Montag, 20. August 2018

Der dritte Tag in Cali

Ach, und noch etwas zum Thema sprachliche und kulturelle Missverständnisse: An der Zookasse wurde mein Gatte gefragt, ob er "a cuotas" bezahlen wollte. Für spanische Ohren bedeutet das "auf Raten". Da der Eintrittspreis für uns drei nur 20 Euro betrug, musste es wohl etwas anderes bedeuten und mein Gatte sagte prophylaktisch einfach mal ja. Erst als die Kassiererin fragte, in wie vielen Raten er denn bezahlen wollte, kam er auf den Gedanken, dass es tatsächlich dasselbe bedeutete wie in Spanien. Ist das ein Zeichen dafür, wie arm viele Leute hier sind?
Aber weiter zu unserem dritten Tag in Cali: Ich beginne mit dem Abend, zum weiteren Verlauf des Tages gibt es nämlich sehr viel zu sagen und mein Gatte möchte bald frühstücken gehen. Wir kamen also von unserem Ausflug zurück, ruhten kurz im Hotel aus und gingen dann in ein Lokal mit einer lustig beleuchteten Dachterrasse, wo wir etwas tranken und Empanadas, das sind gefüllte Teigtaschen, Tapiokapasteten und mit Käse gefüllte, frittierte Bananen assen. Wie die frittierten Bananen heissen, weiss ich leider nicht, sie sind aber grausamerweise sehr lecker. (Sie heissen “aborrajados”.)
Anschliessend stiegen wir auf den Hügel San Antonio. Es wird hier ziemlich früh dunkel. Ich muss mal darauf achten, um wie viel Uhr es tatsächlich ist, ich glaube um sechs oder so. Der ganze Hügel San Antonio war beleuchtet, hunderte von Leuten sassen auf den Treppenstufen, auf Mäuerchen und Wiesen und genossen die kühle Abendluft. Oben waren natürlich wieder viele Verkaufsstände und mein Sohn kaufte ein paar Ohrringe, die wir seiner Schwiegeroma auf unserer nächsten Reisestation, nämlich in Pereira (der Stadt ohne Sehenswürdigkeiten), mitbringen sollen. Es gab so allerhand Belustigungen: Musik spielte, ein Geschichtenerzähler war da, dem ein kleines Amphitheater zur Verfügung stand, das voll besetzt war. Und auf was die Leute hier alles kommen: An einem kleinen Abhang stand ein Mann, der Plastikkisten vermietete, auf die sich Kinder setzen und dann wie auf Schlitten den betonierten Weg hinunterfahren konnten, also, auf den umgedrehten Kisten. Das funktionierte sehr gut. Die Leute hier verstehen zu leben, das muss man ihnen lassen. Wir spazierten also eine Weile auf diesem Hügel und durch die Gegend, dann begaben wir uns zurück ins Hotel. Was war aber vorher geschehen?
Mein Sohn hatte einen Ausflug zu zwei Haciendas gebucht. Ich erzähle erst von der zweiten, nähern wir uns dem Thema langsam. Wir fuhren also aus Cali heraus zur ersten Hacienda, sie heisst "El Paraíso", mehr sage ich erstmal gar nicht. Man fuhr auf einer einfachen Autobahn, dann auf Alleen mit riesigen Bäumen auf beiden Seiten, die ein Tunnel bildeten. Dieses Land ist so fruchtbar, hier fällt einem Tropfen Cappuccino auf den Boden, am nächsten Tag steht da ein ausgewachsener Kaffeestrauch.
Wir fuhren also am Zuckerrohr vorbei... Die Felder sehen so ähnlich aus wie Maisfelder, aber das Zeug ist viel höher. Wenn wir wieder zuhause sind, lade ich die entsprechenden Bilder hoch (hoffe ich mal). Dann kamen wir zur Finca selbst. Der Garten bzw. Park war traumhaft schön angelegt. Die Bäume, die Blumen! Irgendwelche blühende Pflanzen, die bei uns zwanzig Zentimeter  hoch werden und im Winter eingehen, werden hier meterhoch und sind einfach spektakulär schön. Von den Bäumen hängt so ein Zeug herunter, von den Bäumen, auf denen sowieso schon Orchideen wachsen - auf den Ästen und dicken Baumstämmen wachsen wilde Orchideen! - und dann hängt dieses Zeug herunter, das macht, dass die Landschaft aussieht wie im Traum, wie durch den schönsten Filter. Hoffentlich habe ich ein paar Bilder, die der Sache halbwegs gerecht werden. Ja, und in diesem Park waren so Häuser, die wieder den alten Hütten nachgebildet waren, mit Dächern aus Kokos- oder Zuckerrohrblättern, das eine hatte sogar ein Dach aus Kaktus. Und in diesen Häusern waren Geräte, mit denen man früher den Saft aus Zuckerrohr gepresst hatte. Stellt Euch wäschemangelartige Sachen aus altem Holz vor. Uns bzw. mir steckte aber noch der Besuch der vorherigen Finca/Hacienda in den Knochen.
Ich hole aus: Wie Ihr wisst, wurde ich aufgefordert, das Buch "María" von Jorge Isaacs zu lesen, das auf dieser Hacienda spielt. Ich kam nur bis Seite 100. Wir hatten für den Tag einen ganz lieben Fahrer/Führer, der natürlich auch gleich von diesem Buch anfing. Ich hatte noch nie davon gehört, bevor es mein Sohn uns schenkte. In Kolumbien kennt es jeder, es ist Pflichtlektüre in der Schule. Es ist ein Tearjerker, wie die Amerikaner sagen, der absolute Tränendrüsendrücker. Es ist DER romantische lateinamerikanische Roman des 19. Jhs. Ich habe geschaut, ob er auf Amazon.de auf Deutsch verfügbar ist, er liegt aber anscheinend nur in einer schlechten Übersetzung vor.
Der Autor ist auf der älteren Version des 50.000 Peso-Scheins (etwa 15 Euro) abgebildet, den neueren ziert Gabriel García Márquez. So, also, um was geht es? Unser Fahrer wunderte sich, dass jemand, der den Ausflug macht, das Buch noch nicht gelesen hatte und wollte uns das Ende nicht verraten. Da wir aber auf der Hacienda sowieso alles erfahren würden, baten wir ihn, uns zu erzählen, wie die Geschichte endet, was er dann auch tat. Ich fragte: "Ist das Buch autobiographisch?" und er antwortete: "Ja." Mein Sohn, der mir über die Schulter schaut, hat gerade gesagt: "Da kommt's jetzt!" und es stimmt, es kommt jetzt. Also, worum geht es? Der Vater des Autors war der Besitzer der Finca, wo der Roman spielt und die den Namen "El Paraíso" nicht zu Unrecht trägt. Das Haus im Kolonialstil steht am Fusse der Berge, der Anden, umrahmt von Rosen, wunderschönen Bäumen, üppigen Blumen, und öffnet sich hin auf das kilometerbreite Tal des Caucas. Die Hälfte des Tales gehörte dem Vater des Autors. So, also. Das Kind Jorge, der Autor, der sich im Buch Efraím nennt, wuchs also in dieser paradiesischen Umgebung, im Kreise einer liebenden Familie, unterstützt von vielen Sklaven, auf. Zur Familie gehörte neben den kleinen Geschwistern eine verwaiste Cousine in seinem Alter, María, deren Namen das Buch trägt und die er besonders liebte. Aus diesem irdischen Paradies wurde er schon als kleiner Junge (10 vielleicht? Müsste ich nachschauen und dazu ist jetzt keine Zeit) vertrieben und nach Bogotá zur Schule geschickt. Ihr müsst bedenken, dass es hier zur damaligen Zeit weder Weg noch Steg gab und solche Reisen zu Pferde durchgeführt wurden und viele Tage dauerten. Nach sechs Jahren kam er beschult aus Bogotá zurück in seine Heimat. Dort erwartete ihn die liebliche, liebevolle María. Jeden Tag stellte sie ihm einen Strauss Blumen ins Zimmer. Sie suchte seine Nähe und er die ihre. (Wie gesagt, ich habe das Buch noch nicht fertig gelesen.) Die Eltern bemerkten bald, was sich zwischen den beiden abspielte. Sie wollten die Verbindung verhindern, da Marías Mutter jung an Epilepsie gestorben war und man fürchtete, dass das Mädchen diese Krankheit geerbt hatte. Also beschloss der Vater, den jungen Efraím nach London zu schicken, wo er Medizin studieren sollte. Efraím und María verbrachten ein paar gemeinsame Monate auf der Hacienda. María stellte ihm jeden Tag frische Rosen ins Zimmer, die beiden Liebenden sassen gemeinsam auf einem Felsbrocken im Garten und genossen das Zusammensein. Eines Tages bekam María einen epileptischen Anfall, der die Befürchtungen bezüglich dessen, was ihr bevorstand, nämlich ein früher Tod wie der ihrer Mutter, bestätigte. Efraím machte sich unter Lebensgefahr auf die Suche nach dem Arzt. Auf dem Weg zu selbigem durchquerte er unter anderem einen reissenden Strom… etc. You get the idea.
María schien genesen, aber der schwarze Vogel des Todes umkreiste sie (wörtlich). Efraím brach zu seiner Reise nach London auf. Um von Cali nach London zu kommen, brauchte man damals drei Monate. María schrieb ihm und legte ihren Briefen eine Blume bei. Sie schloss immer mit den Worten: “Solange hier im Garten Blumen blühen, solange bin ich mir sicher, dass Du mich noch liebst” oder so was in der Art. Ihre Krankheit verschlimmerte sich und man schickte nach Efraím. Mittlerweile hatte sein Vater sein Vermögen versoffen und verspielt. Die Rückreise dauerte natürlich auch wieder drei Monate und als Efraím zuhause ankam, war María seit ein paar Tagen tot. Vor ihrem Ableben hatte sie eine ihrer Cousinen, Efraíms Schwester, gebeten, ihre Zöpfe abzuschneiden und diese ihrem Geliebten zu übergeben.
An dieser Stelle heulte die gesamte Gruppe, die an der Führung durch die Finca teilnahm (nur ganz leicht übertrieben). Ja, diese Geschichte ist total autobiographisch, man sieht den herrlichen Garten mit den Rosen, die María jeden Tag für ihren Geliebten pflückte, den Felsen, wo die beiden gesessen haben, das Zimmer, in dem Efraím/Jorge geschlafen hat, das Nähzimmer, wo die Mutter sass, das Arbeitszimmer des Vaters, wo er sein Vermögen verspielte und versoff. Marías Zöpfe, die im Haus aufbewahrt worden waren, hatte ein abscheulicher Tourist gestohlen. So, soweit so gut, bzw. so tragisch. Autobiographisch, ne? Der arme Jorge, ne?
Zurück im Hotel habe ich dann mal gegoogelt, bzw. ein bisschen weiter geforscht. Im Hause der Familie Isaacs gab es keine verwaiste Cousine. Jorge hat nie in England studiert. Wenn es María nicht gab, kann es ja auch die Zöpfe nicht gegeben haben. Man hat in Cali, in Kolumbien, eine ganze Industrie um die Wahrheit dieser Geschichte aufgebaut. Das ist echt verwirrend. Das Buch ist sehr berührend. Jorge Isaacs hatte ein spannendes, unruhiges Leben, aber María hat es eben nicht gegeben. Die Südamerikaner mit ihrem Sinn für Dramen wollen die Geschichte eben glauben. Wenn man den Geldschein in der Mitte faltet, kann man den Autor in Form des Wasserzeichens seine Kreation küssen lassen. Bild folgt, hoffentlich.

