgelegenen Fleck zu tragen! So wichtig kann das doch gar nicht sein, den Chinesen ein paar Flaschen von ihrem Kack-Wein zu verkaufen. Auch wenn das Risiko nur gering ist, es musste doch überhaupt nicht sein. Es hat mich geschockt. Von diesem Augenblick an glaubte ich zu wissen: Diese Säcke haben nicht die allerleiseste Absicht, uns zu beschützen.  Im Gegenteil. Das war am 06.02.20. Seither ist nichts geschehen, das mich bewogen hat, meine Meinung zu ändern. 
Es wäre doch eine hübsche Geste dem eigenen Volk gegenüber gewesen, die Chinesen auszuladen. Es hätte Vertrauen geweckt, aber das haben unsere Herrscher gar nicht nötig. Angesichts dessen, was in ihrem eigenen Land abging, hätten die Chinesen sicher Verständnis gehabt. Und auch wenn sie nie wieder irgendetwas von den Zamoranos gekauft hätten... wen juckt's? 
Und einer der ersten Verdachtsfälle in Spanien war natürlich in Salamanca, das ja voller ausländischer Studenten ist und der Tourismus ist eine wichtige Einkommensquelle. Der Verdacht bei dem jungen Italiener bestätigte sich allerdings nicht. Aber Sicherheit, auch relative Sicherheit, gibt es hier nicht. Ich hätte echt nicht gedacht, dass wir vor dem Rhein-Main-Gebiet dran sind. Sorry! Ich schreibe diese Zeilen beim Stand Spanien 25, Deutschland 41. Die Hoffnung in Spanien ruht darauf, dass es bald warm wird und der Virus dann von allein verschwindet. Ich habe gestern und vorgestern für 500 Euro Vorräte und Prepper-Material gekauft. Schutzmasken gibt es seit Tagen nicht mehr, Handdesinfektionsgel auch nicht. Schutzmasken wird es auch auf absehbare Zeit nicht mehr geben, da alle, die hergestellt werden, an die gehen, die sie dringend brauchen.

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Im Traum durch Prüfungen fallen

Ich hatte früher einen wiederkehrenden Traum, in dem ich durch das Mathe-Abi gefallen bin. Warum ich diesen Traum hatte, war mir völlig unerklärlich, denn in Wirklichkeit hatte ich ich die Mathe-Prüfung gut bestanden - und ganz nebenbei: Das ist schon 37 Jahre her! 
Im Laufe meines langen Lebens bin ich also immer mal wieder durchgefallen. Das habe ich einem Freund erzählt, der lachen musste, denn er (Professor der Musikwissenschaften) fällt immer mal wieder im Traum durch die Führerscheinprüfung, die er im Alter von achtzehn Jahren auf Anhieb bestanden hatte. Er hat sich mit den Werken Sigmund Freuds beschäftigt und informierte mich, dass Leute, die träumen, dass sie durch Prüfungen fallen, im wirklichen Leben nicht durch Prüfungen fallen. Nachdem er mir das gesagt hatte, hatte ich den Traum nie mehr.
Aber heute Nacht hatte ich ihn wieder, ich wurde mal wieder in Mathematik geprüft, erstaunlicherweise in aktualisierter Version: Die Fragen standen nicht einfach auf einem weißen Blatt, sondern waren in Kästchen angeordnet wie bei einem Foto-Roman, in Farbe, mit viel Schnickschnack, viel Photoshop, modern eben. Wir Abiturienten saßen nicht an einzelnen Tischen über die Turnhalle verteilt, sondern nebeneinander. Ich wusste nichts, hatte mich gar nicht vorbereitet. Neben mir saß eine große, kräftige, blonde Russin (Diversität! Gab's damals auch nicht), die alles wusste und schnell fertig war. Ich versuchte, von ihr abzuschreiben. Sie erkannte meine Not und beantwortete ein paar Fragen/füllte mit ihrem dicken, braunen Filzstift ein paar Kästchen auf meinem Bogen aus. Ich bat sie, meinen Kugelschreiber zu benutzen und ihre Schrift ein bisschen zu verstellen, damit es nicht gar so auffällig war, dass sie geantwortet hatte. Es wurde ihr gleich langweilig und sie hörte auf, mir zu helfen. "Ich gebe dir tausend Euro, wenn du machst, dass ich das Abitur bestehe," sagte ich zu ihr. An dieser Stelle bin ich, glaube ich, aufgewacht. 
Durch die Erklärungen unseres Freundes damals war es mir ein Leichtes, diesen Traum zu interpretieren: Mein Gatte und ich haben ein für unsere Verhältnisse ziemlich großes Projekt mit einem gewissen finanziellen Risiko in Angriff genommen. Eine Bekannte hat Ähnliches unternommen und ist damit vorläufig auf die Schnauze gefallen, hat sie mir erzählt. Das Mathe-Abi ist das Symbol für das Projekt. Und natürlich denkt man, also ich, ich bin zu blöd, zu unfähig, um es durchzuziehen. Das ist das unvorbereitet sein. Es gibt jedoch Fachleute (die Russin!), die in der Lage sind, einen zu unterstützen. In der Wirklichkeit ist das natürlich nicht Spicken, sondern Leute für ihre Arbeit bezahlen, wie das ja auch im Traum am Ende war. So, das war der Traum und die Erklärung.
Und es ist ja auch normal, dass man sich, wenn man älter ist und Risiken eingeht, mehr Gedanken macht als wenn man jung ist, denn wenn man das ganze Leben noch vor sich hat, hat man viel Zeit, eventuelle Fehler wieder auszubügeln, Wenn man im reiferen Alter ist, hat man diese Zeit nicht mehr. Diesen Gedanken habe ich neulich hübsch formuliert in einem Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert gelesen, bin jetzt aber zu faul, die Stelle herauszusuchen.   

Donnerstag, 7. November 2019

Aus meiner WhatsApp-Gruppe

Es handelt sich um eine Gruppe spanischer Damen, die sich zum Kaffee treffen möchten. Ihr wisst, dass es üblich ist, dass Anteile an Losen der spanischen Weihnachtslotterie mit Aufschlägen für Wohltätigkeiten verkauft werden. Wir haben zum Beispiel Losanteile vom Roten Kreuz, mit denen man 2,50 Euro spielt, für die man aber 3 Euro bezahlt, oder für irgendein Dorf, das schöner werden soll, bei dem man 4 Euro spielt, aber 5 Euro bezahlt. Eine der Damen aus der Gruppe möchte solche Lose mitbringen. Sie ist neben A., die das Herzstück der Gruppe ist, also die zweitwichtigste Person, B.

A: Wollen wir uns auf einen Kaffee treffen? B. muss uns die Lose bringen, wir müssen sie bezahlen. Möglichst bald, meine ich, sonst fällt der Kaffee mit unserem Weihnachtsessen zusammen! B., sag du, wann und wo! Ich wünsche euch Gesundheit und einen guten Tag.
A: P.S.:Dienstag oder Mittwoch wäre ideal.
C: Ich kann weder dienstags noch mittwochs, ich muss arbeiten. Ich wäre euch dankbar, wenn wir einen anderen Tag ausmachen könnten.
A: Gut, dann am Freitag, das ist anscheinend der beste Tag, da können die meisten.
B: Am Freitag habe ich die Lose noch nicht. Ich bekomme sie erst am Wochenende. Wie wär's mit Montag?
D: Montags und donnerstags kann ich nicht, tut mir leid. Morgens kann ich immer. Und freitags.
B: Gut, dann am nächsten Freitag. Also am Freitag in einer Woche. Morgens können die, die arbeiten, doch nicht.
E: Freitag ist gut, am Freitag kann ich.
F: Freitag in einer Woche ist ideal.
B: Sagt, wann und wo.
A: Es wird so früh dunkel, wir sollten uns so früh wie möglich treffen. Nennt Ort und Uhrzeit.
B: [Nennt Ort und Uhrzeit, mehrere Damen stimmen zu]
A: Oh je, mein Mann erinnert mich gerade daran, dass nächsten Freitag das Fest des Heiligen Albertus Magnus ist, da kann ich nicht. [Albertus Magnus ist der Patron der Naturwissenschaften der Universität Salamanca und sein Tag ist Anlass zu einem der größten Feste der Universität, mit Umzügen, Preisverleihungen und ausgesuchten Vorträgen.]
F: Ich kann mittwochs und donnerstags nicht.
G:  Ich kann dienstags und donnerstags zwischen 19 und 21 Uhr nicht.
A: Es sieht ganz so aus, als wäre der Freitag der beste Tag. Trefft euch halt am Albertus-Tag ohne mich.
B: Wie wär's denn mit Freitag, dem 22.?
[Allgemeine Zustimmung]
B: Ich lege die Lose beiseite, die ihr bestellt habt. Ich habe A., D. und G. notiert.
J: Ich möchte auch.
H: Ich auch.
I: Ich auch.
E: Warum hast du mich denn nicht auf deiner Liste?
B: Ich bringe für jede ein Los mit.
H: Das ist gut.
J: Ich hätte gerne zwei.
G: Ich hatte dir doch gesagt, dass ich drei will. Hast du das nicht aufgeschrieben?
B: Ich habe nachgeschaut. Ich habe für dich zwei aufgeschrieben.
G: Hatte ich zwei gesagt? Entschuldige.
B: Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.
A: Ich will drei.
C: Ich hatte D. gesagt, dass ich drei will. Hat sie dir das nicht ausgerichtet?
F: Ich will 1x1, 1x2 und 1x3, schreib es dir bitte auf, du verlierst sonst den Überblick.
B: [B. schickt ein Emoji mit einem Daumen nach oben.]
An dieser Stelle schrieb ich: "Lest Euch diese Unterhaltung noch mal in Ruhe durch, sie ist so lustig!"
Ich hoffe, Ihr findet sie auch lustig.


