Freitag, 23. November 2012

Äußerste Zufriedenheit

Ich habe gerade in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen eine Kolumne gelesen und zwar diese Zur äußersten Zufriedenheit hier und musste dabei daran denken, wie es war, als wir im Sommer unser Auto kauften und hinterher x Mal von Audi nach unserer Zufriedenheit gefragt wurden.
Herr V., der Verkäufer, hatte sich abschließend erkundigt, ob wir mit dem Kauf und seinen Umständen zufrieden gewesen wären. "Ja, sehr," hatte ich ihm geantwortet. Ob es uns in diesem Fall etwas ausmachen würde, wollte er weiter wissen, bei den Befragungen, die uns nun erwarteten, stets mit "äußerst zufrieden" zu antworten. Da wir rundum zufrieden gewesen waren, sagte ich ihm, das würde uns nichts ausmachen. Er erklärte weiterhin, dass ein rundum zufriedener Kunde vor uns auf viele Fragen mit "zufrieden" und "sehr zufrieden" geantwortet hätte und das wäre für ihn, den Herrn V., nicht gut gewesen. 
Ich versicherte ihm, dass wir zufrieden gewesen seien und daher kein Problem damit hätten, zu behaupten, wir seien "äußerst zufrieden" gewesen. Besonders gefallen hatte mir, dass er nach dem Autokauf eine gute halbe Stunde als Beifahrer mit uns herumgefahren war und uns die Automatikschaltung und vieles mehr erklärt hatte, dass er mit uns das Fahren des Wagens geübt hatte. Danach wurde aber, glaube ich, gar nicht gefragt.
Als dann schließlich der Fragebogen mit der Post eintraf, füllte ich ihn im Großen und Ganzen wie von Herrn V. gewünscht aus. Die Frage nach unserem Kontakt zur Werkstatt beantwortete ich nicht, da uns diese Werkstatt vor etlichen Jahren durch eine fehlerhafte Reparatur beinahe ums Leben gebracht hätte. Ich glaube, Audi möchte das gar nicht wissen. Wir wechselten danach zu einer freien Werkstatt, bei der wir nun schon seit vielen Jahren Kunden sind.
Eine weitere Frage, bei der ich stutzte, war (sinngemäß): "Wie waren Sie mit dem Empfang bei Ihrem ersten Besuch zufrieden?"
Unser erster Besuch hatte sich wie folgt gestaltet: Mein Sohn D. und ich trafen an einem heißen Nachmittag beim Autohändler ein. Vor der Tür war kein Parkplatz frei, wir parkten in etwa 30 Meter Entfernung. Wir begaben uns zur Tür, die sich automatisch öffnete. Drinnen war es angenehm kühl. Beide Verkäufer waren mit Kunden beschäftigt. Herr V. kam zu uns und bat uns, uns zu gedulden, während er fertig bediente. "Selbstverständlich", antworteten wir und fragten, ob wir derweil die ausgestellten Autos anschauen dürften. "Selbstverständlich", antwortete er. Wir schauten uns also den A3 an und den Q7 und was da sonst noch rumstand. Das war für meinen Sohn und für mich sehr interessant und machte uns überhaupt nichts aus, im Gegenteil. Dann kam Herr V. wieder auf uns zu, entschuldigte sich und begann, uns nett, freundlich und kompetent zu unserer Zufriedenheit zu bedienen. Was ist eigentlich so schlecht an der Zufriedenheit? Wie sagt schon Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel? "Die größte Freud' ist doch die Zufriedenheit" und nicht "Die größte Freud' ist doch die äußerste Zufriedenheit".
Wie hätte der Empfang bei unserem ersten Besuch sein müssen, damit ich "äußerst zufrieden" gewesen wäre? Mein Sohn D. und ich treffen an einem heißen Nachmittag beim Autohändler ein. Wir parken direkt vor der Türe. Ein livrierter Doorman reißt selbige auf. Er streckt uns eine geöffnete Hand entgegen, in die wir die Autoschlüssel plumpsen lassen (valet parking). Wir treten ein. Ein gutaussehender junger Mann reicht uns leckere Cocktails. Junge Frauen in weich fließenden, weißen Gewändern streuen Blumen auf unseren Weg. In der Mitte des Verkaufsraums befindet sich ein Springbrunnen (siehe Alhambra in Granada). Es duftet nach Jasmin. Klassische Musik spielt (irgendwas von Händel), in der Ecke sitzt ein kleines Orchester. Herr V. kommt auf uns zu. Er bedient uns wie oben beschrieben und nennt sofort den niedrigsten Preis, zu dem er gewillt ist, den gewünschten Wagen an uns abzugeben. Auf diese Weise wäre der Empfang beim ersten Besuch zu meiner "äußersten Zufriedenheit" verlaufen, so konnte ich leider nur "sehr zufrieden" ankreuzen. 
Ich halte nicht viel von solchen Umfragen, da ich glaube, dass die Firmen nicht ernsthaft auf negative Antworten eingehen. Was mich jedoch nicht daran hinderte, Herrn V. in allen Kategorien - außer bei der Frage nach dem Empfang, bei der ich kurz mein Hirn einschaltete - meine "äußerste Zufriedenheit" zu bescheinigen. 

Dienstag, 20. November 2012

Ich habe einen Plum Pudding gebacken!

Und zwar einen original englischen, einen Christmas Pudding mit Nierenfett und allem Pipapo. 
Vor zwei Jahren haben wir das Weihnachtsfest in England verbracht, dort haben wir den Plum oder Christmas Pudding kennengelernt. Wir hatten dort einen der Größe der Wohnung angemessenen Baum (Höhe etwa 30 cm) und wir feierten im englischen Stil, mit Christmas Crackers. Das sind diese Dinger, die aussehen wie große Bonbons, in denen aber Zündplättchen drin sind. Jeder zieht an einer Seite und dann macht es "plopp". Hilarious! Ja, und wir hatten Papierhüte auf, wir versuchten, so richtig englisch zu sein. Der Christmas Pudding war von Tesco, der war absolut okay. 
Da ich nun dieses Lammnierenfett hatte, wollte ich mich selbst mal an der englischen Spezialität versuchen. 
Ich suchte also eine Weile im Internet nach einem gescheiten Rezept. Anscheinend hat da jede Familie ihre eigene Tradition. Ich entschied mich für die Anleitung von Stephen Owens. Wie der schon daher kommt, mit seiner grünen Mütze und seinem farbenfrohen Hemd, hahaha ... that's England for you. Stephen Owens sieht aus als wüsste er definitiv, wie man einen richtig englischen Plumpudding macht. Stephen Owens, Plum Pudding Wenn Ihr da drauf klickt, könnt Ihr ihm beim Backen zuschauen. Da steht auch die Zutatenliste auf Englisch, die ich hier übersetze. (Er schreibt 1 Orange, er erklärt dann aber, dass er nur die Hälfte benutzt.) Also, Zutaten:  60 g Mehl, 100 g weiche, weiße Brotkrümel, 100 g gehacktes Rinder- oder Lammnierenfett, 450 g Trockenfrüchte, 1/2 Orange (Saft und abgeriebene Schale), 1/2 Zitrone (Saft und abgeriebene Schale), 1 Apfel, 2 Eier, 1 Esslöffel Melasse (Rübensirup, Grafschafter Goldsaft, o.ä.), 1 Teelöffel Zimt, 1 Teelöffel Muskat, 1 Karotte, 125 g brauner Zucker, 100 g Orangeat oder Zitronat, eine Prise Salz, 1-2 Esslöffel Whisky oder Brandy.
Ich habe ich mich weitgehend an seine Anleitung gehalten. So ging ich vor: Das Nierenfett hat bei Mr. Owens und auch auf anderen Rezeptseiten, die ich angeschaut habe, so eine flockige Konsistenz. Ich wusste nicht, wie ich die hinkriegen sollte. Ich benutzte dieses Hackgerät:

Das Ergebnis war suboptimal, eher eine Paste als Flocken, aber es war okay. Ich denke, es wäre besser gewesen, das Fett auf einer groben Reibe zu reiben. Oder es ganz fein zu hacken. Für die Brotbrösel (ebenfalls eine flockige Konsistenz! Wir sprechen hier nicht von Paniermehl!), habe ich Toastbrot im selben Gerät gehackt. Alternativ könnte man es vielleicht auch grob reiben. Die Trockenfrüchte sind in den meisten Rezepten Mischungen aus Rosinen, Sultaninen, Korinthen, etc. Mr. Owens hatte auch getrocknete Kirschen dabei. Ich hatte ungefähr zur Hälfte Rosinen und Cranberries. Ich glaube, da kann man so ziemlich nehmen, was man möchte. Die Schalen von der Orange und der Zitrone habe ich nicht verwendet, da ich keine biologisch angebauten Früchte hatte. Ich habe sie durch nichts ersetzt. Als Melasse hatte ich Grafschafter Goldsaft. Dass man keinen ganzen Teelöffel Muskat verwenden sollte, ist der erfahrenen Hausfrau sicher auch klar, eine richtig große Prise sollte genügen. Ich fettete meine Form mit etwas Butter. So, das waren meine Kommentare zu den Zutaten.
Schauen wir nun Mr. Owens über die Schulter: Er gibt zuerst seine Brotkrumen in die Backschüssel, dazu kommen das Fett, die Trockenfrüchte und das Mehl. Er rührt nun zum ersten Mal. Dann fügt er den Saft und die abgeriebenen Schalen hinzu. Er rührt nun zum zweiten Mal und fügt die fein geriebene Karotte und den fein geriebenen Apfel hinzu. Nun kommen der braune Zucker, das Orangeat und/oder Zitronat. Er rührt wieder, gibt dann die Eier, den Zimt, das Muskat, das Salz, den Goldsaft und den Whisky hinzu. Bei mir sah das nun so aus:


Ziemlich genau wie bei ihm. Er empfiehlt, den Teig idealerweise über Nacht durchziehen zu lassen. Ich habe ihn nur ein paar Stunden ziehen lassen. Mr. Owens gibt den Teig nun in eine Keramikschüssel, ich verwendete meine Puddingform. Er deckt seine Schüssel zuerst mit Backpapier ab. Schaut Euch den Trick an, mit dem er sein Papier "perfectly round" schneidet. Dann noch mit Alufolie oder sonst irgendwas abdecken. Bei den meisten Rezepten wird der Pudding nun stundenlang im Wasserbad gekocht. Mr. Owens setzt auf den Schnellkochtopf. Das ist eher mein Stil. Er benutzt einen Einsatz wie ich ihn auch habe. Eine Stunde bei Volldampf. Dann schaltete ich den Herd ab und ließ den Pudding im Topf, bis das Ventil wieder unten war. Dann nahm ich ihn heraus, entfernte die Abdeckung  und ließ ihn abkühlen. Mr. Owens lässt den Plum Pudding nun bis Weihnachten in seiner (wieder zugedeckten) Keramikform. Da ich eine Puddingform aus Metall benutzt hatte, traute ich mich das nicht (wegen der möglichen Oxidation). Mein Pudding sah so aus:


Oder in anderem Licht so: 


Ich wickelte ihn in Backpapier und legte ihn in den Kühlschrank. Da liegt er nun. Er muss mindestens 4 Wochen durchziehen. Man kann ihn laut Mr. Owens sogar ein Jahr im Voraus backen. Ich habe ein bisschen Angst, dass er zu schimmeln anfängt. Ich werde alle paar Tage mal nachschauen und beim ersten Anzeichen, dass er schwächelt, werde ich das schlechte Stück rausschneiden und wir werden ihn essen, Christmas or not. Vielleicht werde ich ihn zwischendurch mal mit etwas Whisky begießen, das wird auch in manchen Rezepten empfohlen. Das desinfiziert.


Man kann gar nicht früh genug anfangen mit den Weihnachtsvorbereitungen. Ich war auf dem Dachboden und habe meine Dekoartikel gesichtet. Jetzt macht das Spaß. Man kann sich in aller Ruhe an seinen schönen Sachen erfreuen, einfach nur anschauen und wieder wegräumen. Ohne den Stress, der in der Vorweihnachtszeit doch manchmal aufkommt. Vorfreude ist eine schöne Freude. Die Zeit, einen Christmas Pudding zu backen, ist jetzt, und nicht am 23. Dezember!

Mittwoch, 14. November 2012

Der Generalstreik - Bericht aus Spanien

Interessant sind ja immer die Meinungen der Betroffenen vor Ort. In unserer Online-Lokalzeitung haben 73 Leser den Streik und die Demonstration heute mittag kommentiert. Ich gebe Euch hier mal ein paar Meinungen auf Deutsch wieder:
1. Der Kommentar mit den meisten Likes zur Demonstration: Die meisten Demonstranten waren unpolitische Studenten, die von den Erhöhungen der Studiengebühren, den Kürzungen der Stipendien und dem Mangel an Perspektiven am Arbeitsmarkt die Nase voll haben. Die Leute von den Gewerkschaften haben sich mit ihren Fähnchen vorne dran gestellt. So fühlen sie sich stark. Als würden wir ihnen folgen ...
2. Der nächste Kommentar in Großbuchstaben: Die Gewerkschafter haben sich vor die Studenten gestellt! Schamloses Pack! Der Streik ist gescheitert. Mit unseren Steuergeldern müssen wir die Gewerkschaften finanzieren. 
3. Die Anarchogewerkschaft hatte zu dieser Demonstration aufgerufen! Die Studenten sollten schon schauen, hinter wen sie sich stellen!
3. Mein Sohn hat gestreikt wegen der Studiengebühren. Ich habe dieses Jahr für ihn 1600 Euro bezahlt. Da hätte er mal früher streiken sollen.
4. Die ganze Demonstration hat nach Marihuana gestunken (muss stimmen, das haben mehrere Kommentatoren geschrieben).
 5. Du Clown! Besser es riecht nach Marihuana als nach Faschist. Du bist ja anscheinend zufrieden mit der Situation! 
6. "Anarcosindicalismo" ("Anarchogewerkschaften") stand auf dem Plakat. Was soll denn das bedeuten? Ich bin für den Streik, aber das will ich nicht. Eine Schande!
7. Ich verurteile die politische Kaste, die uns in die Krise geführt hat, ich verurteile die Gewerkschaften, die sich nur um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern. 
8. (In Großbuchstaben:) Warum habt ihr die Gewerkschafter denn nicht verjagt? Habt ihr Schiss?
9. Was ist denn die Lösung für die Krise? Wo waren die Gewerkschaften denn, als Zapatero dran war? Klar, da habt ihr die Hand aufgehalten und Subventionen kassiert.
10. Wie viele Faschisten kommentieren hier eigentlich? Ihr hockt zuhause, wir kämpfen für eure Rechte. Es lebe der Kampf der Arbeiterklasse.
11. Argumente: Ihr sagt, mit dem Streik erreicht man nichts, aber wenn wir was erreichen, dann habt ihr genauso den Nutzen. 8-Stundentag, 5-Tagewoche, Arbeitslosengeld (es folgt eine lange Aufzählung), das haben alles die Gewerkschaften erkämpft.
12. Man hat das Gefühl, ihr seid stolz darauf, keiner Ideologie anzugehören. Ihr wollt nur billig studieren!
13. Die Taxifahrer fordern immer unsere Solidarität. Heute haben sie alle gearbeitet. Geier!
14. Mit dieser privilegierten Politikerkaste kommen wir nie aus dem Tränental. Es gibt hier zu viele Faschisten. An alle, die Rajoy gewählt haben: Es geschieht Euch recht!
15. Hört auf mit dem Streik, geht nach Hause, heute abend spielt die Nationalmannschaft. Wir wollen Fiesta!
16. Alles, was die Arbeiterklasse erreicht hat, radiert diese Regierung einfach aus. Reagiert endlich!
17. An alle, die die Arbeiter nicht unterstützen: Macht doch eure Scheißlädchen auf solange ihr noch könnt. Vielleicht seid ihr eh bald pleite. Ich werde die Läden, die heute offen hatten, in Zukunft boykottieren. Euch ist es egal, dass mein Lohn gekürzt wurde, mir ist es egal, wenn ihr zusperren müsst. Clowns, Faschisten!
18. Die regieren seit einem Jahr und es geht uns schlechter, wir sind am Arsch. Was hat diese Regierung für das Volk getan? Nichts, nichts, nichts.
19. Uff, was für ein Tag. Ich habe gar keinen Zweifel daran, dass der Streik ein Erfolg war. Ich habe gestreikt und habe den Tag zum Einkaufen genutzt: Kleider, Lebensmittel für den ganzen Monat, die Läden waren ja alle offen. Dann habe ich das Auto zur Revision in die Werkstatt gebracht. Ich bin erschöpft. Glückwunsch an die Gewerkschaften.
20. Da waren mehr als 10.000 Demonstranten.
21. 5000  (das schreibt auch die Lokalzeitung)
22. 500, ich habe sie gezählt.
23. Was wollt ihr denn? Wenn heute Wahlen wären, würde Rajoy wiedergewählt.
24. Jaja, die Beamten sind schuld, die trinken den ganzen Tag Kaffee.
25. Man kann eine Regierung unterstützen, wenn die Dinge besser werden, aber es ist doch alles schlechter geworden! Außer für die privilegierte Kaste. Seid doch realistisch, bitte!
26. Was soll das Volk denn machen? Die Regierung stranguliert uns, wir lassen die Hosen runter.