Sonntag, 19. August 2018

Der zweite Tag in Cali

Der Tag begann mit einer Kraftbrühe zum Frühstück. Mein Sohn sagte: "Die weckt Tote auf!" Ich freute mich, dass er sich daran erinnerte, dass ich ihnen das immer gesagt hatte, als sie klein waren. Ein Uber-Taxi wurde gerufen und wir fuhren zum Zoo. Uber ist für uns hier das Verkehrsmittel der Wahl, die Männer wissen, wie es funktioniert, ich habe keine Ahnung. Man kann auf einer App verfolgen, wie sich das Taxi nähert, man muss dem Fahrer auch kein Geld geben, das geschieht alles per App. Moderne Zeiten. U-Bahn oder Strassenbahn oder so gibt es hier nicht.
Der zoologische Garten von Cali gilt als einer der drei schönsten in Lateinamerika. Man denkt, hm, haben die Geld für sowas? Aber dadurch, dass sie diese tropisch-üppige Naturlandschaft haben, haben sie natürlich ganz andere Voraussetzungen als anderswo. Ich habe versucht, Fotos hochzuladen, es würde jedoch zu lange dauern. Die Gehege sind wunderschön, die Beschriftungen natürlich 1A. Alles äusserst gepflegt und sehr liebevoll gemacht. Die Häuser sind den Hütten der Ureinwohner nachempfunden. Und überall wird den Besuchern eingehämmert bzw. nähergebracht, wie wichtig es ist, die Natur und insbesondere diesen wunderbaren Wald, den sie hier haben, zu schützen. Kolumbien ist das Land mit der zweitgrössten Tier- und Pflanzenvielfalt der Erde. Soll ich schreiben, dass dieser Zoo der schönste ist, den ich je gesehen habe? Ja, ne? Für meinen Geschmack ist er es. Diese Pflanzen! Die müsste man bei uns im Winter alle reintragen. Und die Papageien, die hätten fortfliegen können! Bromelien wachsen hier einfach so. Bei uns denkt man, oh, nein, da ist mir oben ein bisschen Wasser reingekommen, hoffentlich geht die Pflanze nicht ein. Heute habe ich gelernt, dass in dem Wasser, das oben in den - Problemien wollte ich gerade schreiben, hahaha - in den Bromelien  steht, in ihren Herkunftsländern kleine bunte Frösche und sonstiges Getier siedelt. Interessant, ne?
Im Zoo waren etliche Schulklassen. Die Kinder trugen Schuluniformen, bestehend aus Jogginghosen und Polohemden, sowie einheitliche Turnschuhe. Mein Sohn erklärte, dass dies sei, um soziale Unterschiede nicht so deutlich hervortreten zu lassen. Das finde ich gut. Die älteren Mädchen hatten alle so wunderschönes, langes Haar, das sie offen trugen, das ist mir auch aufgefallen.
Nach dem Zoo gönnten wir uns draussen erst eine Portion Mango und gingen dann noch eine Kleinigkeit essen. Anschliessend machten wir im Hotel Siesta. Ich vertiefte mich in das Buch, das ich für morgen zu lesen habe. Es ist überraschenderweise richtig gut und ich kam bis auf Seite 100 (von 400, mehr werde ich vor dem Ausflug auch nicht schaffen).
Am Nachmittag besuchten wir das kleine, interessante Gold-Museum. Dort wagten die Weltmeister im Beschriften tatsächlich ein Schild anzubringen, auf dem stand, dass man nicht wüsste, wie man gewisse Tier-Darstellungen auf Schalen interpretieren sollte. Gut, dass niemand hierher kommt und dieses Schild sieht. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Man würde forschen bis die Schwarte kracht, um festzustellen, dass es sich um kultische Schalen handelt. (Letzteres ist ironisch gemeint.)
Anschliessend besuchten wir noch das Kirchlein La Merced mit seinem schönen Hof voller tropischer Pflanzen. 
Abends führte uns unser Sohn in das beste Restaurant von Cali, wo man natürlich auch entsprechend Geld hinlegen musste, nämlich sechzig Euro für drei Personen. Für hiesige Verhältnisse ist das viel. Vor dem Restaurant stand ein Wachmann. Einen weiteren Beruf, den wir an diesem Abend sahen: Den professionellen Parkplatz-Freihalter. Die Leute versuchen, mit allem möglichen Geld zu verdienen. Mein Sohn erzählte, an einer etwas komplizierten Kreuzung in der Nähe seiner Wohnung gäbe es einen freischaffenden Verkehrsregler, der sich mitten auf die Strasse stellt und Fahrzeugen hilft, aus einer Nebenstrasse auf die Hauptstrasse zu kommen. Dafür erhält er ein Trinkgeld. Gegen eine kleine Gebühr hilft er einem auch, auf die andere Strassenseite zu kommen. Zebrastreifen sind hier nur Deko. Es gibt auch Menschen, die an roten Ampeln mit einem Stock an Autoreifen klopfen, um zu prüfen, ob der Luftdruck stimmt. Dafür erhoffen sie sich auch ein Trinkgeld. Nach dem Essen ging es mit einem Uber zurück ins Hotel.
Weitere kolumbianische Seltsamkeiten: Es ist verboten, dass zwei Männer auf einem Motorrad oder Roller fahren. Diese Vorschrift stammt aus der Zeit, in der in Kolumbien - hauptsächlich im Zusammenhang mit den Drogenkartellen - viele Verbrechen begangen wurden. Zwei Frauen auf dem Motorrad ja, ein Mann und eine Frau ja, zwei Männer nein.
Eine Seltsamkeit der Sprache, die zu argen Missverständissen führen kann: Das spanische Wort "cancelar", das in Spanien dasselbe bedeutet wie im Englischen to cancel, also stornieren oder löschen. Im kolumbianischen Spanisch bedeutet es bezahlen. Der Kolumbianer fragt: "Möchten Sie die Reise bezahlen?" Der Spanier hört: "Möchten Sie die Reise stornieren?" Da muss man echt aufpassen. 
Die Antwort auf "gracias", die in Spanien "de nada" oder "no hay de que", also "für nichts" lautet, ist in Kolumbien meist "con gusto" oder "con mucho gusto", also "gerne" oder "sehr gerne". Interessant, ne?