Dienstag, 5. November 2019

Die Andenken, die wir aus Japan mitgebracht haben

Wir haben nicht viele Andenken aus Japan mitgebracht, vor allem aus dem altbekannten Grund: Wir haben schon so viel "Zeug". Ich will heute Abend aber das benutzen, was in der Mitte vom Bild liegt, ich weiß gar nicht, ob man es überhaupt erkennt. Es handelt sich um einen gelben und einen orangen Plastikstreifen, die dazu dienen, Eier mit einem gezackten bzw. einem Wellenrand in zwei Teile zu teilen. Davor liegt der Kassenzettel, der noch im Tütchen lag. 182 Yen, das sind so 1,50 Euro. Dieser Gegenstand kommt aus dem Kaufhaus Tokyu Hands, in dem es ganz viele Gadgets gibt, Chindogus, wie diese, hier klicken. Ich finde dieses Zeug so toll. Es gab ein ganzes Regal, das mit Werkzeug rund um's Ei bestückt war: Offensichtliche Dinge wie Eieranpiekser, Eier in Scheibenschneider, Teller, um Spiegeleier in der Mikrowelle zuzubereiten, Eierkocher, Würfel für diejenigen, die Verlangen nach viereckigen Eiern haben und eben diese Streifen, siehe unten, bei denen ich zugegriffen habe, weil halbierte Eier mit gezackten Rändern in meinem Leben echt gefehlt haben.  
Bitte beachtet die Hakenkreuze auf dem Papier, in das die Räucherstäbchen unten links gewickelt sind, nicht. Hakenkreuze sind für die Buddhisten religiöse Glücksbringer (einfach nicht beachten!). Was haben wir noch? Unter den Räucherstäbchen liegt ein Prospekt von dem Tempel, wo ich sie gekauft habe.
Links über den Räucherstäbchen liegt ein grünliches Päckchen. Ich erinnerte mich nicht mehr, um was es sich dabei handelte und benutzte diese App, die ich habe, die sich den Aufdruck per Kamera anschaut und dann übersetzt. So konnte ich herausfinden, dass es sich bei dem Inhalt um Badezusatz handelt und nicht um Miso-Suppenpulver, wie ich vermutet hatte. Uff, noch mal Glück gehabt!
Die Tüten dahinter beinhalten Daifuku, kleine Reissüßigkeiten hier klicken, die ich sehr gerne mag. Ich hatte viel mehr mitgebracht, aber einen Teil habe ich verschenkt und einen Teil gefuttert. Meiner Nachbarin und ihrer Familie, die eigentlich nach dem Motto "was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht" leben, habe ich davon gegeben und ihnen erzählt, wie gut mir diese Dinger schmecken. Ich freue mich, berichten zu können, dass sie den Erwachsenen und den Kindern sehr gut geschmeckt haben. Hinten in der Mitte ist das japanische KitKat mit Grünteegeschmack, das praktisch ein obligatorisches Mitbringsel ist. Rechts daneben steht eine hölzerne japanische Puppe, die uns geschenkt wurde. Man nennt diese typischen Puppen Kokeshi. Was haben wir noch? Ein paar grüne Socken mit separater Großzehe. Vielleicht hat mein jüngster Sohn Interesse daran. Er trägt manchmal Socken zu Flip-Flops siehe hier klicken
Dann liegt da noch eine Postkarte mit einem sehr berühmten Motiv, nämlich der "Großen Welle von Kanagawa" des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai aus dem 19. Jh., das aber total modern aussieht. Ich wollte eigentlich ein kleines Poster davon kaufen. Siehe hier klicken, falls dieser Farbholzschnitt jemanden interessiert. Was ich mitbringen wollte und nicht gefunden haben: Samen von japanischen Schwarzkiefern. Es war wohl nicht die richtige Jahreszeit. 
So, jetzt fehlt nur noch eine Sache und die kriegt ihr eigenes Bild:
Nämlich dieser aufwändig gestaltete Umschlag. Ich weiß, über Geld spricht man nicht, aber dieser Umschlag sagt so viel: Darin wurde meinem Gatten irgendein Betrag erstattet. Anstatt dass man ihm das Geld irgendwie in die Hand gedrückt hätte, wurde es beidhändig mit einer Verbeugung in diesem Umschlag überreicht. Arigatou. Japan ist der Hammer. 
Ja, und jetzt interessiert Euch sicher noch, ob das mit dem gezackten Eirand geklappt hat.

Ja, oder? Man kann es auf dieser Detailaufnahme meiner gefüllten Eier erkennen, oder? Und es war ja auch das erste Mal, dass ich dieses wichtige und sinnreiche Haushaltsgerät in Betrieb genommen habe. So, das waren unsere Souvenirs aus Japan! Den Rest, die immateriellen Mitbringsel, tragen wir in unseren Herzen. 

Samstag, 26. Oktober 2019

Kulinarische Lebenserfahrungen

Als ich so zwölf oder dreizehn war, erzählte eine Freundin, die im Urlaub in Jugoslawien gewesen war (gab's damals noch), dass sie dort Spaghetti mit Tomatensoße mit Thunfisch gegessen hätte. Was?!? Tomatensoße mit Thunfisch? Das war ja sensationell! Bei uns war Tomatensoße eine Einbrenn mit Zwiebeln, einem Döschen Tomatenmark, Wasser, Salz und Pfeffer. Und die taten dort noch Thunfisch rein? Wahnsinn. Wie schmeckt das wohl? Kann man das überhaupt essen? Passt das zusammen?
Als ich sechzehn war, waren wir mit der Schule in München und landeten auch bei Dallmayr. Der Eindruck, den dieses Geschäft auf mich machte, ist bis heute unvergessen. Und auf dem Viktualienmarkt aß ich zum ersten Mal frische Datteln, daran kann ich mich auch heute noch erinnern. Was es auf dem Viktualienmarkt alles gab, das man noch nie gesehen hatte, madre mía.
Später sah man die Kleinmarkthalle in Frankfurt mit ihrem beeindruckenden Sortiment, wunderschöne Märkte oder Käsegeschäfte oder Bäckereien in Paris, Fischtheken, Wurst- und Schinkenstände in Spanien, die Tapasauswahl in San Sebastian, die Lebensmittelabteilung von Harrods in London... und irgendwie tat es einem leid, dass man schon so viel gesehen und so viel probiert hatte und dass es immer weniger gegeben würde, das einen beeindrucken konnte und das erste Mal irgendwas gibt es auch immer nur einmal.  
Jedenfalls wurden uns die Lebensmittelabteilungen der großen Kaufhäuser in Tokio empfohlen. Was sollte es da schon groß geben? Wir hatte ja schon wunderbares Sushi gesehen und gegessen. Wie wollten die denn da noch eins draufsetzen? Aber gut, nicht wahr, schauen wir es uns halt an. 
Leute, mir ist die Kinnlade bis auf den Boden hinuntergefallen. Ihr könnt es Euch nicht vorstellen und ich kann es nicht beschreiben. Auf einer riesigen Fläche wird hier das schönste und das beste aus der ganzen Welt zusammengetragen, im wahrsten Sinne des Wortes. Bunte Macarons aus Paris werden feilgeboten, die Wiener Konditorei Demel hat einen Stand, Äpfel, so groß und so schön, wie ich sie noch nie gesehen habe. Meeresfrüchte und Fisch, roh oder zubereitet, gegrillt, mariniert, getrocknet, geräuchert, eingesalzen, gebeizt, paniert, in Tempura,  gebraten, gesotten, Fleisch... wir lachen, wenn es heißt, dass die in Japan Rinder haben, die Bier zu trinken bekommen und massiert werden, damit sich das Fett gut verteilt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das stimmt. Ich traue das den Japanern zu. Sie haben so wunderbares Rindfleisch. Es ist wie das Schweinefleisch von der iberischen Schweinerasse in Spanien und hat das Fett im Muskel verteilt. In dem besonderen Restaurant, von dem ich Euch erzählt habe, dem, in das wir mit dem Kleinwagen gefahren sind, dort haben wir drei gegrillte Rindfleischwürfelchen bekommen. Die waren so zart, die sind auf der Zunge zergangen. Wenn ich jetzt so dran denke... es kann gut sein, dass sich mir diese Rindfleischwürfelchen auch ins Gedächtnis eingegraben haben.
Die ganzen fertig zubereiteten Gerichte, die es im Kaufhaus gab... und alles so liebevoll hergerichtet und wunderschön und farbenfroh dekoriert. Es gibt sehr viele Angestellte, aber auch sehr viele Kunden. Wie toll sie alles verzieren... Die Bentoboxen... früher hätte man gesagt: schön wie gemalt, aber die Bentoboxen selbst sind Kunstwerke. Die Fotos im Internet können der Sache nicht gerecht werden, denn sie können immer nur einzelne Elemente zeigen und nicht die Gesamtheit, diesen riesigen Saal, in dem die besten Speisen aus der ganzen Welt zusammengetragen worden sind. Es war die Food Hall im Kaufhaus Isetan in Shinjuku. Diese Lebensmittelabteilungen sind ein absolutes Muss (und ich sage das nicht leichtfertig) für Foodies, die Tokyo besuchen. Plant genug Zeit ein, lasst lieber irgendeinen Tempel sausen. Wir hatten nicht so viel Zeit, wie ich mir gewünscht hätte. Ich hätte da problemlos mehrere Stunden verbringen können. Auf diesem Blog hier klicken gibt es Bilder (runter scrollen), mit denen man eine ganz flüchtige Ahnung davon bekommen kann, was es bei Isetan alles zu futtern gibt.