Usw., usw.
Typische Stimmen aus Spanien.
Was habe ich gesehen? Es war ziemlich ähnlich wie beim letzten Generalstreik im Frühjahr, die Beteiligung war deutlich geringer. In unserem Ort war "normalidad absoluta", alles war wie an jedem gewöhnlichen Werktag, ich habe nur zwei Babberle mit 14N (14. November) gesehen. Ansonsten fasse ich kurz zusammen, was ich auch schon letztes Mal geschrieben habe, nämlich hier klicken, da kommt Ihr zu meinem ausführlicheren Eintrag zum Generalstreik im Frühjahr. Alle Geschäfte waren offen, wenige Kunden waren da. Im Industriegebiet mit den vielen Zufahrtsstraßen business as usual. Im anderen Industriegebiet, auf dessen Zufahrtsstraßen beim letzten Mal morgens Autoreifen angezündet worden, standen dieses Mal nur Streikposten. In der Uni waren ungefähr die Hälfte der Professoren und Studenten da, habe ich mir sagen lassen. Bei den Demonstrationen waren wieder überraschend viele Leute.

Dienstag, 13. November 2012

Generalstreik morgen in Spanien

Für den 14.11. ist in Spanien ein Generalstreik angekündigt. Ich habe gerade rasch mal bei spiegel.de und faz.net geschaut, da steht kein Wort davon. Das wundert mich. Ich hätte gedacht für Leute, die morgen aus geschäftlichen oder privaten Gründen nach Spanien reisen möchten, wäre das schon interessant.
Um was geht es? Um das ewig Gleiche. Den Leuten geht langsam ein Licht auf: Dies ist keine Krise, dies ist ein Umbau der Gesellschaft, dessen Ende nicht absehbar ist. Löhne und Gehälter werden massiv gekürzt, alles andere wird massiv teurer. Die Unterschicht verarmt, die Mittelschicht ist enormem Druck ausgesetzt. Was ich persönlich auch schlimm finde, ist, dass die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs durch Bildung verbaut wird. Dazu gäbe es viel zu sagen. 
Als Mariano Rajoy Ende letzten Jahres an die Macht kam, setzten die Menschen Hoffnungen auf ihn, auch Leute, die ihn nicht gewählt hatten und nie wählen würden. Man dachte einfach, die Rechte würde manche Dinge anders machen. Um mal einen Punkt herauszugreifen: man dachte z.B., die neue Regierung würde nur wenige Stellen mit inkompetenten Freunden, Verwandten und Bekannten besetzen. Was tatsächlich geschah, war doch ein bisschen schockierend. Es ging genauso weiter wie unter Zapatero. Ihr müsst Euch das so vorstellen: Für einen mittelhohen Posten im Verteidigungsministerium wird ein verdienter Angehöriger der Luftwaffe mit guten Englischkenntnissen benötigt. Eingestellt wird ein arbeitsloser Arzneimittelvertreter ohne Fremdsprachenkenntnisse, weil seine steinalte Oma ihren anderen, einflussreichen Enkel zurechtgewiesen hat und gesagt hat "da bist du nun ein hohes Tier im Verteidigungsministerium und kannst noch nicht mal deinen Cousin ordentlich unterbringen". Und dann wird der Cousin halt untergebracht und zwar so, dass die Oma auch stolz sein kann. (Ich habe versucht, den Fall so zu entstellen, dass man die Personen nicht erkennen kann, aber da es diese Fälle zu Tausenden (Zigtausenden?) gibt, ist er vielleicht anderen Fällen ähnlich.) Damit die anderen Mitarbeiter dies schlucken, müssen auch noch Marisa, eine Ballettlehrerin, Schwägerin von Alfredo, und Pedro, ein Schulabbrecher, Sohn von Ricardo, untergebracht werden und Esther, die Cousine von Marivi, muss befördert werden, dann stimmen alle zu und alles ist wieder in Ordnung. Die freie Stelle ist besetzt, zwei zusätzliche Stellen wurden geschaffen. Die regierende Kaste wächst und gedeiht, während das Volk darbt. Darf man so was im Internet schreiben? Ja, ne? Liest ja eh keiner. Aber für den Fall, dass es doch einer liest: ich habe mir den Fall nur ausgedacht, echt. In Wirklichkeit ist alles ganz anders. In Wirklichkeit werden nur kompetente Menschen eingestellt, egal, ob sie verwandt sind oder nicht. Spässle. Jetzt habe ich Schiss. Und das ist wahrscheinlich der Grund, warum man von solchen Fällen nur ganz selten hört.
Also, Gründe für den Streik: Spanien wird in den Abgrund geführt.
Warum viele Menschen nicht streiken, obwohl sie mit der derzeitigen Politik überhaupt nicht einverstanden sind (abgesehen von der Lohneinbuße, die gerade in diesesn Zeiten viele schmerzen würde): Der Streik wurde von den Gewerkschaften ausgerufen und viele Leute empfinden die Gewerkschaften als Teil des Problems. Eine weitverbreitete Meinung in unserem Bekanntenkreis ist, dass die Gewerkschaften nur an sich und ihre Klientel denken. Dass sie einfach unverschämt sind. Z.B. eine Krankenschwester hat sich darüber aufgeregt, dass ihre Betriebsrätin, die nur ein paar Bürostunden hat, genauso viel verdient wie sie, einschließlich der Zulagen für Nachtdienste. Sie meint, dass man Leuten, die keine Nachtdienste leisten, auch keine bezahlen sollte. Ein anderer Fall: eine Firma mit einer Abteilung, in der es nur in einem Monat im Jahr so richtig rundgeht. Die Mitarbeiter dieser Abteilung wünschen nun, in diesem Monat ihren Jahresurlaub zu nehmen. Als der Chef dies ablehnt, reichen sie mit Hilfe der Gewerkschaft Klage ein. Solche Sachen halt. Die nerven die Kollegen. Und dann empfinden viele die Streiks als politische Streiks gegen die Rajoy-Regierung und fragen: "Warum haben die Herrschaften nicht gestreikt als Zapatero dran war?" Sie betrachten die Gewerkschaften als Teil der regierenden Kaste, die das Volk ausplündert. 
Währenddessen werden den Banken Milliarden in den Allerwertesten geblasen ... ja, das sind alles so Sachen.  
In die Geschichte mit den Zwangsräumungen, die ich schon ein paar Mal erwähnt habe, kommt jetzt anscheinend Bewegung. Seit Beginn der Krise sind schon 400.000 Familien zwangsgeräumt worden, weil sie ihre Hypotheken nicht bezahlen konnten. Ja, da könnte es schon sein, dass vielleicht die Zeit gekommen ist, gegebenenfalls anzufangen, sich eventuell Gedanken zu machen, ob man da nicht möglicherweise doch beginnen sollte, sich zu überlegen, ob man nicht mal mit den Banken sprechen und sie fragen könnte, ob sie überhaupt noch Interesse daran haben, in den Besitz von noch mehr Wohnungen zu kommen, die nicht besonders viel wert sind. Ja, die Dinge überstürzen sich. Also, mal sehen, was morgen los ist. Ich werde Euch berichten. 