Freitag, 17. August 2018

Der erste Tag in Cali

Unser Hotel befindet sich im Stadtteil San Antonio, dem ältesten Teil der Stadt. Das Haus, in dem mein Sohn wohnt, ist ganz in der Nähe. Wie nah, das fanden wir gleich am ersten Abend heraus: Er hatte uns bis in unser Zimmer begleitet, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, dann ging er. Mein Gatte kramte sein Handy hervor und schrieb ihm eine WhatsApp: Melde dich bitte, wenn du zuhause bist. Umgehend kam die Antwort: Bin schon zuhause.
Was geschah also heute? Als erstes frühstückten wir. Das Büffet sah sehr spärlich aus, aber man backte uns Eier nach Wunsch, Rühreier mit allem Möglichen oder Spiegeleier oder was das Herz begehrte, und die kleingeschnittenen Früchte waren köstlich, die beste Ananas, die ich je gegessen habe, und saftige, süsse Papaya. Anschliessend zeigte uns unser Sohn seine Unterkunft. Sie liegt in einem alten, bunt bemalten Haus mit einem wunderschönen Innenhof. Wenn es einem beim Spazierengehen gelingt, einen Blick in das Innere der Häuser in diesem Stadtteil zu werfen - oder wenn man z.B. in ein Restaurant schaut, von denen es hier viele gibt, sieht man, dass es in den meisten solche Innenhöfe mit Brunnen und üppigen Pflanzen gibt. Schön! 
Aber zum Haus, in dem mein Sohn wohnt: Es hat ein Wohnzimmer einschliesslich Schrankwand mit Bibliothek und Essecke, das alle benutzen können, eine Büroecke mit Wifi und einem Kühlschrank mit Getränken sowie weitere gemeinsame Einrichtungen, die ich nicht gesehen habe. Sein Zimmer ist sehr einfach. Ich konnte in Echt aus dem Fenster blicken, aus dem er mich schon per Skype hatte blicken lassen und sah den Strassenverkäufer, der dort Avocados verkauft, den ich auch schon seine Waren anpreisen gehört hatte, während ich mit ihm skypte. 
Nachdem wir die Unterkunft unseres Sohnes gesehen hatten, streiften wir durch diesen schönen alten Stadtteil Richtung Innenstadt. Was sind hier für Leute unterwegs? Cali hat 2,4 Millionen Einwohner, von denen 25 % Afrokolumbianer sind. Von den Armen, die irgendwo in Ecken lagen und schliefen, waren alle schwarze Männer mittleren Alters. Europäisch aussehende Weisse gibt es nicht viele/wenige/kaum. Touristen sieht man auch nur ganz wenige, aber dazu später mehr. Wir liefen also Richtung Zentrum, überquerten eine stark befahrene Strasse und kamen zu einem Platz, wo wir das erste Mal mit den Ständen mit Essen Bekanntschaft machten. Was es da alles für herrliche Früchte gab! Und alles schön geschält und portioniert. Mein Sohn kaufte ein Stück Ananas, das natürlich wieder köstlich war. Die Ananas, die sie hier haben, sind kleiner als die bei uns und unvergleichlich viel besser. Warum wird bei uns dieser Schrott verkauft? Der Unterschied ist wie der zwischen einer reifen, sonnenwarmen, frisch gepflückten Fleischtomate und einer Holland-Tomate. Man könnte die kolumbianischen Ananas doch mit dem Flugzeug nach Europa bringen. Naja, gut, vielleicht gibt es sie ja auf dem Viktualienmarkt oder in irgendwelchen Feinkostläden. Eine Scheibe kostet hier so 15 Cents. 
Also, weiter ging's. Die Stadt ist nicht besonders schön, das kann man gleich mal so sagen. An den Strassen des Zentrums entlang stehen Unmassen von kleinen Ständen, an denen Sonnenbrillen, Handyhüllen und was weiss ich was noch für ein Plunder verkauft wird - und natürlich Früchte ohne Ende. Schliesslich kamen wir an einen Platz voller hoher Palmen, der war ganz hübsch. Er heisst Plaza de Cayzedo, dort steht der Justizpalast. Unser Sohn führte uns in einen Buchladen. Bevor wir morgen zu einer Kaffeeplantage fahren, haben wir das Buch "María" von Jorge Isaacs zu lesen, das dort spielt. Es ist ziemlich dick, ich glaube nicht, dass wir das schaffen werden. Es ist ein herausragendes Werk der romantischen lateinamerikanischen Literatur des 19. Jhs. Vor der Reise nach Cartagena ist "Liebe in den Zeiten der Cholera" von García Márquez zu lesen, das ist, glaube ich, machbar. So, weiter ging's zur Kirche La Ermita, einem Nachbau des Ulmer Münsters in hellblau und weiss und in klein. Sie wurde 1942 errichtet. Fotos folgen (hoffentlich!). Wir gingen hinein in die Kirche. Dort waren ganz schön viele Leute und beteten. Es lief sehr angenehme Musik, nämlich moderne spanische Kirchenlieder, interpretiert von Panflöte und Orchester. Totally Zen. Ich schaute mich um, ob sie irgendwo die CDs verkauften, taten sie aber nicht. So, weiter ging's am Fluss Cali entlang, der in diesen Tagen ein schmutziges Rinnsal tief unten in seinem Bett ist, in der Regenzeit aber ein grosser, kräftiger Fluss. Die Grünanlagen entlang des Flusses mit ihren riesigen Bäumen werden irgendwo als friedlichste Gegend der Stadt beschrieben. Wir überquerten den Fluss und kamen in einen Park, wo wieder Früchte und Säfte feilgeboten wurden und mein Sohn kaufte mir einen Saft, der lecker war und Lulada hiess. Er wird aus Früchten gemacht, die auch auf Deutsch Lulos genannt werden. Weiter ging's zu einem etwas gehobenen Einkaufszentrum, wo unser Sohn uns ein Geschäft mit hochwertigen Lederwaren zeigen wollte. Dort schauten wir uns auch einen Supermarkt an. Es gäbe soviel zu erzählen! "Hier kaufen Leute aus der oberen Mittelschicht, die in der Umgebung auf dem Land wohnen," erklärte mein Sohn. Im Parkhaus, das man durchqueren musste, um zum Supermarkt zu kommen, standen viele SUVs. Auffallend: Keine Mercedes, keine Audis. Schon draussen auf den Strassen war mir aufgefallen, dass man hier nur sehr, sehr wenige deutsche Autos sieht. Die meisten sind Toyotas, Kia, Nissan, Chevrolets, auch Renaults usw. Ich verstehe von Autos nichts, nur seit unser Fahrer in Kambodscha so grosses Interesse an Automarken gezeigt und ich mich gewundert hatte, dass die Marken des Exportweltmeisters dort nur in Form von uralten Mercedes vertreten waren, achte ich darauf. Egal.
Anschliessend überquerten wir wieder den Fluss Cali, in dem sich ein Armer badete, und zwar an einer Stelle, die vielleicht zwanzig Zentimeter tief war. Ts.
Wir waren jetzt wieder im Barrio San Antonio, wo wir zu Mittag essen wollten. Unser Sohn führte uns in ein modernes, vegetarisches Restaurant, in dem sich auch alternative Touristen befanden.
Anschliessend hielten wir in unserem Hotel Siesta. Um achtzehn Uhr machten wir uns per Uber auf den Weg zum Festival Petronio, das der Musik, der Ästhetik und der Gastronomie der kolumbianischen Pazifikküste gewidmet ist. Vor dem Festivalgelände war wieder eine kilometerlange Schlange mit Essensständen, z.B. gegrillten Maiskolben, aber auch die berühmten Salchipapas, fritierte Hotdogs mit Pommes und mächtigen Saucen. Der Eintritt war kostenlos, Polizisten kontrollierten den Eingang. Die Besucher waren hauptsächlich Afrokolumbianer. Es gab mehrere riesige Bühnen mit Musik, zahllose (hunderte?) Buden, an denen typische kunstgewerbliche Artikel verkauft wurden, und natürlich auch unzählige Stände, an denen karibische Gerichte angeboten wurden, die man dann an langen Tischen in einer Art Bierzelt essen konnte.
Wir liefen herum und schauten uns alles an, hörten eine Weile einem Geschichtenerzähler zu und wollten dann zu Abend essen. Es gab zig Buden, wo Speisen verkauft wurden. Wir kannten die ganzen Gerichte nicht, es roch überall ein bisschen nach gebratenem Fisch (Pazifikküste!). Wie sollten wir uns entscheiden? An jeder Bude war der Name des Kochs und eine ziemlich lange Beschreibung seiner Motiviation angebracht. Das fand ich eine gute Idee. Die Kolumbianer beschriften für ihr Leben gerne. Die Verkäufer traten auf einen zu und versuchten, einem ihr Zeug aufzuschwatzen. Wir entschieden uns schliesslich für irgendeinen Stand. Der Verkäufer erklärte uns mehrfach, um was es sich bei den Gerichten handelte, die in seinen Pfannen schmurgelten, aber wir kapierten es nicht so richtig und forderten ihn auf, uns einfach von allem etwas auf einen Teller zu tun. So probierten wir auch zum ersten Mal Ceviche, das waren Krabben in einer kalten Sauce aus Tomaten, Zwiebeln, Koriander, etc. Das war gut, die anderen Sachen gingen so. Wir sind eben die kolumbianische Küche von A. und J. gewöhnt, die ist richtig gut. Nach dem Essen spazierten wir weiter über das Festgelände, das von ziemlich vielen Hilfspolizisten und auch Soldaten gesichert wurde. Wir betrachteten die Kleider, die geflochtenen Sachen und die übrigen künstlerischen Gegenstände, die da angeboten wurden, ebenso wie ein Likör, der angeblich so wie  Baileys und für die Pazifikküste typisch ist. Es gab auch viele Stände, an denen afrikanische Flechtfrisuren gemacht wurden. Wir kauften nichts, was soll man denn mit dem ganzen Plunder, ausserdem habe ich schon etwas im Auge, was ich mir als Andenken mitnehmen möchte. Touristen waren, wie überall in Cali, keine da. Nur einmal sahen wir zwei und ich sagte zu meinem Sohn: "Guck mal, da sind wieder die alternativen Touristen von heute mittag im vegetarischen Restaurant." Mein Sohn entgegnete: "Nein, das sind sie nicht, die sehen bloss alle gleich aus." Hahaha. Die Abendluft war sehr angenehm und wir hörten ein Weilchen der afrikanischen Musik zu. Dann nahmen wir uns ein Taxi und wollten wieder zum Hotel fahren. Kurz vor der Ankunft dort verlor mein Sohn das Vertrauen zum Fahrer, weil dieser plötzlich die Richtung gewechselt hatte. Vielleicht hatte er sich einfach nur verfahren, aber man weiss ja nie, Kolumbien ist ein gefährliches Pflaster, wie man immer wieder aus berufenem und unberufenem Munde hört. Wir stiegen also aus und gingen zu Fuss weiter. Dabei kamen wir durch einen Park, der Loma de la Cruz heisst und den uns unser Sohn sowieso hatte zeigen wollen. Dort spielte Musik und viele Menschen tanzten. Mein Gatte sagte: "Sie haben nicht genug zum Leben, aber genug zum Tanzen." Das war ziemlich treffend, denn bei vielen Leuten fragt man sich: Haben die genug zum Leben? Dreihundert Euro scheinen hier ein normaler Lohn zu sein. Wir liefen zurück zum Hotel und fielen wie die Steine ins Bett und schliefen sofort ein. Um vier Uhr dreissig war ich wieder wach... 