Warum ich die letzten paar Tage nichts geschrieben habe

Ich hatte soviel versprochen und habe schon ein paar Tage nichts mehr geschrieben. Ich sage Euch, wieso. Kaum waren wir zuhause (dienstag nacht) hat mich eine schwere Erkältung niedergeworfen. Mir taten sämtliche Knochen im Gesicht weh, ich hatte ständig Schüttelfrost, ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich nicht durch die Nase atmen konnte, etc. 
Als ich bei meiner Nachbarin, die in unserer Abwesenheit unser Haus gehütet hatte, den Schlüssel abholen ging, sagte ich zu ihr: "Bitte wirf mir den Schlüssel von weitem zu, komm mir nicht zu nahe." Als ich letzteres meinem Bruder erzählte, fand er das lustig und zeigte damit deutlich, dass er den Film "Contagion" mit Gwyneth Paltrow nicht gesehen hat. Besser zu vorsichtig als nicht vorsichtig genug. Wie Ihr wisst, werden in Asien alle Leute, die aus dem Flugzeug aussteigen, von einer Wärmebildkamera erfasst. Was geschieht wohl mit denen, die Fieber haben?

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Japanische Toiletten

Ich hatte mir fest vorgenommen, die Waschvorrichtung einer japanischen Toilette zu benutzen, ehrlich, nicht zuletzt, um Euch hier davon zu berichten, aber ich muss Euch sagen: Ich hatte während ich auf der Toilette saß noch nie den Wunsch, Wasser möge von unten gegen meinen Popo spritzen, weder warmes noch kaltes, weder mit starkem Strahl noch mit schwachem, weder begleitet von Meeresrauschen noch von Walgesängen, gar nicht, nie. Deshalb habe ich es bleiben lassen.

Unsere Reise nach Japan und Korea

Gestern gegen Mitternacht sind wir wieder zuhause angekommen. Kalt ist es hier. Vier Grad, sagte uns der Taxifahrer. Und es regnet in Strömen. Ich bin gleich eingeschlafen, um vier Uhr aber wieder aufgewacht. Eineinhalb Stunden wartete ich vergebens aufs Wiedereinschlafen, jetzt schreibe ich diese Zeilen. Also, was gibt es noch zu erzählen? Der Spanier, der den Vortrag meines Gatten in Seoul organisierte, ging am ersten Abend mit uns in ein typisches BBQ-Restaurant essen. Er erzählte, er könne die Koreaner nicht leiden und die Koreaner könnten Ausländer nicht leiden. Er zählte die Tage (wörtlich), die er vertragsgemäß noch unter ihnen zu verweilen hatte. Hm. Dadurch wurde man natürlich diesbezüglich aufmerksamer. Die Koreaner sind weniger höflich als die Japaner, das ist ganz offensichtlich. Sie rempeln einen an ohne sich zu entschuldigen etc., aber sie sind auch zu einander weniger höflich. Der in Rede stehende Spanier behauptet, die Japaner würden die Touristen auch nicht sonderlich mögen. Also, ich finde, sie sind von solch exquisiter Freundlichkeit, da kann es mir doch echt egal sein, was sie hinter meinem Rücken über mich sagen. Außerdem hängt es sicher auch von jedem einzelnen ab. In Seoul, zum Beispiel, ging ich mit meinem Gatten durch ein Viertel in der Nähe unseres Hotels, in dem es keine Ausländer gab. Wir gingen durch eine Strasse mit lauter Restaurants, in denen nur Koreaner waren. Wir sahen eins, das uns ziemlich zusagte. Die niedrigen Fenster zur Straße waren geöffnet, drinnen standen diese typischen Grills. Nichts war auf Englisch beschriftet, nur koreanische Gäste. Da die Fotos der Gerichte auf der Speisekarte gut aussahen, gingen wir hinein. Wir hatten nicht das Gefühl, übermäßig willkommen zu sein, aber wir hatten Hunger. Man muss auch bedenken, dass diese Leute vielleicht erschrecken, wenn da diese fremdländischen Menschen (wir) ankommen und sie wissen, dass man sich nicht wird verständlich machen können. War uns alles wurscht. Eine ältere Frau brachte uns die Speisekarte und wir deuteten auf ein Bild und machten ihr außerdem klar, dass wir noch Bier und Wasser wünschten. Das klappte. Mit Händen und Füßen (Spässle) erklärte uns ein junger Mann, wie man das servierte Schweinefleisch mit Kraut zu erst auf dem Grill zu braten und dann zu verzehren hätte (in Salatblätter eingewickelt), welche Sauce man darauf geben sollte (hier ist es manchmal schwer, zwischen Saucen und Suppen zu unterscheiden und es werden einem zig Schälchen gebracht). Es muss den Wirten klar geworden sein, dass wir keine böswilligen Menschen waren, denn die alte Frau kam wieder, wir hatten mittlerweile alle Salatblätter aufgebraucht. Sie zeigte uns Bilder von unterschiedlichen Salatsorten, wir sollten uns wohl etwas aussuchen. Bringen Sie uns von allen, bedeuteten wir ihr. Wir waren freundlich, zeigten, dass es uns schmeckte und bedankten uns auf koreanisch ("Gamsahamnida", ich konnte es mir nicht merken, mein Gatte aber schon). Hinterher haben sie vielleicht gedacht, ach, so schlimm ist das mit den Touristen doch gar nicht, wir könnten unsere Speisekarte auch auf Englisch auslegen. Hoffentlich haben sie das gedacht. Bedenkt, wenn die Koreaner bei uns sind, geht es ihnen genauso. Dann liegt es an uns, freundlich und entgegenkommend zu sein oder nicht.
Sowohl in Japan als auch in Korea haben wir beobachtet, dass ziemlich viele junge Kulturtouristen unterwegs sind. Also, keine Rucksacktouristen, sondern echte Kulturtouristen. Rucksacktouristen gibt es natürlich auch. Junge Menschen, die Manga- und Anime-Fans sind, kommen nach Tokio, K-Pop-Fans nach Seoul (Gangnam-Style!). Sie weiten ihr Interesse auf die Sprache und die übrige Landeskultur aus und nehmen die Strapazen und Kosten einer Reise auf sich. Find ich gut. 
Beim Vortrag meines Gatten in Seoul war der Saal schon eine halbe Stunde vorher ziemlich voll. Ich sass im Publikum und kam mit der jungen Spanierin neben mir ins Gespräch. Sie war ein großer Anime-Fan gewesen und eines Tages schlug ihr Youtube eine koreanische Serie vor. Neugierig klickte sie und war sofort hin und weg. Ich habe mir aufgeschrieben, wie die Serie heißt, habe aber jetzt mein Notizbuch nicht bei der Hand. Jedenfalls fand sie diese Serie (koreanisch mit englischen Untertiteln) so toll, dass sie anfing, koreanisch zu lernen und sich intensiv mit der koreanischen Kultur zu befassen. In ihrer spanischen Heimat lernte sie einen jungen Koreaner kennen, der dort ein Masterstudium absolvierte. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie ist seit drei Jahren verheiratet, lebt in Seoul und gründet mit ihrem Gatten eine Multikulti-Familie. Unglaublich, nicht wahr? Wie ein Klick bei Youtube einem eine Welt erschliessen und das Leben verändern kann. Sieben Uhr. Ich versuche noch einmal, ein bisschen zu schlafen. Es regnet wie aus Kübeln.