Samstag, 10. November 2012

Weihnachtsvorbereitungen - Teil 1

Mein Beschluss: Heuer kaufe ich keine neuen Weihnachtsdekosachen. Auch wenn die Weltwirtschaft meinetwegen in die Knie geht, chinesische Wanderarbeiter in ihre Dörfer zurückkehren müssen und es den Geschäften die Bilanzen verhagelt. Dieses Jahr kaufe ich nichts.
Am Donnerstag war ich mit einer Freundin in der Stadt bummeln und wir stellten fest, dass die Geschäfte schon Weihnachtsschmuck anbieten. Und was es für hübsche Sachen gibt! Gut gefallen hat mir statt Türkranz ein Herz aus Rohr oder Weiden geflochten, in der Mitte hängt eine Kugel herab und oben ist ein Schild "Willkommen" dran. Eine schöne Idee und mal was anderes, aber ... ich haaabe einen Türkranz.
Dann sah ich diesen Plätzchenteller von Villeroy und Boch, 19,99 Euro (in Wirklichkeit ist der natürlich nicht so unscharf, ich habe ihn von der Website kopiert, ich weiß nicht, warum das so hässlich geworden ist). Dieser Teller gefällt mir echt gut, aber ... ich haaabe zwei! Plätzchenteller.  
Gut gefiel mir auch eine Laterne, deren Glasseiten mit Weihnachtsmotiven bemalt waren.  Ich dachte mir, dass die mit einem Teelicht oder einer Kerze drinnen abends am Fenster sehr schön aussehen würde, aber ... haben wir nicht schon genug Mist????? Ich könnte ja eine der beiden Laternen, die wir schon haben, mit Weihnachtsmotiven bemalen, wenn ich wollte.
Ganz abgefahren: In einem Laden, den ich doch nicht nennen möchte, drei Tannzapfen, ganz gewöhnliche, mittelgroße Tannzapfen, nach denen man sich im Wald nur bücken muss, mit einer Schnur oben dran zum Aufhängen ... sage und schreibe 5,99 Euro. Materialkosten wenn man's selber macht (von mir geschätzt): Pattex für 3 Cents, Schnur für 2 Cents. Anspruch an das handwerkliche Können: 0. Ich frage mich, ob diese Tannzapfen auch containerweise aus der Volksrepublik China importiert werden.
In New York war es so, dass nach Weihnachten der ganze Dekokram verramscht wurde und man konnte Sachen echt billig kaufen, auch Swarovski-Sterne zum halben Preis und so. Da habe ich mich so richtig mit schönen Kugeln etc. eingedeckt. In Deutschland oder in England ist das ja nicht so, da wird alles weggeräumt. Wahrscheinlich schmeißen hier die Kaufhäuser die Sachen lieber weg als sie zu verramschen. Ich wollte letztes Jahr schlau sein und direkt nach Weihnachten eine richtig gute Außenbeleuchtung kaufen. Zum halben Preis, natürlich. Ts, Peifedeckel. Ich konnte nur den Angestellten beim Kehren der Abteilung zuschauen. In den nächsten Tagen werde ich mal auf den Dachboden gehen und mir einen Überblick verschaffen, was wir an Weihnachtsschmuck haben. Wir haben viele schöne Sachen und ich freue mich auf's Schmücken. Weihnachten selbst geht so schnell vorbei, aber die Vorbereitungen, die sind doch ein Genuss und wenn man rechtzeitig anfängt, so wie ich heute mit dem Beschluss, nichts Neues zu kaufen und in den nächsten Tagen mal das alte Alte zu sichten, dann gibt's auch keinen Stress.

Sonntag, 4. November 2012

Weckruf - Katastrophenschutz - Selbstschutz


Wie Ihr wisst, hatten wir das Glück, vier Jahre in New York wohnen zu dürfen, und zwar in Manhattan, und zwar direkt am Wasser. Als sich Hurricane Sandy näherte, galt für das Gebäude, in dem wir gewohnt hatten "mandatory evacuation", die Bewohner mussten das Gebäude verlassen; wenn man es nicht verließ, geschah aber auch nichts. Also blieben viele Bewohner. Ich denke, wir wären auch geblieben. Letztes Jahr mussten die Leute nämlich schon einmal gehen (Hurricane Irene) und dann geschah gar nichts. In der Zeit, in der wir dort lebten, gab es auch mehrmals Warnungen vor irgendwas und dann war immer nix, z.B. snow storm warning und dann fielen drei Flocken oder keine Warnung vor irgendwas und dann saßen wir in Panik auf dem Sofa, weil wir Angst hatten, die Fensterscheiben flögen raus, so stark war der Sturm. 


Die Fensterscheiben waren nämlich riesig. Hier seht ihr den Blick aus einem Wohnzimmerfenster auf Brooklyn. Scheibe mit Weihnachtsdeko, hihihi, (von oben hingen ein paar Dekoelemente herab, andere Sachen hatte ich mit doppelseitigem Klebeband befestigt. Es konnte von draußen ja keiner reinschauen (24. Stock)).
Hier noch ein paar von mir aus unseren Fenstern gemachte Bilder von heraufziehenden Stürmen in NYC:


Blick aus dem Schlafzimmerfenster. Ja, das hohe Gebäude links ist das Empire State Building.