Donnerstag, 16. August 2018

Unsere Reise nach Kolumbien - die Anreise nach Cali

Um halb elf Uhr morgens verliessen wir unser trautes Heim in der Nähe von Salamanca Richtung Busbahnhof, von wo aus wir nach Madrid an den Flughafen fuhren. Entlang der Strecke waren alle Felder gelb und ich freute mich schon auf das viele Grün, das uns ganz sicher in Kolumbien erwarten würde. 
Als wir in Barajas unser Gepäck aufgaben, erhielten wir eine weitere dieser Entschuldigungen, die wir bereits per E-Mail erhalten hatten, dass nämlich unser Flugzeug alt und schlecht sein würde wegen irgendwelcher Streiks und dass uns nicht Avianca, sondern Evelop befördern würde, dass man sich aber überzeugt hätte, dass das Flugzeug sicher sei. Okay, ne? Wenig Vertrauen einflössend, aber nicht zu ändern. Evelop fliegt allerdings täglich zwischen Madrid und Cali und bisher ist noch kein Flieger abgestürzt, das ist ja auch ein gutes Zeichen. Ich versicherte meinen Jungs noch einmal, wie sehr ich sie liebe und dann stiegen wir ein. Was heisst, wir stiegen ein. Dann fuhren wir mit dem Bus vom Gate zum Flugzeug. Ein kleiner kolumbianischer Junge stand auf und bot mir seinen Sitzplatz an, das hat schon mal gleich einen sehr guten Eindruck gemacht.
Der Airbus 330 (so viel ich weiss ganz, ganz solide Maschinen) verband Altes mit Neuem, nämlich die enge Bestuhlung moderner Billigflieger mit dem elektronischen Entertainment von vor vierzig Jahren. Werden sie uns denn irgendwie für den mangelnden Komfort entschädigen? fragte nicht nur ich mich. Nö, schien es. 
Dann ging es los, über das sonnenverbrannte Spanien und an der portugiesischen Küste hinaus über das Meer. Das ist wie ein Sprung, ganz toll. Und manchmal sieht die Küste von oben aus wie eine Abbildung im Atlas. Ich habe schon x-mal versucht, diesen Moment mit einem Foto festzuhalten, aber auch diesmal ist nichts Gescheites dabei herausgekommen. 
So, und dann kam stundenlang atlantischer Ozean im strahlenden Sonnenschein, manchmal mit Wölkchen gesprenkelt. Blaues Meer, blauer Himmel, zwei Stunden später schaut man wieder aus dem Fenster, blaues Meer, blauer Himmel, und eine weitere Stunde später dasselbe. Wie muss das früher gewesen sein, als man noch mit dem Schiff fuhr? Zu Zeiten Kolumbus'? Blaues Meer und blauer Himmel, tagein, tagaus. Dann flogen wir laaange dem Sonnenuntergang entgegen. Manchmal schien die Sonne untergegangen zu sein, dann war sie wieder da.
Tierra!!! Alles wir endlich über dem Festland waren, war es Nacht. Ich hatte mich so auf das Grün gefreut, aber da lagen nur Städte wie festlich beleuchtete Kuhfladen in der Dunkelheit.
Schliesslich landeten wir in Cali. Gerade in dem Moment, als ich dachte, was für ein erstklassiger Flug es doch gewesen war, begannen die Leute zu klatschen. Das Publikum würdigte die Arbeit des Piloten. Vielleicht war der gute Pilot der Ausgleich für das unbequeme Flugzeug. 
Dann kamen wir also in Cali an, mein erstes Mal in Südamerika. Das Passvorzeigen und so ging sehr schnell, überall waren grosse Willkommensschilder, auch die Beamten hiessen uns willkommen. Bis wir das Gepäck wiedersahen, dauerte es lange. Daran waren die Mitreisenden aber nicht ganz unschuldig, denn die Leute hatten Gepäckmassen dabei wie ich es noch nie gesehen habe. Anscheinend hatte es keine Begrenzung gegeben. Schliesslich hatten wir unsere Koffer und wollten durch den Zoll laufen... dort herrschte totales Chaos, eine riesige Schlange hatte sich gebildet, dauernd drängelten sich Leute vor. Die zahlreichen Gepäckträger, die den Reisenden halfen, mit ihren Koffermassen einig zu werden, hatten anscheinend auch Sonderrechte. Endlich waren wir draussen und konnten unseren Sohn umarmen, der schon lange auf uns gewartet hatte. Mit dem Taxi fuhren wir in die Stadt. Der Verkehr war abenteuerlich. Wir fuhren auf einer Art Autobahn, einmal kam uns auf dem Standstreifen ein Motorrad entgegen. Auch ein Radfahrer war dort unterwegs und ein junges Paar. Auf dem Mittelstreifen lief ein Hund, der unserem derzeitigen Leihhund (von dem ich Euch auch noch erzählen muss) ziemlich ähnlich sah. Und wie wagemutig dort überholt wurde! Mannomann. Weiter Richtung Stadt waren zahlreiche Schilder angebracht, die Motorradfahrer ermahnten, an ihre Sicherheit zu denken. Bitter nötig! Weiter ging es zu unserem Hotel, das sich im Stadtviertel San Antonio befindet, dem ältesten Teil der Stadt. Unser Zimmer ist ordentlich und zweckmässig. In Sachen Jet-Lag kann ich berichten, dass ich von Mitternacht bis halb vier geschlafen habe, mein Gatte hat viel mehr geschlafen. Jetzt gehen wir erst einmal frühstücken, von der Stadt haben wir noch nichts gesehen.