Montag, 21. Oktober 2019

Seoul

Wir sind in Seoul, in Korea, wer hätte das gedacht - und wenn der Vortrag nicht wäre, wären wir auch niemals hierhergekommen. Wir wussten vorher nichts über diese Stadt und über Korea - und wir waren total überrascht, wie modern hier alles ist. Es ist anders als in Japan, man merkt den Unterschied deutlich. Das erste, was mir auffiel, waren die Gasmasken auf dem Flughafen und in der U-Bahnstation. Seoul liegt nur 50 oder 60 Kilometer von Nordkorea entfernt! Der Flughafen, die Bahn usw., das ist alles sehr modern. Die vielen Wolkenkratzer! Die breiten Strassen! Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll mit erzählen, es ist einfach zu viel. Und zwischen diesen Wolkenkratzern fliesst ein kleiner, sauberer, gepflegter Fluss mit schönen Bäumen am Ufer, hübsch und romantisch. Uns standen ja nur zwei Tage zur Verfügung, trotzdem versuchten wir, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, so weit wie möglich abzuarbeiten. Am ersten Tag gerieten wir auf dieser sehr breiten Prachtstrasse, die sie hier haben, mit einer grossen Statue des Erfinders ihres Alphabets in der Mitte, in eine Demonstration. Die Demonstranten waren Menschen mittleren Alters und älter. Sie trugen koreanische und amerikanische Fähnchen und Anstecker mit der koreanischen und amerikanischen Flagge. Ein Mädchen, das schlecht Englisch sprach, erklärte mir im grossen Lärm, worum es ging. Es war ein Protest gegen den Präsidenten, es demonstrierten aber auch Leute für den Präsidenten. Zurück im Hotel fragten wir den Portier, der leidlich Englisch spricht, worum es geht. Er erzählte uns dasselbe, wir haben es aber, wie gesagt, nicht kapiert, wir haben nämlich gar keine Ahnung, was in diesem Land los ist. Aber was hatte es mit den amerikanischen und koreanischen Fähnchen auf sich? Hatten die nicht einen Krieg, wo sie gegen einander gekämpft haben? Der Korea-Krieg, waren das nicht Amerikaner gegen Koreaner? Von unserer völligen Ahnungslosigkeit verwirrt, machten wir uns auf in das Museum für koreanische Geschichte der Gegenwart, das sich gegenüber von diesem einen grossen Palast befindet, auf dessen Namen ich mich nicht mehr besinne, dem am Ende der Prachtstrasse. (Er heisst Gyeongbokgung, wie konnte ich das vergessen?)
Dieses Museum war sehr, sehr interessant und dadurch, dass nicht alles in Englisch beschriftet ist, ist es auch schnell angeschaut. Für Besucher, die gar nichts über Korea wissen, ist es sehr zu empfehlen. Also, der Korea-Krieg war nicht Amerikaner gegen Koreaner. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Korea in zwei Teile geteilt worden, und zwar in einen kommunistischen Norden, wo die Russen Einfluss hatten, und den Süden, unter dem Einfluss der Amerikaner, ähnlich der BRD und der DDR. Hier geschah es aber, dass der Norden Anfang der Fünfzigerjahre mit Unterstützung der Russen und auch der Chinesen den Süden überfiel, quasi so, als hätte die DDR die BRD angegriffen. Die USA unterstützten den Süden, es ging ein paar Mal hin und her und am Ende verfestigte sich das System, wie wir es heute kennen, mit der strengen Grenze in der Mitte. Die Südkoreaner sind den USA also dankbar, dass sie sie davor bewahrt haben, so verarmt wie der Norden zu enden, deshalb diese gemeinsamen Fähnchen. Falls der Norden und der Süden eines Tages wieder vereinigt werden... ich glaube nicht, dass dann die Renten der erste Gedanke sein werden. So, wie ich das hier sehe, wie geschäftig die hier sind, die vielen Läden, die vielen, vielen kleinen Werkstätten in dem Stadtteil, in dem sich unser Hotel befindet... die werden in den Norden rasen und dort ihre Betriebe aufbauen. Wir können uns von Europa aus wirklich gar nicht vorstellen, was hier los ist. Samsung, Hyundai, Kia, LG, das sind alles koreanische Firmen.  
Und sie lieben klassische Musik. Im Taxi lief ein Klassik-Sender. Als die U-Bahn einfuhr, erklang ein Jingle als käme die Kavallerie, wir waren so überrascht, dass wir lachen mussten. Der Kanon von Pachelbel läuft 24/7 in verschiedenen Varianten. Mal gespannt, wie lange es dauert, bis wir Schuberts Ave Maria hören, dachte ich mir. Lange musste ich nicht warten, es begleitete am zweiten Tag unser Frühstück. 
Was noch? Apropos modern: Unser Hotel ist so mittelklasse (75 Euro die Nacht), aber es hat einen kleinen Bildschirm für die Domotik. Da es bei uns so etwas noch nicht gibt, kennen wir uns damit nicht aus. Es war aber gestern aus unerfindlichen Gründen sehr warm in unserem Zimmer. Draussen war es viel kühler, auf dem Hotelflur war es kühler. Wir versuchten, auf dem Touchscreen die Klimaanlage auf eine niedrigere Temperatur zu stellen, was uns auch gelang, dennoch wurde es im Zimmer nicht kühler. War die Klimaanlage so leise, dass man sie nicht hörte? Wir sind laut ratternde Klimaanlagen gewöhnt, da weiss man wenigstens, dass sie laufen. Wir hatten 21 Grad eingestellt, im Zimmer hatte es 28. Was tun? Wir griffen schliesslich zum radikalsten aller Mittel und öffneten das Fenster.


Sonntag, 20. Oktober 2019

Japan

Wie kann man das bloss schlecht finden, wenn Züge pünktlich fahren, wenn sie vom angekündigten Gleis abfahren und nicht "heute vom Gleis gegenüber", wenn man in der U-Bahn seine Habseligkeiten nicht krampfhaft festhalten muss, damit sie einem nicht gestohlen werden, wenn niemand bettelt, auch nicht für irgendwelche Wohltätigkeiten, wenn die Strassen sauber sind und nirgendwo Graffiti ist, wie kann man das bloss schlecht finden? Während unser Flugzeug für den Weiterflug nach Seoul losfuhr, standen fünf oder sechs Rollfeldarbeiter in einer Reihe und verbeugten sich zum Abschied. Die Damen vom Check-In-Schalter hatten sich ebenfalls vor den Kunden verbeugt, bevor sie ihre Arbeit aufnahmen. 