Ein Blick aus dem anderen Wohnzimmerfenster auf den East River mit Roosevelt Island. Das zweithöchste Gebäude, das da so links am Wasser steht, ist das UNO-Gebäude.
Also, Wetter gibt's in New York zum Abwinken. Ich denke mal, wir hätten unsere Wohnung nicht verlassen. Ich hätte 50 Liter Wasser gekauft, die Badewanne mit Wasser gefüllt, bei Trader Joe's einen großen Einkauf gemacht und den Kühlschrank und das Gefrierfach vollgemacht und dann hätte ich gedacht: "Bring it on!"
So, und dann wäre der Sturm gekommen. Etwas heftiger als die Male, als ich dachte: "Uaaahhh, die Scheibe fliegt raus." Und dann wäre der Strom weggewesen. Und der Aufzug hätte nicht mehr funktioniert. Und dann wäre das Wasser weggewesen. Wie Ihr wisst, bin ich für das Thema sensibilisiert, weil wir ja gerade selber zwei Tage ohne Wasser waren. "Naja, das wird alles gleich wieder funktionieren", hätte ich wahrscheinlich gedacht und wir hätten unsere Wasservorräte fröhlich verbraucht. Leute, die Herrschaften, die unter Verstopfung leiden, sind immer am Jammern, aber ich muss Euch sagen, in solchen Situationen sind sie klar im Vorteil. In meiner Familie haben alle eine Top-Verdauung mit täglichem Stuhlgang. Wisst Ihr, was das bedeutet? Da ist das Wasser in der Badewanne aber ruckzuck alle. Und die Klospülung funktionierte im ganzen Gebäude eh nicht besonders (da war irgendein Wassersparsystem installiert!!!). Wir konnten nur grottenschlechtes Klopapier verwenden. An Extraflausch war da echt nicht zu denken. Gäste sagten zu uns: "Was habt Ihr bloß für ein schlechtes Klopapier!" und wir mussten uns rechtfertigen. Peinlich, ne?
Ja, und dann wäre das Zeug in unserem Kühlschrank langsam warm geworden, naja, sehr warm nicht, denn die ganze Wohnung wäre ja mittlerweile kalt gewesen. Vom Isolieren halten die Amis wenig. Und wenn wir dann gedacht hätten: "Na, dann machen wir uns halt mal einen schönen, heißen Tee", dann wäre das auch nicht gegangen, denn der Herd ging elektrisch an, obwohl es ein Gasherd war. Früher funktionierten Gasherde nur mit Gas und man entfachte das Feuer mit einem Streichholz, mittlerweile aber bedürfen sie des Stromes. Tja, und der Fernseher hätte nicht funktioniert. Und die Batterie vom Computer wäre irgendwann mal leer gewesen. Wir haben ein Kurbelradio mit Dynamobetrieb, mit dem man auch Handys aufladen kann, da hätten wir Informationen über die Lage bekommen. Nach zwei, drei Tagen hätten wir die Wohnung dann doch verlassen müssen, wegen der Klosituation. Mit unseren Rollköfferchen hätten wir 24 Stockwerke hinabsteigen müssen. Dann hätten wir uns zu unseren Freunden auf der Upper West Side durchschlagen müssen, die uns wahrscheinlich aufgenommen hätten.
Mann, Mann, Mann. Die Menschen in diesem Gebäudekomplex sind seit fast einer Woche ohne Wasser und Strom. Ich denke mal, die abartig hohe Miete müssen sie trotzdem bezahlen.  
Leute, wir müssen uns wirklich mehr Gedanken machen, wie wir uns im Falle X verhalten.
Wir haben dieses Kurbelradio, das ist schon mal gut. Ich muss es mal überprüfen, ob es noch funktioniert (nachdem ich es gesucht habe, ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, wo es sich befindet). Vielleicht sollten wir einen Campingkocher anschaffen, denn bei Stromausfall funktioniert unser Elektroherd nicht und man wird ja auch nicht den Grill anschüren wollen, bloß weil man eine Tasse Kaffee oder warme Milch möchte.
Also, ein paar Sachen habe ich schon gesammelt in Sachen vorbereitet sein:
1. Wenn es kein Wasser gibt, im Freien gleich eine Pinkelecke einrichten.
2. Regenwasser vorrätig halten.
3. Schauen, wo man Wasser herbekommt, wenn das Regenwasser ausgeht (Quelle, Brunnen, ?)
4. Leere Wasserbehälter vorrätig halten.
5. Kurbelradio suchen.
6. Campingkocher kaufen, Gas vorrätig halten.
7. Nicht auf Tiefkühlvorräte setzen, sondern auf Dosen. Dosenöffner dazu packen (> 1)
So, das sind jetzt mal so ein paar Sachen, die mir in den letzten Tagen eingefallen sind.
Update: Als ich meinen Gatten fragte, ob er wüsste, wo das Kurbelradio sei, antwortete er mir, es befände sich in einem Schubkasten in seinem Arbeitszimmer, zusammen mit einer dynamobetriebenen Taschenlampe sowie einer weiteren Taschenlampe und Batterien verschiedener Größe. Heee, toll. Warum er dieses Herrschaftswissen für sich behalten hatte, erschließt sich mir nicht, ich hätte das Zeug im Ernstfall nämlich nicht gefunden. Der Schubkasten im Arbeitszimmer wäre so ziemlich der letzte Ort gewesen, an dem ich gesucht hätte.
8. Pappteller (während wir so nach und nach unser ganzes Geschirr schmutzig machten, verwendeten andere Nachbarn Pappteller, die sie dann einfach in den Müll warfen. Schlau!)
9. Wissen mit den anderen Familienmitgliedern teilen
So, das war's jetzt mal wieder.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Alles fließt (Ergänzung zum Eintrag von gestern)


Dieses Bild und das unten habe ich gestern auf meinem Abendspaziergang gemacht. Schön, ne? Mal was anderes als Männer in Löchern. Auf dem Spaziergang geschah auch Folgendes (bevor ich zum Loch kam): 
Ich kam beim Haus einer Bekannten vorbei, die eine große Marienverehrerin ist. Sie hatte mir vor einiger Zeit ein Bildchen der Muttergottes geschenkt, das sie von einer Pilgerreise mitgebracht hatte. Ich hatte das Bildchen an die Pinnwand in unserer Küche gehängt, neben diverse Telefonnummern, die Speisekarte des Pizzadienstes, den Busfahrplan und ein Bild eines Schutzengels, das ich schon einmal verwendet habe, um einen Blogeintrag zu illustrieren. Da hing das Marienbildchen gut, bis es eines Tages unerklärlicherweise verschwunden war.
Als ich gestern auf der Höhe ihres Hauses war, kam sie gerade von einer Quelle zurück, wo sie Wasser geholt hatte, um ihre Kinder vor dem Zubettgehen zu waschen. Nein, sie transportierte das Wasser nicht in einem Krug auf dem Kopf, sondern in Plastikflaschen im Kofferraum ihres Wagens. Ich erzählte ihr, dass ich das Bildchen verloren hätte und fragte sie, ob sie wohl noch welche hätte. Sie eilte in ihr Haus, um mir ein neues zu holen. Sie hatte nur noch eins, nämlich ihr eigenes, das sie in hohen Ehren hielt, das wollte sie mir geben. Ich weigerte mich, es anzunehmen. So ging das eine Weile hin und her, dann kam ihr Schwiegervater dazu und sagte, er hätte noch mehr von diesen Marienbildchen zu Hause, ich sollte das von M. annehmen, er würde ihr ein neues geben. Da M. so sehr darauf bestand, nahm ich das Bild an mich und setzte meinen Weg fort. Ich hatte das Bild in meiner Jackentasche und fühlte mich sofort gekräftigt. Eine eigenartige Stärke ging davon aus. Und dann kam ich ans Loch, wo anscheinend die Arbeit getan war. Es ist mir schon klar, dass zwischen meinem Besuch am Morgen und meinem Besuch am Abend ein Kompetenzteam da gewesen sein musste, das sich auf die Reparatur von Wasserleitungen für 20.000 Menschen verstand und über die erforderlichen Gerätschaften verfügte. Es hatte rasch gearbeitet und war wieder verschwunden, fast ohne Spuren zu hinterlassen. So muss es gewesen sein. Ich hatte bei meinen Besuchen nur Arbeiter gesehen, die nasse Erde von links nach rechts und von rechts nach links schaufelten, bzw. gar nichts taten. Es hatte also doch etwas Wunderbares, als abends wieder Wasser aus der Leitung kam.  