Mittwoch, 15. August 2018

Unsere Reise nach Kolumbien

Morgen geht's los! Mein Gatte und ich fliegen nach Kolumbien. Das Wetter wird wahrscheinlich so sein wie auf unserer Reise nach Asien letztes Jahr, 32 Grad, sehr hohe Luftfeuchtigkeit, allerdings weniger Regen. Letztes Mal hatte ich Bedenken wegen der Hitze und der Feuchtigkeit und so. Dieses Mal nicht, denn ich habe es ganz gut vertragen. Man schwitzt halt, gell, aber dafür muss man seltener Pipi, das ist ja auch ein Vorteil, wenn man in einem fremden Land unterwegs ist.
Unser Flug geht von Madrid nach Cali, wo sich unser jüngster Sohn gerade als Gastforscher aufhält. Am 19. August geht es weiter nach Pereira, wo seine Schwiegerleute, unsere guten Freunde A. und J., wohnen. Als ich den Reiseführer für Kolumbien kaufen wollte, gab es drei zur Auswahl. Ich konnte mich nicht so recht entscheiden. Also legte ich die Beschreibung von Pereira zugrunde. Im grünen Michelin-Guide stand (fast wörtlich) "dort gibt's nichts zu sehen". In einem anderen Führer, auf dessen Name ich mich nicht mehr besinne, stand so ziemlich dasselbe. Lonely Planet war etwas positiver: "Wer eine kolumbianische Stadt weit abseits der Touristenpfade sucht, der ist hier richtig." Oder so ähnlich, bedeutet ja auch dasselbe. Ich habe trotzdem nicht den Lonely Planet-Reiseführer gekauft. Die empfehlen nämlich Geheimtipps wie z.B. "ein ganz entzückendes Café, wo sich die einheimische Kunstszene trifft". Wer dann tatsächlich dort sitzt, sind die Lonely Planet-Reiseführerbenutzer, die in Massen eingefallen sind und die Einheimischen vertrieben haben. Da haben wir schon die tollsten Sachen erlebt. Ich sage nur "Sylvia's" in New York, aber das würde jetzt zu weit führen (Sylvia's ist ein afroamerikanisches Soul Food-Restaurant in Harlem, das in den Reiseführern vom DK Verlag als typisch empfohlen wird. Ah, sonntags, nach dem Gospelgottesdienst, gehen da die einheimischen Afroamerikaner hin und essen ihre typischen Speisen. Gelogen. Als wir das Restaurant besuchten, war es bis auf den letzten Platz voll mit Benutzern des DK-Reiseführers New York, der auf der ganzen Welt erscheint. Die einzigen, die unter den Gästen überhaupt gar nicht vertreten waren, waren Einheimische. Ja, das war nicht Lonely Planet, sondern DK, aber bei Lonely Planet fällt es mir besonders auf, weil die so ein bisschen alternativ tun. Is' egal.)
Pereira ist also unsere zweite Station. A. hat mich darauf hingewiesen, dass alles ganz anders ist, als wir denken. Das ist ein bisschen verwirrend, denn wir hören sie seit sieben oder acht Jahren von Kolumbien erzählen. Wir haben schon Bilder und Videos von ihrem Haus und ihrer Straße gesehen. Mein Sohn war auch schon dort. Wir kennen Cousins und Cousinen und sogar die Oma persönlich. Wir freuen uns sehr, A. und J. einmal zuhause besuchen zu dürfen. 
Pereira liegt mitten im Kaffeeanbaugebiet, das stelle ich mir sehr interessant vor. Mich interessiert alles, ich brauche keine Sehenswürdigkeiten. Wie die Leute leben, was es alles zu futtern gibt, wie die Straßen sind und die Häuser und die Geschäfte... die Tiere und die Pflanzen... mein Sohn hat uns Bilder von riesigen Echsen gezeigt (mehr als einen Meter lang, glaube ich, die lagen dort in einem Park auf dem Weg). Kakerlaken soll es auch geben - und zwar riesige, die sogar fliegen können. Hoffen wir mal, dass uns eine Begegnung mit diesen Wesen erspart bleibt, aber man muss sich geistig darauf einstellen, dass sich das vielleicht nicht ganz vermeiden lässt.
Am 24. fliegen wir von Pereira nach Cartagena, der letzten Station unserer Reise. Cartagena ist eine berühmte, sehenswerte Touristenstadt. Mein Sohn und seine Freundin waren schon dort und haben von wunderbaren Stränden erzählt, an denen man auch schnorcheln kann. Da ich vor zwei, drei Wochen zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder mit einem Schnorchel tauchen war (bei der Insel Tabarca vor Alicante) und das so, so toll war, freue ich mich auch darauf sehr. Als Kinder waren wir manchmal mit dem Schnorchel und der Taucherbrille in deutschen Seen unterwegs, wo es nicht viel zu sehen gab. Vor Tabarca war der ganze Meeresboden mit kräftig grünem Gras und unzähligen weißen Blüten bedeckt. Schwärme von wunderschönen, silbrig gestreiften Fischen schwammen umher, Sonnenstrahlen tanzten durch die Wellen... ein Erlebnis. Man wagte gar nicht, seinen Fuß auf den Meeresboden zu setzen, so wunderbar und zerbrechlich sah alles aus. 
Am 29. August fliegen wir von Cartagena zurück nach Cali und am 31. von Cali nach Madrid. 
Von meinem Sohn kam gerade per WhatsApp die etwas kryptische Empfehlung: "Versucht, im Flugzeug nicht zu schlafen oder versucht zu schlafen, damit Ihr keinen Jet-Lag habt, wenn Ihr kommt." Ich glaube, wir werden so aufgeregt sein, dass wir schon deshalb keinen Jet-Lag haben werden (hoffe ich mal). 

Sonntag, 1. Juli 2018

Ein alt' Gebirg vergeht...