Dienstag, 15. Oktober 2019

Japan

Ich gerate in den Rückstand! Also, vorgestern: Wir fuhren zur Uni, wo mein Gatte den Vortrag hätte halten sollen, wenn nicht der Taifun in den Weg gekommen wäre. Unser U-Bahn-Experte holte uns ab. Er ist ein sehr lieber Mensch und kümmert sich rührend um uns. Der Campus liegt etwas ausserhalb. Tokio ist riesig. Eineinhalb Stunden Anfahrt für die Studenten sind nicht ungewöhnlich, manche fahren sogar zwei Stunden, wurde uns gesagt. Um ein Haar hätte man wieder von der Bahn aus ganz kurz den Fujiyama sehen können. Ich glaube, ich habe ihn sogar gesehen. Obendrauf war kein Schnee. "Ist es dieser Berg? Ist es dieser Berg?" rief ich aufgeregt und versuchte ein Foto zu machen, was mir natürlich nicht gelang, "Ja," sagte unser Begleiter von der Uni, aber ich habe mittlerweile festgestellt, dass der Japaner zum Ja-Sagen neigt, egal, was die richtige Antwort ist (das kann problematisch sein, wenn man zum Beispiel fragt: "Ist das die richtige Bahn?" Das ist uns gestern passiert. Dazu später mehr (hoffentlich)). 
Nach unserer Ankunft assen wir erstmal gut und reichlich zu mittag, dann wurde uns die Universität gezeigt. Was einem vor allem auffällt: Wie sauber und gepflegt hier alles ist. In der Uni glänzt der Boden... sogar in der U-Bahn glänzt der Boden, nirgendwo Müll, kein Graffiti. Der Professor zeigte uns auch den Saal, in dem mein Gatte den Vortrag gehalten hätte, wenn der Taifun nicht gekommen wäre, und führte uns die wunderbare Akustik vor, indem er Chormusik -vom Band, hätte ich fast geschrieben, hahaha - indem er Chormusik irgendwie laufen liess. "Diese Musik erinnert mich an einen Chor, den ich vor fast zwanzig Jahren in Salamanca gehört habe," sagte ich. "Das eine Lied war so schön, dass ich mich bis heute daran erinnere. Es hiess "Furusato"," sagte ich. "War es dieses?" sagte der Herr und spielte es ab. Er war damals der Dirigent gewesen. Die Welt ist echt ein Dorf. Ich bin diesem japanischen Herrn vor fast zwanzig Jahren schon einmal in Spanien über den Weg gelaufen. Hier könnt Ihr das Lied hören: Furusato. Furusato heisst kleines Dorf. Das ist doch für ihn als Hobby-Dirigent ein Riesenkompliment, oder? Dass sich jemand zwanzig Jahre später noch an seinen Auftritt erinnert?
Wie ging es weiter? Nachdem wir die Uni gesehen hatten, sollten wir mit N. in ihrem Auto zu einem Restaurant zu einem ganz besonderen Abendessen fahren. Ich hatte das Mittagessen noch nicht verdaut. "Mein Auto ist sehr klein," entschuldigte sie sich. "Na, so klein wird es schon nicht sein," sagte mein Gatte. Eine Weile später fing sie wieder an: "Mein Auto ist sehr, sehr klein." "Wir werden sicher reinpassen," entgegnete mein Gatte. Eine Viertelstunde später: "Mein Auto ist wirklich ganz, ganz klein, es ist nur wenig grösser als ein Spielzeugauto." Mein Gatte tröstete sie wieder. Ich sagte leise zu ihm: "Es gibt doch da sicher gewisse Normen, ein Auto darf doch sicher gar nicht kleiner als x sein." Ich stellte mir vor, wie wir aneinander gepresst mit gebeugtem Kopf, gekrümmtem Rücken und angezogenen Knien in diesem Winzling sitzen würden. Es stellte sich dann heraus, dass es sich um einen ganz normalen Kleinwagen handelte.
Wir fuhren dann also zu diesem Restaurant... der Garten war unfassbar schön. Ich habe zig Fotos gemacht, wenn wir wieder zuhause sind, lade ich ein paar hoch. Alles, was man sich in seinen Träumen von japanischen Gärten ausmalt, gemixt mit einer gehörigen Portion "cozy places", hier war es. Dazu ein paar mega-niedliche kleine Mädchen in Kimonos... "cute" ist ein englisches Wort, das die Japanerinnen beherrschen, auch wenn sie sonst kein Englisch können.
Wir hatten einen eigenen, mit Papiertüren abgetrennten Raum, wo uns ein Gang nach dem anderen serviert wurde und alles war so herrlich angerichtet, in kleinen Schüsselchen, Döschen mit Deckel, Schälchen, und so lecker. Es war ein kulinarisches Erlebnis.
Anschliessend fuhr uns N. wieder in ihrem Kleinwagen zum Bahnhof. Alles gut.
Gestern machten mein Gatte und ich einen Ausflug nach Kamakura. Wir fuhren mit der JR-Line und stiegen in Kita-Kamakura aus, das war richtig. Wir schauten uns drei Tempel an, die dort im Wald stehen.
Diese Tempel in japanischen Gärten sind so schön. Sie strahlen eine grosse Ruhe aus, insbesondere nach der Hektik der Stadt. Echt zen. Das eine war, wenn ich mich recht erinnere, sogar tatsächlich ein Zen-Kloster. Ich werde zum gegebenen Zeitpunkt ein paar Fotos hochladen. Nach dem dritten Kloster stand noch eine riesige Buddha-Statue in einem Ort in der Nähe auf dem Programm. Dafür musste man zuerst in den Ort Kamakura gelangen und dann von dort weiter mit einem anderen Bus. Wir trafen auf drei Spanier mit einem Privatführer, der sie fragte, ob sie ins Dorf laufen oder mit dem Bus fahren wollten, zu Fuss seien es zehn Minuten. Die Spanier entscheiden sich für das Zu-Fuss-Gehen. Wir hatten aber vorher sagen hören, dass es eine halbe Stunde Fussmarsch war und weil man ja zum Buddha auch noch ein Stück laufen musste, entschieden wir uns für den Bus. An der Haltestelle war natürlich alles auf japanisch beschriftet. Wir versuchten uns mit der App, die Bilder übersetzt, zu behelfen. Inzwischen kam eine Frau, die auch mit dem Bus fahren wollte. Sie konnte kein Wort Englisch. Sie war trotzdem bereit, sich mit uns mit Händen und Füssen zu verständigen und zu beratschlagen, ob der nächste Bus wohl bald käme und für uns der richtige wäre. Wir haben bisher noch kein Mal Google Translate verwendet. Es ging immer auch so. Die Japaner sind ziemlich gutwillig, das muss man ihnen lassen.
Wir stiegen also in den nächsten Bus und es war der richtige, er fuhr nach Kamakura, und wir hatten Glück, dass wir nicht gelaufen waren, die Strecke war nämlich viel länger als gedacht.
Beim Aussteigen hatte ich ein schönes Erlebnis: Ich liess einer sehr alten Frau von dieser gekrümmten, o-beinigen Sorte, von dieser von einem langen Leben gebeugten japanischen Sorte den Vortritt und sagte dazu:  "Hai doso". Das hatte ich am Tag zuvor gelernt. Es bedeutet "Nach Ihnen". Das fand sie derartig witzig, noch im Weitergehen draussen lachte sie. Seitdem nutze ich jede sich bietende Gelegenheit, um mein "Hai doso" (stimmhaftes s, die o's ein bisschen wie ö's) an den Mann zu bringen.
Es stellte sich heraus, dass Kamakura ein durch und durch touristisches Dorf ist, mit einem Laden am anderen und dazwischen massenhaft Fressbuden. Da wir mittlerweile ziemlichen Hunger hatten, wagten wir uns in eines dieser Restaurants mit Laufband mit Sushi-Tellerchen. Fotos und Erläuterungen folgen (hoffentlich). Wir hatten uns erst nicht hineingetraut. Ausserhalb von Tokio sprechen die Leute anscheinend kein Englisch. Wie sollten wir denn wissen, wie wir uns verhalten  und zu unserem Essen kommen sollen? Die Leute hier sind super hilfreich, man braucht gar keine Bedenken haben. Alles klappte wunderbar.
Draussen, vor einem Süsswarenstand war eine lange Schlange junger Menschen. Wir reihten uns ein und kauften uns zum Nachtisch auch das, was alle begehrten (Stäbchen, auf denen Kügelchen aus dieser Reispuddingmasse steckten). Dann stellte sich die Frage: Zum Grossen Buddha (11 Meter soundsoviel hoch, glaube ich) oder den Zug zurück nach Tokio nehmen und in Yokohama aussteigen und diese Stadt anschauen? Da unser religiöser und spiritueller Bedarf für den Tag gedeckt war, entschieden wir uns für die Yokohama-Variante. Da der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat, hatten wir dort nicht so viel Zeit. Wir verliessen den Bahnhof durch das sehr grosszügig gebaute Nissan-Gebäude, in dem Autos und Motoren usw. vorgestellt wurden. (War das wirklich Nissan? Kann auch eine andere Automarke gewesen sein.) Wir gelangten in ein supermodernes, sorgfältig gebautes Stadtviertel mit tiefergelegten Strassen, bzw. höher gelegten Fussgängerwegen, vielen tollen Geschäften, schicken Hochhäusern, Cafés, einem grossen Museum. Also, die Gegend, Minato Mirai 21, sah seeehr einladend ein für jemanden, der gezwungen ist, in einer Grossstadt zu leben bzw. der dies freiwillig möchte. Wir liefen immer gerade aus und gelangten zu einem Vergnügungsviertel, das wie ein Rummelplatz war. Dort gab es auch ein riesiges, riesiges, riesiges Riesenrad. Ich habe gerade nachgeschaut: Es ist das grösste der Welt und 112 Meter hoch. In der Mitte ist eine digitale Zeitanzeige angebracht. Eine Umdrehung dauert 15 Minuten und kostet umgerechnet 7,20 Euro (800 Yen). Wir sind in Japan, Leute, wer hätte das gedacht??? Wir fuhren also eine Runde Riesenrad und machten uns dann auf den Weg zurück zum Bahnhof und in unser Hotel in Tokio. Morgen geht es weiter mit meiner Erzählung vom heutigen Tag (morgens Stadtrundfahrt, nachmittags hat mein Gatte endlich einen Vortrag gehalten, anschliessend Abendessen mit der Truppe vom Vortrag. Waaasss? wurden wir gefragt. Ihr habt den Grossen Buddha nicht gesehen? Was, ihr habt die Chinatown von Yokohama nicht gesehen? Und in Kyoto nicht den silbernen und den goldenen Buddha??? Nööö, haben wir alles nicht gesehen. Haben wir nicht geschafft in der Zeit, die uns zur Verfügung stand, wir sind aber trotzdem mit unserer Reise bisher voll zufrieden.). Leute, wir sind in Japan, wer hätte das gedacht???

Samstag, 12. Oktober 2019

Der Taifun

Es ist jetzt 20 Uhr. "It's an extreme emergency situation" haben sie gerade in den Nachrichten gesagt. Im Moment regnet es einfach nur. Wie ist der heutige Tag bisher verlaufen? Wir gingen alle paar Stunden mal raus, um frische Luft zu schnappen und um zu sehen, was draussen los ist. Es hat den ganzen Tag stark geregnet. Der öffentliche Personennah- und -fernverkehr war eingestellt, Taxis fuhren irgendwann auch nicht mehr. Fast alle Geschäfte, alle Museen usw. waren zu. Um 15 Uhr beobachteten wir einen Herrn, der mit einem Schirm losmaschierte, die Treppen hoch, die unserem Hotel gegenüberliegen. Erstmal wurde sein Schirm umgeknickt, dann wurde er hin und her geschüttelt. Gebückt lief er die Treppe wieder herunter und kam zurück. Der Wind war aber nicht die ganze Zeit so stark. Der Regen war auch nicht immer gleich stark. Wir haben einen Sender eingestellt, der ständig in englischer Sprache informiert. Für Tokio besteht höchste Warnstufe.
Um 18.30 Uhr rief der liebe Freund an, der uns in der U-Bahn begleitet hatte, um uns zu sagen, wir sollten uns keine Sorgen machen, was gerade geschehen war, wäre hier normal. "Was denn?" fragte mein Gatte. "Das Erdbeben der Stärke 4, das um 18.21 Uhr stattgefunden hat." Wir hatten es gar nicht bemerkt. 
Als wir mal wieder mit dem Aufzug runterfuhren, stiessen wir auf ein amerikanisches Paar in Regenjacken, mit Rucksäcken ausgestattet. "Habt Ihr das Erdbeben bemerkt?" fragten sie uns. Sie hatten es bemerkt, unter anderem, weil das Wasser Wellen schlug, das sie in ihre Badewanne eingelassen hatten, für den Fall, dass der Strom ausfällt. "Wollt ihr hinausgehen?" fragten wir in Anbetracht ihrer Ausrüstung. "Nein," sagten sie, "we just want to be prepared." Aha.  
In der Hotellobby sind viele Stühle aufgestellt worden.
Es kamen uns mehrere Hotelgäste mit Tüten entgegen. Im kleinen Supermarkt gegenüber wird noch Zeug verkauft. Wir warteten auf eine Pause zwischen Windstössen und rannten über die Strasse und kauften ein paar Sachen. Die meisten Regale waren leer. Wasser gab es noch und seltsame Chipssorten und viele Süssigkeiten. Das ganze Ramennudelzeug, über das man nur heisses Wasser giessen muss, war weg. Die Angestellten backten Hähnchenschnitzel und machten diese dampfgegarten, gefüllten Semmeln, die es hier gibt. Wir kauften uns Wasser und Hähnchenschnitzel und Kaffee für morgen früh, warteten wieder auf eine Pause zwischen Windstössen und rannten zurück ins Hotel. Mein Gatte hat die Badewanne bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Es ist jetzt 20.20 Uhr und man kann sich nicht vorstellen, was noch geschehen soll. Es regnet einfach nur stark. Es heisst jetzt, dass der Taifun um 21 Uhr in Tokio ankommen soll. Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass irgendwas anderes als starker Regen geschehen soll. Mein Gatte hat ein bisschen Angst vor einem stärkeren Erdbeben. In solchen Situationen sieht man, wie jeder einzelne ist. 
"Avoid going outside unless it's absolutely necessary," haben sie gerade gesagt. In manchen Gegenden sind Leute evakuiert worden.
Jetzt ist es 22.47 Uhr. Ich erzähle Euch, was weiter geschah. Um 21 Uhr regnete es. Um 21.20 Uhr auch. Ich dachte, vielleicht ist unser Fenster ungünstig gelegen und deshalb sieht man den Taifun nicht. Ich geh' noch mal runter. Als ich unten ankam, war es praktisch windstill und hatte aufgehört zu regnen. Etwa 20 Leute standen da und starrten in den Himmel, wo es ausser Wolken und etwas rosafarbigem Licht nichts zu sehen gab. Ich stellte mich dazu und wartete. Lange. Dann kam ich mit einem Australier ins Gespräch. Ich sagte, wie langweilig es doch sei und es gäbe echt nichts zu sehen. Er antwortete: "Was?!? Wir befinden uns im Auge des Sturms!" Im Idealfall würden wir über uns klaren Himmel sehen. The eye of the storm! Das war natürlich was ganz was anderes und ich schickte meinem Gatten ein WhatsApp, er solle schnell herunterkommen, wie oft im Leben hat man schon Gelegenheit mitten im Auge eines Taifun zu stehen. Er kam dann auch und war wenig begeistert, mit mir vorm Hotel zu stehen. Es regnete und windete kaum. Wir standen noch eine halbe Stunde da. Es kam gelegentlich wieder ein bisschen Wind auf und es fielen auch noch ein paar Tropfen. Das war's mit dem Taifun. Jetzt bin ich oben im Zimmer und schreibe diese Zeilen. Das Wasser in der Badewanne werden wir wahrscheinlich nicht brauchen. Gut so, ne?