Alles fließt 

Sonntag, 28. Oktober 2012

Weckruf

Wer einen Trompetenweckruf hören möchte, klickt hier

So, jetzt ist der vierte Spülkasten auch noch leer. Ja, wir haben vier Toiletten. Es sei denn, Ihr hättet fünf, sechs oder mehr müsst Ihr jetzt vor Neid erblassen. Naja, gut, Ihr könnt das Erblassen auch bleiben lassen, darum geht's nämlich gar nicht. Der letzte Spülkasten ist jetzt auch leer und wir haben nicht mehr viel Wasser. 
Aber von Anfang an: Gestern, gegen 18.00 Uhr, fuhr ich in einen nahe gelegenen Supermarkt. Ich kreuzte dabei eine Straße, auf der ein riesiger Sturzbach hinab lief. "Das muss ein gewaltiger Rohrbruch gewesen sein", dachte ich. Meine Einkaufsliste war kurz, umfasste jedoch glücklicherweise 5 Fünf-Liter-Flaschen Wasser. Ich verbrachte ziemlich viel Zeit mit Schnuppern, was es so alles gibt, und als ich mich wieder auf den Heimweg machte, war eine ganze Stunde vergangen. Der Sturzbach floss unverändert, der Wasserdruck hatte den Bürgersteig aufgerissen. Kein Arbeiter in Sicht. "Jetzt schlägt es aber dreizehn", dachte ich. Ich beschloss, gleich nach meiner Heimkunft irgendwo - ich wusste noch nicht, wo - anzurufen, z.B. bei der Feuerwehr. Handy hatte ich vorsichtshalber keins dabei, ich würde es doch nur verlieren. 
Da erblickte ich, etwa 200 Meter entfernt, in der bepflanzten Mitte eines Kreisels, einen Mitarbeiter des Wasserversorgers. Er telefonierte heftig gestikulierend und rannte dabei kopflos hin und her. Ich hielt an und wies ihn auf das Desaster hin, das sich in seiner Nähe abspielte. "Jaja, wir wissen es bereits", antwortete er mir. "Das Wasser läuft seit mindestens einer Stunde ungebremst", sagte ich empört. "Jaja, wir arbeiten daran", antwortete er mir. 
Die nächste Neuigkeit vom Rohrbruch erhielt ich heute früh, kurz nach dem Erwachen. Ich pieselte, betätigte die Klospülung und wollte mir dann, meiner Gewohnheit entsprechend, die Hände waschen. Tja, kein Wasser. Okay, dann eben nicht, gell? Kein Wasser. Wir sind zurzeit zu dritt im Haus, wir waren aber auch schon zu neunt oder zehnt. Katzenwäsche und Zähne putzen mit Flaschenwasser für drei.
Heute war herrliches Herbstwetter. Ich machte einen Spaziergang zu der Stelle, an der das Wasser ausgetreten war. Sie sah jetzt so aus:



Ein großes Loch. Ein Bagger, ein Lkw, mehrere Arbeiter. "Wie lange wird es wohl dauern, bis wir wieder Wasser haben?" fragte ich.
"Bis zur Mittagszeit", antwortete mir der Chef freundlich. Ich machte mich auf den Heimweg. Unserer Internet-Zeitung entnahm ich, dass 20.000 Menschen ohne Wasser sind.
Wenn man kein fließendes Wasser hat, merkt man erst, wie häufig man während des Kochens den Wasserhahn aufdreht. Kein Salat, nichts, was gewaschen werden muss.
Gegen 18.00 Uhr war das Wetter immer noch wunderschön, sehr kalt, sehr sonnig. "Ach, ich könnte noch einmal einen Spaziergang zum Loch machen", dachte ich mir. Das Loch war jetzt etwas größer. Drei Arbeiter standen darin und schaufelten nasse Erde von einer Seite auf die andere. "Wie lange wird es wohl dauern?" fragte ich. "Ich hoffe, wir werden heute noch fertig", antwortete der Chef. "Es ist ein komplizierter, komplexer Rohrbruch." Durch die Wassermassen des ersten Rohrbruchs war es zu Erdverschiebungen gekommen, die zwei weitere Rohrbrüche nach sich zogen. 
Hier seht Ihr den Wasserspeicher, der der Versorgung von 20.000 Menschen dient. Es brachen die Hauptversorgungsleitung für alle diese Menschen, ein Nebenarm und die Leitung, in der das Wasser von der Trinkwasseraufbereitungsanlage zum Wasserspeicher gepumpt wird. 


Das herauslaufende Wasser wurde nicht gestoppt. Der gesamte Inhalt des Speichers floss in ein naheliegendes Feld (5.500 Kubikmeter, habe ich gehört. Ich weiß nicht, ob das viel ist, ich weiß nicht, ob es stimmt.). Heute wird das mit der Wiederherstellung der Versorgung sicher nichts mehr. Am Loch lagen keine  neuen Rohre rum. Die Wasserversorgung ist privatisiert. Im Internet hat eine Frau geschrieben, die Mitarbeiter der Firma wären "enchufados", also Leute, die mit irgendwem verwandt oder bekannt sind. Die also aufgrund ihrer Beziehungen bei der Firma beschäftigt sind und nicht, weil sie Kanalarbeiter oder Installateure oder vergleichbares sind. Kann sein, dass das nur üble Nachrede ist, aber nach dem, was ich gesehen habe, ist es durchaus glaubhaft. Ich meine, wenigstens neue Rohre hätten da rumliegen können.
In den einen Spülkasten habe ich Wasser aus unserer Regentonne gefüllt (in der sich nur etwa 30 Liter befanden). Zum Zähneputzen etc. haben wir noch genügend Flaschenwasser. Die Leute, die einen Swimmingpool haben, sind fein raus, die füllen Wasser aus dem Pool in ihre Spülkästen. Mein Sohn hat erzählt, im nahe gelegenen Städtchen hätten die Leute das Wasser aus den Zierbrunnen geholt. Morgen früh werde ich Wasser kaufen gehen. Für die Zukunft müssen wir echt besser vorbereitet sein. Wie viel Trinkwasser sollte man wohl vorrätig halten? 50 Liter? Und dann werde ich noch eine große Regentonne kaufen, mit 200 oder 300 Liter Fassungsvermögen. Das soll uns echt nicht noch einmal passieren, dass wir uns so viele Gedanken um Wasser machen müssen.
Update vom Montag, 13.00 Uhr (zur Erinnerung: Rohrbruch von mir zum ersten Mal gesehen am Samstag, um 18.00 Uhr). Heute morgen hatten wir immer noch kein Wasser. Ich beschloss, zum Loch zu fahren und je nachdem, wie die Dinge dort aussahen, 20 oder 30 Liter Wasser zu kaufen.
Das Loch hatte eine etwas andere Form als gestern. Ein Arbeiter stand darin und schaufelte nasse Erde von einer Seite auf die andere. Acht oder neun Leute standen um das Loch und schauten ihm zu. Ich schämte mich, ein Foto zu machen.
Ich fragte einen Arbeiter: "Wie lange wird es wohl dauern, bis wir wieder Wasser haben?" Ich kann mich an seine vage Antwort nicht erinnern. Einer der Herren im Anzug sagte mir, man solle nicht zum Loch kommen und die Leute von der Arbeit abhalten, sondern beim Wasserwerk anfragen. Ich entgegnete ihm, dass laut Wasserwerk das Wasser ja bereits seit 24 Stunden wieder liefe. Die Auskünfte des Versorgers und der Gemeindeverwaltung seien völlig sinnfrei, deshalb würde ich mich persönlich zum Loch begeben.
Und was ich dort sah, schaute gar nicht gut aus. Ich ging in den Supermarkt und kaufte 300 Liter frischen Trinkwassers. Die meisten Leute hatten weniger in ihren Einkaufswagen. Laut Website der Gemeindeverwaltung (von gestern!) ist der Schaden repariert und das Wasser läuft wieder in den Speicher ein. Da die Rohrleitungen völlig leer und insgesamt 75 Kilometer lang sind, würde es natürlich eine Weile dauern, bis alle wieder Wasser hätten. Aha.
Vorm Supermarkt hätte man eine schöne Studie machen können: Wer glaubt den Verlautbarungen der Gemeindeverwaltung und des Wasserversorgers und kauft 10 oder 20 Liter? Wer glaubt, dass dieser Trupp lügt bzw. unfähig ist und hortet möglichst viel Wasser?
Die Leute, die nah am Fluss wohnen, holen sich mit Eimern Wasser für ihre WC-Spülkästen. Mich wundert, dass die Schulen geöffnet sind. Die haben doch auch kein Wasser für die Toiletten und viele Mütter ermuntern ihre Kinder sicher, ihr Geschäftchen woanders als zu Hause zu erledigen. Haben die Altersheime eigene Wasserspeicher? Wie waschen die die alten Leute? ¡Agua ya! 
Finale von Montag, 19.00: Auf der Website des Wasserwerks steht, dass die Versorgung seit 14.15 Uhr wieder hergestellt ist und alles so ist, wie vor dem Rohrbruch. Das ist fein. Für uns gab es allerdings einen ziemlich gravierenden Unterschied: Es kam überhaupt kein Wasser aus der Leitung. Auf der Website der Gemeinde dankte der Bürgermeister seinen Untertanen für ihre Geduld.
Ich machte meinen Abendspaziergang also wieder zum Loch. Seine Fläche hatte sich etwa verdoppelt, die Hälfte, die heute früh noch nicht da war, war aber schon wieder zugeschüttet. Im alten Loch stand ein Arbeiter und telefonierte. Neben dem Loch standen zwei Arbeiter und unterhielten sich mit zwei Polizisten. Ein neues Stück Rohr lag da. Niemand arbeitete.
Ein paar Wassernutzer versuchten schließlich, Informationen aus den Arbeitern zu holen. Auskunft: Die Wasserversorgung funktioniert wieder. Dass keiner der Anwesenden fließendes Wasser in seiner Wohnung hatte, war den Arbeitern ziemlich unerklärlich. Als ich wieder nach Hause kam, tröpfelte Wasser aus dem Hahn. Rasch verstärkte sich der Druck. Wir haben wieder Wasser! Die Spülmaschine läuft, wir werden morgen sauber aus dem Haus gehen. Juhuuu!