... ein neues türmt sich auf, pflegte mein Urgroßvater Nikolaus zu sagen, der in diesem Gotteshaus betete, ebenso wie mein Urgroßvater Alois, der dort auch jahrzehntelang Messner war, ebenso wie mein Ururgroßvater, der dort auch Messner gewesen war. Mein Vater wurde dort getauft, ebenso wie sein Vater und seine Enkel. Die Kirche Maria Geburt in Aschaffenburg, Schweinheim, ist also für meine Familie definitiv ein ziemlich alt‘ Gebirg.
Sooo. Und vor nunmehr fast dreißig Jahren (in erdgeschichtlichen Zeiträumen nicht einmal ein Wimpernschlag) kam ein neuer Pfarrer, dessen Verhältnis zu meiner Familie mit einer kleinen Schäbigkeit begann, die er mit „Ich wusste ja nicht, wer Sie sind“ entschuldigte. Okay, ne? Entschuldigt. Man kann ja nicht jeden gleich behandeln, wo kämen wir denn hin? Also.
Worauf ich hinaus will: Man hört echt abenteuerliche Geschichten über das, was da abgeht in dieser Pfarrei. Der Priester hat wohl auch überregional ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, indem er am Weißen Sonntag bei der Erstkommunionfeier ein Kreuz benutzte, an dem ein mit dem Kopf nach unten deutendes Bild des bayerischen Ministerpräsidenten Söder hing. Darüber haben sich auch Leute aufgeregt, die nicht zu den üblichen Querulanten gehören, sondern ausgewiesene Stützen der Gesellschaft sind. Irgendwie war auch noch ein Bretzel im Spiel, denn in der Presse wurde er mit „Brezn-Pfarrer“ tituliert.
Man kann sich auf youtube einen liturgischen Tanz anschauen, der anlässlich des Pfingstfestes in Maria Geburt aufgeführt wurde, einschließlich Konfettiregen wie bei der Champions League, nur weniger stark. Das entsprechende Bildmaterial erinnert an eine Seniorenresidenz für Derwisch*Innen, der Gesang dazu ist schön.
Man hört also so allerhand aberwitziges Zeug über diese kleine Gemeinschaft und deshalb beschloss ich, einmal hinzugehen und mir persönlich anzugucken, was da los ist. Ihr kennt mich: Wenn ich solche Expeditionen unternehme, versuche ich vorurteilsfrei auf das Objekt meiner Studien zuzugehen, in diesem Falle einen Sonntagsgottesdienst, der eigentlich wenig Überraschungen bereithalten sollte. Sonntag, zehn Uhr: Die im gotischen Stil Ende des 19. Jhs. erbaute Kirche ist schon seit Jahren von ihrem ursprünglichen religiösen Ballast befreit und erstrahlt in reinem Weiß. Es war recht voll, die Gottesdienstbesucher saßen in einem Stuhlkreis. Gleich bei meinem Eintritt bemerkte ich auf der mir gegenüber liegenden Seite einen Clown. Er sah aus wie ein gewerbsmäßiger Spaßmacher von der Sorte, die man manchmal in Fußgängerzonen trifft und der man einen Euro hinwirft in der Hoffnung, dass sie sich damit Stimmungsaufheller kauft. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters. Er trug einen kleinen runden Hut, sein Gesicht war im Stile besagter Clowns geschminkt. Um seinen Hals und auf seinem T-Shirt lag ein großer Kranz aus Blättern und Holunderblüten, der ein bisschen an Amazonas-Indianer erinnerte. Es folgten schwarze Shorts, in den Bündchen seiner Socken steckten Blumensträußchen. Ich wusste nicht, was er dort wollte. War er ein Geisteskranker, der in Maria Geburt löblicherweise geduldet wird? War das eine Performance?  Ich war zwei Minuten zu spät gekommen, vielleicht hatte der Pfarrer zu Beginn der Messe etwas zu seiner Präsenz gesagt.
Wie dem auch sei. In der Mitte der Kirche stand ein kleiner quadratischer Tisch. Eine Frau, die wie mehrere andere auch ein Gewand wie ein Priester trug, legte ein orangefarbenes Tischtuch auf. Die Lesung wurde verlesen, darauf folgte überraschenderweise gleich die Predigt. Der Pfarrer stand irgendwo im Kreis, neben einem sehr bescheidenen Kreuz. Es ging ums Spenden und die Etymologie des Wortes „privat“. Die Leute sollen mehr geben oder teilen oder irgend sowas. Was machen die eigentlich mit den ganzen Kirchensteuern? Irgendwann muss es doch genug sein. Naja gut, ist egal. Er füllte so zehn, fünfzehn Minuten mit diesem Thema. Dann wurde das Evangelium vorgelesen. Zwischendurch wurde immer mal wieder gesungen. Obwohl ich sehr viele Kirchenlieder kenne, kannte ich keines davon.
Dann kam der Bajass ins Spiel. Ich fragte den Herrn neben mir, ob Clowns regelmäßiger Bestandteil des Schweinheimer Sonntagsgottesdienstes seien. Er antwortete mir nein, es gäbe irgendwas zu feiern. Der Bespaßer stand auf… er erinnerte ein bisschen an Karl Valentin. Er lief innerhalb des Stuhlkreises herum und rief oder brüllte oder sang – obwohl es gerade mal ein paar Stunden her ist, weiß ich es nicht mehr – „Herr, schenke mir Kraft“ oder „Herr, erbarme dich“ oder irgend sowas. Er lief herum mit seinem lächerlichen Hut, seinem erbarmungslos beschmierten Gesicht, seinem Blätterkranz, seinen Blumensträußchen an den Socken. Abartig. Schließlich fiel er vor dem Kreuz auf die Knie… mein Herz begann zu rasen. Welche Blasphemie hatte er geplant?
Man liest und hört manchmal von Christenverfolgungen und wie Gläubige gezwungen werden, religiöse Abbilder zu bespucken oder auf Kreuze zu treten. Ich denke immer, ich würde gar nicht zögern, ich würde alles tun, um meine Haut zu retten, aber wenn man so etwas dann direkt vor sich sieht, diese unselige Kreatur vor dem Kreuz knien sieht, ist es doch etwas anderes. Man möchte kotzen und kann es nicht. Er stand auf… halblaut entfuhr es mir: „Der pinkelt jetzt gegen das Kreuz.“ Das war so der Eindruck. Zwei Gottesdienstbesucher antworteten „nein, nein, das tut er nicht“ und ich gehe davon aus, dass er es tatsächlich nicht getan hat. Wissen tue ich es nicht, ich packte nämlich meine Handtasche und verließ fluchtartig das… Gotteshaus, hätte ich fast geschrieben, und das ist es ja auch.
Ich war wirklich wohlwollend, zu Anfang. Ich dachte, es ist schön, dass es ein Angebot gibt für Menschen, die unter dem Dach der katholischen Kirche eine etwas andere Messe wollen. Also, jetzt nicht gleich satanisch, aber doch „anders“. Ich wollte bis zum Schluss bleiben. Ich hätte das Ding in der Paella-Pfanne probieren wollen, das wie ein überdimensionierter Lebkuchen aussah, aber sicher eine Hostie war. Ich hätte Euch berichten wollen, was noch alles geschah im weiteren Verlauf der Eucharistie, es ging nicht. Ich musste fluchtartig den Raum verlassen. Ich war innerlich so aufgewühlt, dass ich viel zu schnell nach Hause fuhr. Hoffentlich bin ich nicht in eine Radarfalle geraten.
Irgendwann werde ich noch einmal hingehen und mir den Rest anschauen, also, die Wandlung und so. Ich weiß jetzt, worauf ich mich einlasse. Was wie eine Verhöhnung des Kreuzes aussieht, ist bestimmt gut gemeint. Ich habe das seelische Rüstzeug dabeizubleiben, von Anfang bis Ende. Man muss sich eben langsam gewöhnen.
Was mich überrascht, ist, dass es die katholische Kirche gar nicht zu interessieren scheint, was ihre Franchise-Nehmer so treiben. Ist sie so bankrott, dass es ihr einfach egal ist?
Ein alt‘ Gebirg ist vergangen.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Das erklärt so manches...

X. erzählt von den Leuten, die unter ihr wohnen und die seit ein paar Tagen jeden Abend einen komischen, kratzenden Lärm machen.
"Geh doch mal runter und frag sie, was los ist," schlug ich vor.
"Ich kenn sie nicht gut. Die wohnen da noch nicht lange. Die wohnen da erst seit sechs oder sieben Jahren."
Es dauert seeehr lange, bis einen die Leute hier in Kastilien als einen der ihren betrachten.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Englische Aussprache

Auch wenn man die englische Sprache beherrscht, ist man sich gelegentlich bei der Aussprache nicht sicher. Pjusi-Street? Pasäi-Street? Oder doch Pussy-Street?

Dienstag, 14. November 2017

Bigger brother

Ich höre mir gerne auf Youtube Musik an und bekam da in letzter Zeit häufiger Werbevideos für Kopftücher zu sehen, ich konnte mir nicht erklären wieso. Ich habe noch niemals irgendetwas gegoogelt oder angeklickt, was auch nur im Entferntesten als Interesse an islamischem Kopfputz oder islamischer Damenoberbekleidung ausgelegt werden könnte. Schließlich fiel mir ein, daß ich vor ein paar Wochen auf Expedia und Kayak nachgeschaut habe, was Flüge in den Iran kosten. Das kann nichts miteinander zu tun haben, oder? Oder? 

Mittwoch, 1. November 2017

Über das Kofferpacken

Über das Kofferpacken spreche ich gern, weil ich meine, das richtig gut zu können, es will bloß nie jemand hören, was ich zu diesem wichtigen und interessanten Thema zu sagen habe. Aber dafür habe ich ja diesen Blog, nicht wahr, hier kann ich mich ausbreiten. So sah mein fertig gepackter Koffer für  den Rückflug aus:


Ein Gegenstand, den man hätte dabei haben sollen, aber nicht dabei hatte: Eine Büroklammer zum SIM-Karten rein- und rausmachen. Ich musste jedesmal meinen Ohrring herausnehmen, wenn die SIM-Karte gewechselt werden musste, und eine Büroklammer nimmt im Gepäck ja auch nicht sooo viel Platz weg:

Dienstag, 31. Oktober 2017

Massentourismus


Ich habe gestern stundenlang nach diesem Artikel gesucht, den ich andernorts versprochen hatte. Er stammte aus den Zwanziger- oder Dreißigerjahren und die französische Kolonialverwaltung machte sich darin Gedanken, wie man den Tourismus in Angkor Wat fördern könnte und die Anzahl der Besucher, die damals wohl bei ein paar Hundert im Jahr lag, steigern könnte. Ich habe echt stun-den-lang nach diesem hochinteressanten Artikel gesucht und ihn nicht mehr gefunden. Mist. Aber gut. Da ich die Worte Angkor und Siem Reap ziemlich häufig eingab, begegneten mir auch ziemlich häufig Klagen über den Massentourismus. Ich muss Euch sagen: wir waren im September dort und ich fand die Anzahl der Besucher okay. An einem Tempel musste man eine dreiviertel Stunde Schlange stehen, um hinaufzusteigen, dafür war an anderen Stellen niemand, aber wirklich niemand. Einmal haben wir uns ein bisschen im Urwald verlaufen, da waren wir froh, als wir eine Gruppe junger Mönche sahen, die dort standen und auf ihre I-Phones starrten, echt.