Der Bambushain von Kyoto und der Taifun in Tokio

Also, wir sind wieder in Tokio (Samstag, 12. Oktober 2019) und es scheint als wären wir den ganzen Tag an unser Hotelzimmer gefesselt, ein Taifun ist nämlich über uns. Er steuert ja schon seit Tagen auf die Stadt zu und es sieht nach einem "direct hit" aus. Gestern abend, als wir von Kyoto zurückkamen, regnete es schon leicht. Als wir heute früh aufwachten (kein Jetlag mehr, juhuu), regnete es, nach einer Weile regnete es stärker. Vorhin waren wir unten in der Hotellobby, in der sich viele Leute befanden. Klar, heute kann man nichts unternehmen. Mein Gatte und ich überlegten uns, irgendwo hinzugehen, zum Beispiel in das Kaufhaus Tokyu Hands, das uns empfohlen wurde und das ungefähr zehn, fünfzehn Minuten Fussweg vom Hotel entfernt ist, aber es regnet schon ziemlich stark, also, Schuhe und lange Hosen wären sofort nass. Wir schauten einer Familie zu, die das Hotel verliess, es sah nicht sehr ratsam aus. Ausserdem soll das Wetter im Laufe des Tages ja schlechter werden. Die Züge stehen jetzt schon still, der Flughafen ist wohl auch dicht und am Mittag wird der Nahverkehr eingestellt. Gestern, auf dem Rückweg von Kyoto, deckten wir uns mit Essen und Wasser für den ganzen heutigen Tag ein. Der Laden auf dem Bahnhof, in dem wir kauften, war komplett voll, es waren soviele Menschen drin, wie nur reinpassten. Man stand quasi gleich nach Betreten des Ladens für die Kasse an. Aber alle Regale waren voll, alles funktionierte wunderbar. Vor den Japanern kann man echt den Hut ziehen. Unsere Minibar ist voll mit Bento-Boxen mit unidentifizierbarem Inhalt (was wir uns eben im Laden schnappen konnten), mit japanischen Sandwiches und Wasser. Zum Frühstück hatten wir uns fertigen Milchkaffee mitgenommen, das war eine ziemlich süsse Angelegenheit. (Klar hätten wir auch im Hotel frühstücken können, aber das hätte 2000 Yen gekostet, das sind, glaube ich, 18 Euro und wir sind keine grossen Frühstücker. Da hätten wir uns gezwungen gesehen, uns vollzustopfen, bloss weil wir bezahlt haben. Das ist nichts für uns.) Jetzt ist es elf Uhr zwanzig und es regnet.
Ich erzähle Euch von gestern, vom Bambushain von Arashiyama. Laut Lonely Planet gehört er zu den 500 sehenswürdigsten Sehenswürdigkeiten der Erde. Naja, echt? Echt? Ts. Zu erst einmal: Das "Wäldchen" ist ziemlich klein, scheint mir. Definitiv kleiner als ein Quadratkilometer. Dieser berühmte Weg ist vielleicht zweihundert Meter lang. Okay, sollen es mal dreihundert sein. Was man auf dem Foto im Internet sieht -es scheint nur eins zu geben - ist alles, was man sieht. Mehr gibt es nicht. Was soll denn an diesen hohen Bambusstangen so besonderes sein? In Kolumbien haben wir auch Bambushaine gesehen. Hapert es anderswo am Marketing? Der kurze Weg (das, was man auf dem Foto sieht, ist wirklich!!! alles) ist voller Touristen aus aller Welt. Falls Ihr in Kyoto seid und es nicht dorthin schafft... das macht ü-ber-haupt nichts. Ich bin aber doch froh, dass wir diese Sehenswürdigkeit abgehakt haben. Und das ist ja auch ein Ziel des Reisens, nicht wahr? Sehenswürdigkeiten abhaken, Lonely Planet-Empfehlungen abhaken. Wenn man gegen die Bambusstämme klopft, klingen sie überraschenderweise als wären sie aus Metall.
Neben dem Bambushain ist noch ein Tempel, der zum Weltkulturerbe zählt, den schauten wir uns auch an. Er ist ein normaler japanischer Tempel mit einem wunderschönen Garten. Statt Rasen war der Boden mit Moos bedeckt. Nirgendwo ein Unkraut. Alles perfekt zugeschnitten. Hier haben wir gesehen, wie sie diese Perfektion erreichen: Auf engem Raum (20 Quadratmeter) sassen vier Männer im Schneidersitz auf dem Boden und zupften (unter Zuhilfenahme eines Mikroskops, Spässle) Unkraut. Drei Männer schnitten Nadelbäume, aber die sägten da nicht Äste ab, wie man das bei uns machen würde, sondern sie entfernten kleine Triebe, die nicht in die gewünschte Richtung wuchsen. So geht das. Und dementsprechend sieht es dann halt auch aus.
Anschliessend fuhren wir zurück in die Stadt, gingen noch ein bisschen in der Gegend um den Bahnhof spazieren und nahmen dann den Shinkansen zurück nach Tokio. Das Gute ist, dass es hier überall auf den Bahnhöfen Schliessfächer gibt, wo man sein Gepäck lassen kann, während man zum Beispiel durch den Bambushain spaziert.
Das Wetter um 13 Uhr: Es regnet stark, aber es ist kein Starkregen.
Ich erzähle Euch noch ein paar andere Sachen, die mir hier aufgefallen sind: Ach ne, das Wichtigste zuerst, schon am Flughafen haben uns entsprechende Werbeplakate gegrüsst: Die Toiletten, die einem Wasser an den Popo spritzen. Ich gestehe Euch ganz ehrlich, ich habe sie noch nicht ausprobiert. Mein Gatte hat das Klo im Hotel ausprobiert und dabei Folgendes erlebt: Zuerst war der Strahl zu schwach und erreichte seinen Popo gar nicht. Dann stellte er ihn stärker und er war zu stark, unangenehm stark, und er wusste nicht, wie man ihn wieder schwächer stellt und er wagte nicht, aufzustehen und genau zu gucken, weil er Angst hatte, dass die Fontäne im ganzen Bad herumspritzen würde (ich hatte meinen Kulturbeutel vorsichtshalber in Sicherheit gebracht), also blieb er sitzen und hielt aus, bis das Spektakel vorbei war. Danach hat er das Ding nicht mehr benutzt. Da wir, wie bereits gesagt, heute den ganzen Tag im Hotel verbringen müssen, probiere ich es nachher vielleicht auch einmal. Das Klo hat selbstverständlich noch viele weitere Features. Die Brille ist zum Beispiel immer vorgeheizt. Ich finde das unangenehm. Es ist nämlich echt als wäre gerade jemand aufgestanden und die Brille wäre noch warm vom Vorbenutzer. Ich mag das gar nicht, wenn mein Popo beheizt wird, ich mag auch keine Sitzheizung im Auto.
Auch aufgefallen ist mir, wie weiss die Haut der Frauen ist. Die bemühen sich wirklich, dass kein Sonnenstrahl an sie kommt. Die Kinder sind schön braun, die Männer sind dunkler als die Frauen, daran sieht man, dass sie eigentlich dieselbe Hautfarbe haben wie Mitteleuropäer, aber sie lieben eben diesen schneeweissen Hautton. Dann ist auch auffällig wie schlank sie sind. Die jungen Mädchen mit ihren langen Röcken oder sehr weiten Hosen, ihren hübschen Blusen, das ist schon chic. Die meisten Männer tragen schwarze oder dunkelblaue Hosen und weisse oder hellblaue Hemden. Sie sehen eleganter aus als wir.
Was noch? Sie futtern nicht auf der Strasse und tragen keine Kaffeebecher und Wasserflaschen mit sich herum. Das trägt auch zu einem schöneren Strassenbild bei.
Überall sieht man Schulkinder auf Klassenausflügen. Manche Schulen haben Uniformen, andere nicht. Gruppen von kleinen Kindern haben immer gleichfarbige Mützen auf, das finde ich praktisch, das erleichtert den Lehrern die Arbeit doch erheblich. Wenn da eine weinrote Mütze irgendwo abseits steht, weiss der Lehrer gleich: Aha, das ist einer oder eine von meinen. Überhaupt, praktisch, das ist ein Wort, das ich stark mit Japan verbinden würde. Wir haben ein ziemlich altes Buch, es ist vielleicht so zwanzig Jahre alt, das sich über japanische Gimmicks lustig macht. Zum Beispiel ein Haarezurückhalter für wenn man Ramennudelsuppe isst oder ein Regenschirm, dessen Rand bis zum Boden reicht, oder ein Strampelanzug für Babys mit Polierelementen, damit sie beim Krabbeln gleich das Parkett zum Glänzen bringen. Wir sind erst seit wenigen Tagen hier, aber schon hat sich mein Blick auf dieses Buch geändert: Es sind die Japaner, die sich über sich selbst lustig machen und über ihren Drang, zu verbessern, zu erfinden, das Leben leichter und angenehmer zu machen.
Was ist mir noch aufgefallen? Ach ja, das ist mir schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel aufgefallen: Wie sie ihre Wäsche trocknen. Vor dem Haus, möglichst gut sichtbar, auf festen Stangen. Hemden werden ordentlich auf Bügel gehängt und kommen auf diese Stangen vor dem Haus bzw. auf dem Balkon.
Leute, es regnet immer noch stark. Zwischen sechs und neun Uhr heute abend soll der Taifun am stärksten werden. Es bleibt spannend.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Kyoto - so viel, so viel, so viel, so viel