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ein schönes Kompliment - Lachs auf Linsen

Lachs auf Linsen, das war heute unser Mittagessen. Mein Sohn forderte mich auf, ein Bild zu machen, weil das Gericht sooo lecker aussah. Der Lachs sieht aus, als wäre er durchgebraten. Das war er aber nicht, er war modern zubereitet, also im Kern noch fast roh. Ich erzähle Euch, wie ich das mache: Ich salze und pfeffere den Lachs und braten ihn in heißem Olivenöl zuerst von der oberen Seite, dann von der Hautseite scharf an bis er gebräunt ist. Dann vertiefe ich vorsichtig die Rillen, die er eh schon hat und übergieße die Oberseite mit Chimichurri-Sauce. Ich lege einen Deckel auf die Pfanne und schalte den Herd aus, so bleibt das Ganze noch ein paar Minuten stehen und zieht durch. Ich kontrolliere vorsichtig, dass der Fisch innen nicht gar zu roh ist. Vor dem Servieren entferne ich die Haut. Fertig. 

 
Lecker! Unter dem Lachs befindet sich ganz gewöhnliches Linsengemüse (natürlich ohne Speck o.ä.), das ich mit gemahlenem Kreuzkümmel gewürzt habe. Deshalb dachte ich auch, dass die argentinische Chimichurri-Sauce gut dazu passt. Sie ist überhaupt nicht scharf (regelmäßige Leser wissen, dass bei uns sehr mild gewürzt wird). Die Sorte, die ich habe, enthält viel Koriander.


"So schön und so lecker, mach' ein Bild und schreib' was für den Blog." Ein schönes Kompliment.

Freitag, 19. Oktober 2012

Immobilien in Spanien: Cräizy

Ja, Ihr habt Euch vielleicht gewundert, dass ich schon so lange nichts mehr über die Immobilienpreise in Spanien geschrieben habe. Heute habe ich mal wieder ein spannendes Gespräch mit einer Freundin geführt und dann dachte ich: "Musst doch mal wieder was schreiben." Aber wie immer vom Allgemeinen zum Besonderen. Zur folgenden Graphik, die die Entwicklung der Quadratmeterpreise in Spanien zeigt (Ausgangspunkt: 1000 im Januar 2005), sage ich jetzt erst mal nichts, lasst sie einfach auf Euch wirken:

grafica

Sie stammt von der Website www.fotocasa.es. Wenn Ihr dann auf das Tab "precio medio m2" klickt, kommt noch eine ganz tolle, interaktive Graphik, wo man sich zum Beispiel die Preisentwicklung in einzelnen Regionen und Städten anschauen kann, z.B. in Benidorm oder Marbella oder Mallorca oder wo Ihr Eure Immobilie eben habt oder haben wollt. Oder klickt hier, dann kommt Ihr gleich auf diese hoch interessante Seite. 
Ich hatte ja Bedenken, dass ich diese Graphik nicht kopieren könnte. Dann hätte ich sie halt abgemalt und fotografiert. Einen Strich von links oben nach rechts unten zu ziehen ist ja nicht sooo schwer, gell?
Jetzt fragt Ihr Euch, warum ich schon so lange nichts mehr von meinen Versuchstierchen (will heißen, von den zum Verkauf stehenden Objekten, die ich beobachte) geschrieben habe. Der Grund ist einfach: Es tut sich nichts. Um im Bild zu bleiben: Die Versuchstierchen liegen komatös in ihren Käfigen. Naja, paar Sachen haben sich schon getan: Das Haus unserer Bekannten, das für 440.000 Euro auf den Markt kam (für den Preis, zu dem sie selbst gekauft hatten), wurde nach wenigen Tagen um 50.000 Euro heruntergesetzt. Das ist aber eigentlich sooo wurscht ... es kauft eh keiner was. 
Die Wohnung mit der grünen Festbeleuchtung, von der ich Euch auch hier erzählt habe, wurde von 59.000 Euro wieder auf 98.000 Euro heraufgesetzt. Ich erkläre Euch rasch die spanische Looogggiiiiik: "Ich habe meine Wohnung für 98.000 Euro angeboten. Keiner wollte sie. Ich setzte sie auf 59.000 Euro herab. Keiner wollte sie. Was soll ich denn nun machen??? Soll ich sie vielleicht noch billiger anbieten??? Soll ich sie vielleicht verschenken??? Bestimmt nicht. Wenn sie eh keiner will, kann ich sie auch wieder für 98.000 Euro anbieten. Ich bin Besitzerin einer Wohnung, die 98.000 Euro wert ist, aber die Banken geben keine Kredite, deshalb kann sie auch keiner für diesen, ihren wahren Wert kaufen." Ja, so geht das. Ist doch besser, eine Wohnung für 98.000 Euro zu besitzen, die keiner will, als eine Wohnung für 59.000 Euro, die keiner will, oder?
An den beobachteten Reihenhäusern, nämlich diesen hier, ist nicht einmal mehr ein Schild dran, dass sie zum Verkauf stehen.
Das Beobachten ist also zurzeit oooiiißerst langweilig.
Nicht so das Gespräch heute:
A.: "Meinst Du, wir sollten unsere Wohnung an der Küste verkaufen und stattdessen lieber eine in Madrid kaufen?"
Ich: "Das wird schwierig werden, die Wohnung loszuwerden. Es kauft im Moment doch keiner was."
A: "Aber jetzt sind die Preise noch hoch. Wir müssen rasch handeln, jetzt ist der ideale Zeitpunkt."
Ich: "Wieso denn das?"
A: "Wir können die Wohnung an der Küste noch mit Gewinn verkaufen, noch sind die Preise hoch. Es ist mir schon klar, dass es vielleicht ein Jahr dauert, bis wir einen Käufer finden, aber wir können ja schon mal ein Schild dran machen. Und mit dem Geld kaufen wir dann eine Wohnung in Madrid. Die Preise liegen total am Boden. Es kauft doch keiner was. Der Markt ist tot."
Doublethink in seiner reinsten Form. Man denkt eine Sache und das genaue Gegenteil. Und es ist nicht so, dass die Preise an der Küste noch hoch sind und in Madrid schon gefallen. Es ist (fast) überall das gleiche Elend. Jaja, die Spanier und ihre Immobilien. Cräizy. 