Und zum Thema Massentourismus will ich mal ganz weit ausholen und zwar bis zu einem Vorfall, der schon über vierzig Jahre her ist: Meine Mutter bediente im Friseursalon eine alte Dame, die aus einer reichen ostpreußischen Familie stammte, die im Krieg alles verloren hatte. Die Dame schwärmte davon, wie schön das doch gewesen war, als nur die Reichen, Vornehmen nach Biarritz reisen konnten und man dort unter sich war und nicht mit Hinz und Kunz am Strand lag. Während meine Mutter ihr Haar in Form brachte, gab sie der alten Dame recht. Hm, nicht wahr? Hm. Und für meine Mutter wohl auch hm, sonst hätte sie uns nichts davon erzählt, sonst hätte man nicht darüber nachgedacht und würde sich vierzig Jahre später immer noch an den Bericht über dieses Gespräch erinnern. Natürlich ist es schön, wenn man sich herrliche Strände nur mit wenigen teilen muss und ganz allein auf Tempeln klettern oder durch Venedig schlendern kann, aber wenn es keinen Massentourismus gäbe, wären Reisen den Reichen und den Eliten vorbehalten. Wie sicher sind sich denn die Kritiker des Massentourismus, die selbst gerne reisen, dass sie dieser Gruppe, die es immer gab und immer geben wird, angehören würden? Die meisten von uns sind die Masse im Massentourismus und ich finde das gut so. 

Montag, 30. Oktober 2017

Let's get talking

Das erste Mal ist es mir gleich bei unserem Frühstück am ersten Tag unserer Asienreise in Hongkong aufgefallen: Wir saßen da in dieser Straßenwirtschaft, ich habe schon andernorts davon erzählt, wir saßen da also an diesem biertischartigen Tisch und frühstückten unsere Suppe, als sich zwei Asiaten neben uns setzten. Sie studierten die Speisekarte, die in Chinesisch und Englisch gehalten war wie das anscheinend in Hongkong Vorschrift ist, sie deuteten und diskutierten, überlegten… ich dachte mir, warum bestellen die denn nicht einfach? Das sind doch Chinesen, die wissen doch, was Sache ist. Nein, die beiden zogen Wikipedia zurate, betrachteten Bilder von Speisen, bis sich endlich entschlossen, zu bestellen, in dem sie mit dem Finger auf die Speisekarte deuteten. “Warum war denn das jetzt so schwierig für die?” fragte ich meinen Sohn. “Es sind Koreaner,” antwortete er mir. Ach sooooo! Der Gedanke, dass sie auch Ausländer sein könnten, war mir gar nicht gekommen. Das Bestellen war für die genauso schwierig wie für uns! Ach sooooo!

Das zweite Mal war in Hanoi. Wir standen im Empfangsbereich des Hotels, zwei asiatische Gäste sprachen mühevoll Englisch mit den Angestellten, die unter ebenso großen Mühen antworteten. Du meine Güte, dachte ich, warum sprechen sie denn nicht einfach in ihrer Schlitzaugensprache miteinander? Gleichzeitig durchfuhr es mich: Die können gar nicht miteinander sprechen! Die vom Hotel waren Vietnamesen und die Gäste, weiß Gott, wo die herkamen. Reisen bildet, sagt man, für mich war diese Reise erleuchtend.

Samstag, 28. Oktober 2017

David und Ivy


image

Das hat irgendwie gefehlt, oder? Ein Foto von David und Ivy.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Zurück in Hongkong


Ihr fragt Euch vielleicht, warum wir noch einmal zurück nach Hongkong geflogen sind. Das hat etwas damit zu tun, wie die Reise überhaupt zustande kam, dass mein Sohn zu einer Hochzeit dort eingeladen war und sein Flugticket so gekauft hatte, dass die Hochzeit in der Mitte seines Aufenthalts lag. Alles andere, auch seine Mama, kam erst später hinzu. Also, wie gesagt, noch ein Tag in Hongkong und wir ließen uns, wie das so unsere Gewohnheit ist, einfach treiben. Unten seht Ihr einen Blick aus dem Fenster unseres Hotels, auf einen, ja, tatsächlich, Friedhof.

image
Wir fuhren gleich morgens ins Zentrum und stießen dort auf ein sehr seltsames Phänomen: Überall waren Philippininnen. Tausende. Der chinesische Freund meines Sohnes hatte uns schon davon erzählt. Es sind Frauen, die bei Familien als Hausmädchen angestellt sind und sich an Sonn- und Feiertagen treffen und den Tag miteinander verbringen. Sie sitzen auf Kartons auf Straßen und Plätzen und in Unterführungen. Sie unterhalten sich, essen und trinken, machen sich die Haare und die Fingernägel schön, handarbeiten, spielen Karten... Ein paar Frauen studierten einen Tanz ein, andere benutzten eine gesperrte Straße als Catwalk. Hier seht Ihr Bilder:

image


image
Man weiß nicht so recht, ob man mit ihnen Mitleid haben soll. Vielleicht geht es ihnen besser als den Frauen in ihrer Heimat. Andererseits sind sie da so ganz ohne Männer und vielleicht haben sie ja auch zuhause Kinder. Die Frauen sitzen aber nicht nur herum. Wir gerieten in ein Einkaufszentrum für Philippinen. Dort gab es drei Jeans für zehn Dollar, drei T-Shirts für fünf Dollar. Es gab auch philippinische Sim-Cards und philippinische Lebensmittel.

image
Draußen war gleich eine improvisierte Packstation, wo die Frauen die Sachen für ihre Lieben in der Heimat verpacken und aufgeben konnten. Unsere Welt ist doch ein sehr, sehr seltsamer Ort.

image
Am Abend gingen wir noch einmal mit David und Ivy, den chinesischen Freunden meines Sohnes, essen. Es sind so liebe Leute. Es ist ein Glück, wenn man sie Freunde nennen darf. Kleines peinliches Erlebnis zum Abschluss: Wir wollten unbedingt das Abendessen bezahlen, aber als David den Inhalt unserer Geldbörse sah, sagte er: "Ihr könnt gar nicht bezahlen. Wenn ihr bezahlt, habt ihr kein Geld mehr, um zum Flughafen zu kommen!" Womit er recht hatte. Wir mussten ihn also bezahlen lassen. Als mageren Ausgleich gaben wir ihm unsere Octopus-Cards, auf denen noch Geld war. Diese Octopus-Cards sind eine super Sache. Man kann damit alle möglichen Verkehrsmittel und auch sonst so einiges bezahlen, zum Beispiel an Kiosken und in manchen Restaurants, so genau weiß ich das nicht. Man hält einfach die Karte an so ein Gerät und schon hat man bezahlt. Einfach dranhalten genügt, ich finde das gut. Abends um 23.45 hatten wir unseren Rückflug nach London. Mein Sohn flog dann weiter nach Frankfurt, ich nach Madrid. Von unserem Hinflug habe ich Euch noch gar nicht erzählt, oder? Da gab es dramatische Szenen in Heathrow...

Sonntag, 8. Oktober 2017

Phuket

Wir flogen also nachmittags in Bangkok los und landeten eine knappe Stunde später in Phuket. Dann hatten wir noch eine Stunde Fahrt im Taxi zum Hotel. Wir hatten wieder einen Taxifahrer von der Sorte Ich spreche gut Englisch, ich kann bestimmt fünfzig Wörter, und deshalb können wir jetzt eine Stunde non-stop quasseln. Naja, gut, wir sind ja auch sehr redselig. Der Fahrer erzählte, daß die meisten Touristen in Phuket Chinesen wären, an zweiter Stelle stünden Russen, an dritter Australier. Die Deutschen kämen erst in der Hauptsaison, als Pauschalreisende, und würden deshalb kaum Taxi fahren. So teuer war die Fahrt gar nicht, Benzin kostet dort ja genauso viel wie in Europa: 1000 Baht (30 Euro) für eine gute Stunde fahren, für die Rückfahrt würde er nur 800 Baht (24 Euro) nehmen, wir sollten ihn anrufen. Er hieß Pi und gab uns sein Kärtchen. Die Ankunft im Hotel war ein bisschen seltsam: Er lud uns am Eingang zum Komplex aus, dann fuhr uns ein hoteleigenes Gefährt bis vor die Tür. Ts. Es war schon dunkel, als wir endlich in unser Zimmer kamen. Es war sackrabennacht. Wir strengten unsere Augen an und starrten vom Balkon in die Dunkelheit, da war kein Licht, da war nichts zu erkennen. Nur das Meeresrauschen, das war vielversprechend. Und morgens erwartete uns dann dieser Anblick:
Auf dem Bild sieht es vielleicht so aus, als sei das Wetter schlecht gewesen wäre… Die Monsunzeit war ja auch noch nicht vorbei und es regnete jeden Tag ein- oder zweimal. Aber, Leute, ich komme aus Spanien, hier herrscht eine fürchterliche Trockenheit, ich kann mich über ein bisschen Regen nicht aufregen. Die Temperatur betrug auch konstant um die 30 Grad, die Wolken verschwanden im Laufe des Tages (bis sie dann wieder kamen).
Auf dem Bild oben seht Ihr, wo wir unser Frühstück einnahmen. Tooolll!!!! Beachtet den Wasserfall in der rechten Bildhälfte! Und die wunderschöne tropische Vegetation!
Das Hotelgelände… bevor er die Bilder sah, fragte mein Gatte, ob es dort sei wie in Benidorm, weil man doch immer hört, Phuket, Massentourismus und so. Die Antwort lautet nein, es ist dort nicht so wie in Benidorm, zumindest nicht dort, wo wir waren.
Oben seht Ihr ein Bild vom Strand. Es ist der Karon Beach. Da waren echt wenig Leute, unabhängig vom Wetter. Solche Wolken, wie die oben, waren nach einem kurzen Regen weg und dann knallte die Sonne wieder vom klaren Himmel. Was am Strand witzig war: In unserem Hotel waren bestimmt 95 Prozent der Gäste Ostasiaten, in den Unterkünften rechts und links davon waren hauptsächlich Russen, so waren dann auch die Badegäste am Strand geordnet: Russen, Chinesen, Russen.
Man konnte vom Hotel aus spazieren gehen, links war ein Ort, rechts war eine Touristenstraße mit Restaurants, Geschäften und Massagesalons und so weiter. Der Ort war natürlich auch voller Angebote für Touristen. Mein Sohn ließ sich massieren. Ich traute mich nicht, da ich noch nie massiert worden war und mir das auch nicht richtig vorstellen konnte, von einem fremden Menschen so angetatscht zu werden. Am nächsten Tag wagte ich es und es war toll, also, ein bisschen schmerzhaft, aber ich glaube, ich habe davon profitiert. Unten seht Ihr wieder das Hotelgelände und die umliegende Landschaft. Dieses üppige Grün, ich finde das so, so schön.
Unten seht Ihr das Hotel selbst:
Und noch ein bisschen Tropenvegetation:


Das Dorf
Bunt und schön! Für die Rückfahrt riefen wir den Taxifahrer Pi an. Was heißt wir riefen an, mein Sohn rief an. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, mit einem Menschen zu telefonieren, mit dem man keine gemeinsame Sprache hat! Es klappte aber ganz gut. Er konnte selbst nicht kommen, ein Stellvertreter erschien. Der konnte weniger gut Englisch, vielleicht so fünfundreißig Wörter, und er gab seiner Bewunderung für Pi Ausdruck, der so gut Englisch sprach. Okay, ich gestehe, es macht riesigen Spaß, sich so mit Händen und Füßen zu verständigen und die Leute dort unten sind auch total nett und gutwillig. Die drei Tage in Phuket waren also auch ganz toll: das Meer war warm, die Wellen ein bisschen zu stark, das Hotel war paradiesisch, der Pool sehr warm, das Essen gut, die Massage toll, alles top. Dann ging es wieder zurück nach Hongkong…

Freitag, 6. Oktober 2017

Der letzte Tag in Bangkok

Ja, und dann brach auch schon unser letzter Tag in Bangkok an. Als erstes fuhren wir mit der Fähre unseres Hotels auf die andere Seite des Flusses. Er heißt Chao Phraya. Ich bin schon x-mal gefragt worden, wie der Fluss heißt, jetzt habe ich es doch einmal nachgeschaut: Chao Phraya. Auf dem Bild unten seht Ihr den Blick vom anderen Ufer zurück auf unser Hotel (das große, schmale im Vordergrund, mit dem UFO auf dem Dach). Es ist das Millennium Hilton Bangkok, es hat fünf Sterne, die Nacht kostet 87 Euro ohne Frühstück (wusste ich doch, dass Euch das interessiert).
image
Dann fuhren wir ein, zwei Haltestellen mit dem Busboot zur River City, einem Luxus-Einkaufszentrum, wo wir zu frühstücken hofften, aber erst streiften wir ein bisschen herum und stießen dabei unter anderem auf das Gebäude auf dem Foto unten. Es ist ein altes Zollgebäude, es steht zum Verkauf. Man kann hier ein Boutique-Hotel einrichten, stand auf einem Schild. Das Gebäude im Hintergrund ist das Oriental Mandarin-Hotel. Es gilt als eines der besten Hotels der Welt. Die Übernachtung dort kostet ab 350 Euro. Weiß nicht. Wir überlegten, dort einen Kaffee zu trinken. Von der Straße aus sah es dann aber doch nicht so mega-attraktiv aus, also im Vergleich zu allem anderen dort. Es war nicht so, daß man gedacht hätte: Boah, da muss ich jetzt rein, sonst bereue ich es später. 
image
Stattdessen nahmen wir unser Frühstück im Coffee Club im Riverside Plaza ein.
image
Wir hatten immer noch keinen Plan für den Tag. Noch mehr Tempel? Noch mehr Märkte? Noch mehr Einkaufszentren? Am selben Nachmittag sollte es weitergehen nach Phuket, wir waren schon ein bisschen im Entspannungs-Modus, also entschieden wir uns für eine Bootsfahrt auf dem - äh, äh, jetzt muss ich wieder nachgucken - Chao Phraya, und zwar mit dem Busboot, das überall hält. Eine Fahrt kostet weniger als 40 Cents, egal, wie weit man fährt. Auf dem Weg zur Anlegestelle kamen wir wieder durch eine dieser typischen Straßen, wo die Leute ihre Mini-Restaurants aufbauen. Es ist echt unglaublich, eins am anderen. 
image
Und dann fuhren wir mit dem Boot den Chao Phraya hinauf, noch einmal vorbei an allen Sehenswürdigkeiten, bis über die Innenstadt hinaus. Und dort wurde es ziemlich interessant: Wie viel dort gebaut wird! Man hat das Gefühl, es geht aufwärts in diesem Land, das ist doch sehr erfreulich. 
image
Es gab moderne Hochhaussiedlungen, einen riesigen Tesco-Supermarkt sahen wir auch. Dort hielt schon der westliche Lebenstil Einzug.
image
Eindrücke von den Ufern des Chao Phraya…
image
Für die oben genannten vierzig Cents kann man so ziemlich ewig fahren. Wir mussten dann aber umkehren, also ein Boot besteigen, das in die entgegengesetzte Richtung fuhr, um das Flugzeug nach Phuket nicht zu verpassen. Die Eindrücke aus Bangkok waren, wie überall auf der Reise, überwältigend. Mit der Fahrt an den Flughafen läuteten wir die vorletzte Phase unserer Reise ein…

Samstag, 30. September 2017

Weiter geht es in Bangkok



Nach dem goldenen Buddha fuhren wir mit der U-Bahn zum Einkaufszentrum Terminal 21, das uns empfohlen worden war. Im U-Bahnhof lag ein Kondolenzbuch, in das wir uns eintrugen. Ich respektiere das echt: Vietnamkrieg, Völkermord in Kambodscha, in Bhumibols Land herrschte während dessen Frieden. Ich gestehe allerdings, daß ich, was thailändische Politik betrifft, völlig ahnungslos bin. Es ist nur so mein Eindruck. Das Foto zeigt Mutti, wie sie sich in das Kondolenzbuch einträgt. Also mich.
image
Zwei weitere Personen hatten sich schon in lateinischer Schrift eingetragen. Die Trauerstätte befand sich in einer U-Bahnstation und da war null Vandalismus, unglaublich, ne? Also, weiter ging’s zum Einkaufszentrum.
image
image
Das Einkaufszentrum war riesig und für mich auch ein Symbol für die Globalisierung. Es gab dasselbe wie überall und zu Preisen wie überall. Da sieht man, daß es hier eine kritische Masse gibt, die sich diese Dinge leisten kann, Adidas und Starbucks und Mango und so. Bangkok ist eine Stadt der Kontraste. Das Flair der Dritten Welt neben modernen Wolkenkratzern und einer wachsenden Mittelschicht. Und was überall gebaut wird! Mit dem Besuch des Einkaufszentrums (wir hätten ja was gekauft, aber wir brauchen echt nichts…) war unser Tagesprogramm noch nicht beendet. Wir besuchten anschließend die Häuser von Jim Thompson. (Das auf dem Bild sind sie nicht, sie sahen aber so ähnlich aus. Anscheinend habe ich vergessen, sie zu fotografieren.)
image
Jim Thompsons Häuser sind Häuser im traditionellen thailändischen Stil, die dieser amerikanische Unternehmer, der später unter seltsamen Umständen im Dschungel von Malaysia verschwand, aus irgend welchen Dörfern hierher brachte. Die Führung, die wir dort hatten, war gut und witzig. Anschließend kehrten wir per Skytrain und Boot ins Hotel zurück. Am nächsten Vormittag genossen wir noch Bangkok, dann ging es weiter nach Phuket, auf das ich Euch schon Mal eine Vorschau bieten werde….