Gestern kamen wir mit dem Shinkansen, dem superschnellen Bullet-Train hier in Kyoto an. Wir hatten unser Hotel in Tokio 2 Stunden vor Abfahrt des Zuges verlassen und für alle Eventualitäten geplant, aber dann war der Weg völlig problemlos. Dadurch, dass wir uns nicht auskennen, sind wir ja gezwungen, genau aufzupassen und auf die Streckenkarte zu schauen, die Streckenkarte, die wir am Tag zuvor nur sehnsüchtig aus der Ferne betrachten durften. Abfahrtsgleis auf Anhieb gefunden, folglich viel zu früh dort gewesen, in Ruhe gefrühstückt, Leute beobachtet, durch den Bahnhof flaniert. Dann ging es los im Shinkansen. Ich weiss echt nicht, ob er sooo viel schneller ist als ein ICE. Er ist allerdings pünktlich. Alle in Japan verkehrenden Hochgeschwindigkeitszüge ZUSAMMEN haben an einem Tag nicht mehr als fünf Minuten Verspätung. Man kann praktisch die Uhr nach ihnen stellen. Die Züge sind auch super sauber, der Boden glänzt. Als der Zug kam, gingen erst einmal drei Personen in jeden Wagen und reinigten ihn. Ts.
Wenn man auf der rechten Seite sitzt, hat man auf 25 Prozent aller Fahrten 44 Minuten nach der Abfahrt in Tokio einen Blick auf den Fujiyama. Uns war das leider nicht vergönnt. Auf der Rückfahrt morgen werden wir den Berg sicher auch nicht sehen, denn es ist ein schlimmer Taifun angekündigt. Später mehr darüber (oder jetzt gleich: Wir sind in Japan, weil mein Gatte hier Vorträge hält bzw. halten soll, der erste am Samstag ist nämlich wegen des Taifuns abgesagt).
Okay, weiter. Nach einer angenehmen Fahrt kamen wir in Kyoto an. Wir nahmen ein Taxi und fuhren zu unserem Hotel. Der Taxifahrer war derartig mürrisch, dass es schon fast lustig war. Unser Zimmer war noch nicht fertig, also gingen wir erstmal etwas essen. Gut, dass hier alle Speisekarten bebildert sind. Mit unserem Hotel sind wir zufrieden. Im ersten Moment befürchtete ich, es sei etwas abgelegen, aber das stimmt nicht. Die Sehenswürdigkeiten hier liegen einfach ziemlich weit auseinander und es ist unmöglich, an allen nahe dran zu sein. 
Wir machten einen Spaziergang zum kaiserlichen Garten und zum Shimogamo-Schrein und erkundeten ein bisschen die Gegend. Am Abend planten wir den heutigen Tag (ein bisschen). Ich schreibe mir zuhause oder vorher auf, was ich alles sehen will, aber wenn ich nicht vor Ort bin und mir überhaupt gar nicht vorstellen kann, wie es irgendwo ist, fällt es mir schwer zu planen. Ich weiss, andere Leute planen alles bis ins kleinste Detail, ich kann mir nicht erklären, wie sie das machen, wenn sie doch keine Ahnung haben, was sie erwartet. Ausserdem ist es doch heutzutage durch das Internet so einfach spontan zu sehen, wie man von A nach B kommt und so weiter. Das Smartphone ist doch ein absolutes Wunderkästchen. Heute, zum Beispiel: Als erstes schauten wir uns die Nijojo-Burg an, die sich in Laufweite von unserem Hotel befindet. Google wies uns den Weg. Die Burg ist sehr schön, sehr japanisch, ein Burggraben (das ganze mitten in der Stadt), eine hohe weisse Mauer, Gebäude mit geschwungenen Dächern, Tatami-Böden, Fenstern aus Papier, goldene Wandmalereien... drinnen waren massenhaft Schulkinder. Die japanischen Kinder sind so hübsch. "Wir nehmen uns eins mit", sagte ich zu meinem Gatten (im Scherz, Angelina Jolie hätte es wirklich gemacht). Der Garten der Burg ist auch sehr schön, der erste nach unserem Empfinden richtig japanische Garten, den wir sahen. 
Die nächste Sehenswürdigkeit, die wir uns anschauen wollten, war der Kiyomizu-dera Tempel auf der anderen Seite der Stadt. Wie sollten wir da hinkommen? Der Google-Wegsucher ist da so unglaublich hilfreich. Er findet ja von allein wo man ist, man gibt nur ein, wo man hin will und wie, in unserem Fall mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Google kennt sämtliche Busrouten in Kyoto und... es ist einfach unfassbar. Auch die kühnsten Erwartungen werden von Google spielend und um Lichtjahre übertroffen. 
Wir fuhren also mit dem Bus möglichst nah an den Berg, auf dem die Tempelanlage steht. Man muss  ein bisschen bergauf laufen. Google hatte gemeint, wir würden zehn Minuten brauchen, wie lang wir tatsächlich brauchten, weiss ich nicht mehr, denn rechts und links gab es massenhaft Geschäfte und Büdchen und der Weg war auch nicht sooo steil. Dann kam der Tempel und da waren wieder die Täfelchen... ich lese gern, um was die Leute so bitten. Das meiste war natürlich auf Japanisch oder Chinesisch, ein paar chinesische Täfelchen waren durchgestrichen. Wir konnten dann vermuten, wieso, denn auf ein paar von den durchgestrichenen stand auf Englisch noch "Free Hongkong". Traurig. Ein (sicher australisches) Mädchen hatte geschrieben: "Bitte mache, dass ich bei der Augenoptiker-Schule der Universität von Sidney angenommen werde". Also wirklich, wenn ein Mädchen einen einzigen Wunsch hat und der ist es, Augenoptikerin zu werden, dann hat sie doch eine Berufung, dann sollte sie man doch auch lassen. Hoffentlich klappt das mit ihrer Bewerbung!
Also, hinein in den Tempel. Dort gab es eine ziemlich interessante Sache, nämlich einen absolut dunklen Bereich... Also, er sollte die Gebärmutter irgendeiner Göttin darstellen... Also, man zog seine Schuhe aus, ging eine Treppe hinunter, unten war es absolut dunkel, man sah nichts. Ich war noch nie zuvor in einem völlig dunklen Raum gewesen. Links war eine Art dicke Perlenkette an der Wand angebracht, an der man sich entlang tasten sollte. Da man eh gar nichts sah, schloss ich die Augen. Der Boden war aus nacktem Stein. Während mein Gatte und ich unten waren, war sonst niemand da, obwohl die Tempelanlage voller Menschen war, z.B. auch viele Mädchen in Kimonos, ich weiss echt gar nicht, wie ich das alles erzählen soll. Aber zurück in die Gebärmutter bzw. den absolut dunklen Raum. Wir tasteten uns an dieser Kette entlang, der Weg hatte mehrere Biegungen, es war sehr seltsam. Dann gelangte man an einen Stein, gross, rund, flach, der so gelagert war, dass man ihn drehen konnte. Der Stein war beleuchtet. Während des Drehens sollte man gedanklich einen Wunsch formulieren. Dann ging es kurz in der Dunkelheit weiter, dann gelangte man an eine Treppe und stieg wieder nach oben.
Falls jemand, der nach Kyoto fährt, diese Zeilen liest: Unbedingt runter gehen, es war eine ganz, ganz tolle Erfahrung (mehr will ich dazu nicht sagen). 
Im Tempel hatte man dann noch Gelegenheit, mit einem Klöppel, gross wie ein Baseballschläger, an eine riesige Klangschale zu klopfen. Was dabei faszinierend war: Man versetzte nicht nur die Schale in Schwingungen, sondern auch die Luft drum herum. So viele neue Eindrücke! 
Weiter ging es durch die Tempelanlagen und den Berg wieder hinunter - und wieder ein Stück hinauf und hin und her. (Für meinen jüngsten Sohn, der weiss, wovon ich hier spreche: Wir kamen durch diese Strasse, die bei den CozyPlaces von Reddit abgebildet war, mit den Holzhäusern und den Lichtern. Es soll die schönste Strasse von Kyoto sein. Es waren allerdings viele fotografierende Touristen da und die Lichter waren logischerweise aus.)
Weil es mittlerweile ziemlich spät war, landeten wir zum Mittagessen wieder in einem Nudelschuppen. Ramen kommen mir mittlerweile zu den Ohren heraus.
Mit Hilfe von Google machten wir uns anschliessend auf den Weg zur Shijo-Street (hoffentlich heisst sie wirklich so, hab jetzt keine Lust nachzugucken. Mein Gatte schläft, die Schreibzeit geht von meinem Nachtschlaf ab.) Also, in der Gegend von der Shijo-Street sind viele grosse Kaufhäuser und so. Wir gingen dann noch in die riesigen Einkaufspassagen in derselben Gegend (ich weiss, ich verwende das Wort "riesig" zu oft, aber was soll ich denn machen, wenn alles riesig ist???), die waren ebenfalls sehr interessant. Dann war da auch noch ein Lebensmittelmarkt, der Nishiki hiess, riesig, interessant, viele Touristen. Lebensmittel sind hier ganz schön teuer, insbesondere Obst und Gemüse, ein Schälchen Trauben 8 Euro, zum Beispiel.
Dann fuhren wir mit der U-Bahn zum Hbf, Google sei Dank, und reservierten uns Sitzplätze im Zug morgen zurück nach Tokio. Der Typ, der uns am Schalter bediente, sprach Spanisch, ts, verstand es aber nicht, hä? Morgen fährt der Shinkansen noch, übermorgen ruht wahrscheinlich der gesamte Verkehr, denn dann soll dieser Taifun auf Tokio treffen. Womöglich können wir dann nicht einmal unser Hotel verlassen. Mein Gatte hatte die gute Idee, dass wir uns darauf vorbereiten sollten, dass wir zum Beispiel Essen in unserem Zimmer haben sollten, denn es kann sein, dass der Strom ausfällt. Vielleicht wäre für diesen Fall auch eine Taschenlampe keine schlechte Idee. Es bleibt spannend. Ach ja, Geishas haben wir heute auch gesehen. Es gäbe noch so viel zu erzählen...

Dienstag, 8. Oktober 2019

Wir sind wo - und zwar in Japan

Rasch nur dies: Ja, liebe Leser, wir sind wo, und zwar in Tokio. Gestern sind wir angekommen. Die Eindrücke sind überwältigend. Es fällt mir schwer, etwas zu schreiben. Wir haben schon so allerhand gesehen.  Wir kamen gegen 11.30 Uhr an, das Hotelzimmer war aber erst ab 14 Uhr frei, also gingen wir erst einmal etwas essen. Nah beim Hotel ist ein Viertel mit vielen Kneipen, dort gingen wir in einen Ramen-"Schuppen", will ich mal sagen. Wir schafften es, uns verständlich zu machen, obwohl der Kellner kein Englisch sprach. Die Speisekarten sind bebildert. Es sprechen auch überraschend viele Leute Englisch, bisher hatten wir noch keine Verständigungsprobleme.
Dann stiessen unsere Freunde M. und H., die hier seit vielen Jahren bzw. schon immer leben,  zu uns und gemeinsam gingen wir zum riesigen Gebäude der Verwaltung von Tokio. Man kann kostenlos mit dem Aufzug hochfahren, was wir taten. Von oben hat meine eine super Aussicht und sieht, wie riesig Tokio doch ist (die Metropol-Region hat 38 Millionen Einwohner!). Ganz im Hintergrund sah man mit viel gutem Willen den Fujiyama. Geil! Wir blieben oben während es dunkel wurde (so gegen achtzehn Uhr) und schauten zu, wie die Lichter angingen. Tokio von oben sieht nicht megatoll und beeindruckend aus, es ist einfach nur flächenmässig riesig. 
Anschliessend gingen wir zum Abendessen in das Viertel Kabukichi (oder so ähnlich, ich werde es nachschauen und ggf. berichtigen). H. bestellte viel leckeres japanisches Zeug. Mmmmm. Auf einem Hochhaus war eine lebensgrosse Godzillafigur angebracht, mit rotglühenden Augen, die um die volle Stunde "Feuer" spie. Auch geil!
Danach gingen wir in unser Hotel. Ich schlief gleich ein, da war es so 23 Uhr.  Um 1.30 Uhr war ich hell wach und schlief erst um 4.30 Uhr wieder ein. Jetlag! Hoffentlich wiederholt sich das heute Nacht nicht!
Was haben wir heute gemacht? Heute hat uns M.s Bruder begleitet, der hier lebt und sich auskennt. Für unsere Besichtigungen mussten wir jeweils mit der U-Bahn fahren, wir hatten eine Tageskarte. Wir sassen je-des-mal in der falschen Bahn. Wir eilten stundenlang durch die wahrscheinlich endlosen U-Bahnhöfe und kamen dabei gelegentlich an derselben Stelle zwei-, wenn nicht gar dreimal vorbei. Für das Herumirren und das In-falschen-Bahnen-sitzen ging ganz schön viel Zeit drauf. Ich will da aber gar nichts sagen, immerhin ist Shinjuku, der Bahnhof, an dem unser Hotel steht, mit vier Millionen Personen pro Tag der Bahnhof mit dem grössten Fahrgästeaufkommen der Welt. 
Als erstes schauten wir uns heute einen buddhistischen Tempel an, den Asakusa-Schrein, der war sehr, sehr interessant. Auf dem Tempelgelände befanden sich zahllose Buden wie auf einem orientalischen Bazar. Mir fiel dazu eine alte Geschichte ein, auf die ich kurz verwies, die aber niemanden interessierte. 
Es war gerade ein buddhistisches Gebet im Gange, wie in dem Film "Erleuchtung garantiert", den ich mir zur Einstimmung auf die Reise mal wieder angeschaut hatte. Man konnte ein paar Münzen in so ein grill-artiges Ding schmeissen und beten, in dem man sich verbeugte, zweimal in die Hände klatschte (um die Aufmerksamkeit der Gottheit auf sich zu lenken, ich kenne mich da nicht so aus). Das buddhistische Psalmodieren ist dem Gebet ziemlich förderlich. Zum Abschluss verbeugt man sich wieder und geht. 
Danach fuhren wir zu den Omotesando-Hills, wo M. gerne spazieren geht. Es ist eine sehr gehobene, baumbestandene Einkaufsstrasse. Wir hatten es mittlerweile ein bisschen eilig, denn wir wollten noch den Meiji-Schrein anschauen, der um 16.30 Uhr zumachte.  Dieser schintoistische Tempel war auch recht interessant. Man konnte für umgerechnet vier Euro kleine Täfelchen kaufen und darauf Wünsche und Gebete schreiben (nicht gemacht). Unsere Freunde (mittlerweile war M. wieder zu uns gestossen)  zeigten uns ein von Deutschen beschriebenes Täfelchen, auf dem eine lange Liste von Wünschen aufgeführt war, stichpunktartig. Entweder sie wussten sehr genau, was sie wollten, oder sie hatten die Liste schon daheim vorbereitet. Der Schrein liegt in einem Park mit riesigen, uralten Bäumen, ganz verwunschen sieht er aus. Herrlich. Dann hatten wir wieder Zeit und gingen zurück in M.s Lieblingsstrasse, wo wir uns nun in Ruhe auch ein Geschäft mit japanischer Handwerkskunst anschauten. Dann gingen wir noch in ihr Lieblingscafé, das sehr vor- und angenehm war. Dort gab es einen Tee und eine Süssigkeit, also für jeden. Anschliessend fuhren wir zurück Richtung Hotel, irrten noch ein Weilchen durch den Shinjuku-Bahnhof und gingen dann hinauf in unser Zimmer. Morgen früh geht es mit dem Shinkansen, dem superschnellen Bullett-Train, nach Kioto! 

Donnerstag, 29. August 2019

Bayrischer Salatteller "Landgasthof"


Als Kinder fuhren wir in den Sommerferien immer nach Oberbayern in den Urlaub. Selbstverständlich musste man dort auch essen und wir taten dies häufig in typischen, urigen Landgasthöfen. Nach einem Tag am See und einem häufig langen Marsch zum Gasthof kamen wir ziemlich ausgehungert an und das erste, was einem serviert wurde - lange bevor die Nudelsuppe, die immer nach Maggi schrie, oder das Paprikagulasch mit buttergebackenen Spätzle auf dem Tisch erschienen - war ein gemischter Salat, ein gemischter Salat im Sinne von mehrere verschiedene Salate auf einem Teller, nicht im Sinne von alles durcheinander. Da war Kopf-, Gurken-, Tomaten- und Kartoffelsalat, da waren Gelberüben, Sellerie und rote Beete, da war krause Petersilie als Verzierung, und wenn meine Mutter dabei war, beklagte sie sich, dass Gelberüben, Sellerie und rote Beete nicht frisch waren, sondern aus dem Glas kamen und der Kartoffelsalat aus einem Eimer.
Wie dem auch sei, für mich war das der bayrische Salat schlechthin, Sinnbild für Ferien, Sommer, Sonne, See und die köstliche Abendluft im Voralpenland.
Und plötzlich, ganz plötzlich, standen da frische Salate mit gegrillten Garnelen, mit Mozzarella und Oliven auf der Speisekarte. Ich sage Euch, da brach für mich eine kleine Welt zusammen. Ich sehe es ja ein, der Kosmopolit möchte seine gegrillten Garnelen auch im bayrischen Landgasthof nicht missen und man will den Ureinwohnern die internationalen Genüsse nicht vorenthalten, aber für mich war es ein trauriges Ereignis. Eine Epoche ging zu enden. Ja, an solchen Kleinigkeiten mache ich das fest. 
Es ist schon mehr als vierzig Jahre her und komplett verdaut, also das traumatische Erlebnis, gegrillte Garnelen auf jener ehemals urbayrischen Speisekarte zu sehen, ist komplett verdaut, aber ich habe gestern doch noch einmal daran gedacht, an den Gelberübensalat und die roten Beete und den sauren Sellerie aus dem Glas und den Kartoffelsalat, und habe als kleine Hommage an jene Zeit selbst einen solchen historischen Salatteller zusammengestellt (da ich in Spanien bin, habe ich leider keinen Zugang zu Kartoffelsalat aus industrieller Fertigung und musste auf hausgemachten Kartoffelsalat ausweichen).