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Krise in Spanien - Über die Verhältnisse gelebt

Ja, das ist ein Vorwurf, den die Deutschen den Südländern gerne machen: "Ihr habt über Eure Verhältnisse gelebt". 
In unserem Bekanntenkreis in Spanien ist der erste Opa in die Knie gegangen. Er kann die Lebenshaltungskosten seines Sohnes und dessen Familie nicht mehr stemmen und die Hypothek der jungen Leute nicht mehr bedienen. Nein, es ist keine von den Familien, von denen ich Euch schon erzählt habe. Es ist einfach noch eine Familie.
Man würde sie im privaten Gespräch hinter ihrem Rücken vielleicht als "korrupte Bagage" bezeichnen, sie selber hassen sicher Korruption in jeder Form; es war nur möglich, im Rahmen eines Amtes gewisse Gefälligkeiten zu erweisen, für die sich die Bedachten später erkenntlich zeigten. Also, alles ganz normal. (Das habe ich Euch nur erzählt, damit Ihr jetzt nicht vor Mitleid mit diesen Herrschaften zerfließt.)
Der Sohn hatte ein Geschäft, das hauptsächlich von öffentlichen Aufträgen gut lebte und Arbeitsplätze schaffen und expandieren konnte. Es ging ihm finanziell gut. Er kaufte eine relativ teure Wohnung und lebte seinen Verhältnissen entsprechend. Dann begann die Krise und sein Geschäft ging schlechter. Dann verschärfte sich die Krise, die öffentlichen Aufträge wurden auf 0 zurückgefahren und er musste sein Geschäft schließen. Da er selbstständig gewesen war, bekam/bekommt er kein Arbeitslosengeld und sein Einkommen beträgt null. Die junge Familie lebte in der Erwartung, dass sich die Wirtschaft ja irgendwann mal wieder erholen musste, von ihren Ersparnissen, bis die Ersparnisse aufgebraucht waren. Dann sprang der Opa ein. Der Opa hatte aber einen Teil seiner eigenen Ersparnisse bereits dem Sohn zum Hauskauf gegeben, den Rest hatte er zum großen Teil in "Preferentes" angelegt. Das sind Papiere, die von den Banken als "eine Art Festgeld" ausgegeben worden waren. Das Geld ist aber so fest angelegt, das es jetzt praktisch der Bank gehört (Laufzeit z.B. bis zum Jahr 3000). Der ganze Clan versuchte nun, von Opas (hoher) Rente zu leben und die Wohnung zu bezahlen. Das ging natürlich nicht lange. Jetzt musste der Sohn das "Se vende", "Zu verkaufen", -Schild an seine Wohnung machen.   
Bringt eigentlich wenig, denn der Wohnungsmarkt ist tot, wenn er seine Bude los werden will, muss er sie sicher deutlich unter seinem Kaufpreis anbieten. Das ist der Stand der Dinge. 
Haben diese Leute über ihre Verhältnisse gelebt? Meiner Meinung nach nicht.
Liebe Leserin, wenn Dir jemand sagen würde, in fünf Jahren beträgt Dein Einkommen null, kein Hartz IV,  kein Kindergeld, nix. Deine Ersparnisse werden aufgebraucht sein, das Geld Deiner Eltern wird die Bank an sich genommen haben, Dein Haus wirst Du nicht verkaufen können, weil es keinen Wohnungsmarkt mehr gibt, würdest Du das glauben? Und wenn dieser Fall, der jetzt so unvorstellbar scheint, einträte und ein Schwede käme mit erhobenem Zeigefinger und würde sagen: "Nåjå, sie hat jå auch über ihre Verhæltnisse geløbt"?   
Der deutsche Staat hat 2 Billionen Schulden, pro Kopf sind das über 25.000 Euro, pro vierköpfige Familie über 100.000 Euro. Diese Zahlen habe ich von der Seite des Bundes der Steuerzahler, nämlich von hier. Nur gut, dass Deutschland nicht über seine Verhältnisse lebt, gell?
(Ich schreibe das hier nur, um es zu dokumentieren. Das mit der Krise geht jetzt schon sooo lange. Spanien ist immer noch auf dem Weg nach unten, der Boden ist noch lange nicht erreicht. Glaube ich. Theoretisch finde ich es interessant, dem Niedergang eines Landes zuzuschauen, solch ein Spektakel bekommt man ja nicht alle Tage geboten. Praktisch ist es zum Kotzen.)

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Krise in Spanien - Interessante Zahlen

Okay, ich hatte versprochen, nichts mehr über die Krise in Spanien zu schreiben bis es mal wieder richtig große Zahlen gibt, also irgendsowas ab 100 Milliarden, für die Banken oder so. Oder die endgültige Rettung (¡EL RESCATE!). Aber gestern habe ich in den Nachrichten dann andere Zahlen gehört, die ich auch ziemlich faszinierend fand: Die Stadt Madrid hat 615 Stellen für Verwaltungsgehilfen ausgeschrieben und in diesen Tagen finden die Einstellungsprüfungen statt. An drei Tagen. In 2 Messehallen. Für die 615 Stellen haben sich nämlich über 40.000 Menschen beworben. 39.400 werden leer ausgehen. Einstellungsvoraussetzung ist der Graduado Escolar, was vielleicht dem deutschen Hauptschulabschluss entspricht. Die meisten Bewerber verfügen natürlich über höhere Bildungsabschlüsse, viele sind Akademiker, Juristen zum Beispiel, und haben sich jahrelang auf diese Prüfung vorbereitet (ohne Scheiß, schaut Euch das Video an, da sieht man auch schön die dicht bestuhlten Messehallen: Video Antena 3). Die 40.000 Prüflinge müssen in 70 Minuten 70 Fragen beantworten. Die 615 Auserwählten erhalten dann 1000-1200 Euro Lohn im Monat. Findet Ihr das viel?
Als im Sommer in Sabadell ein neuer IKEA eröffnet wurde, bewarben sich 55.282 Menschen auf 380 offene Stellen (ein Pressebericht hier).
Es müssen nicht immer Milliarden sein, oder? Zigtausende können auch mal interessant sein.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Lustiger Wortwechsel

Ich: "Wie viel Uhr ist es denn?"
Mein Sohn D.: "Eine Stunde vor acht."
(Diese seltsame Zeitangabe hat vielleicht damit was zu tun, dass um acht "El Clásico" beginnt, das Spiel zwischen FC Barcelona und R. M.)

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Nachmittagskaffee mit einer Freundin

Vor Ewigkeiten habe ich Euch mal von einer Freundin erzählt, nämlich hier, die immer das Essen anderer Leute heruntermacht. Heute hat sie mich angerufen und gesagt, sie hätte vor geraumer Zeit einen Kalten Hund (Kekstorte) gemacht, ob ich nicht Lust hätte, sie zu besuchen und mit ihr Kaffee zu trinken und von diesem Kalten Hund zu essen.
"Gerne", antwortete ich und machte mich auf den kurzen Weg zu ihrem Haus.
Sie hatte den Tisch auf der Terrasse liebevoll gedeckt und einen schönen Kaffee gekocht. Auf meinem Teller lag die Hälfte einer recht dicken Scheibe Kalter Hund, auf ihrem eigenen Teller lag etwa ein Viertel einer Scheibe.
Sie ist Mitglied der Thermomix-Gemeinde und informierte mich, dass es ihr ohne dieses Gerät gar nicht möglich gewesen wäre, dieses doch etwas komplizierte Backwerk herzustellen.
In welcher Phase der Zubereitung eines Kalten Hundes (Fett und Schokolade in einem Töpfchen schmelzen, Puderzucker unterrühren, die Masse abwechselnd mit Keksen in eine Kastenform schichten, oder?) man den Thermomix benötigt, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass wahre Thermomix-Fans dieses enorm vielseitige Gerät, das alle anderen Haushaltsgeräte überflüssig macht, für alles verwenden, auch zum Hemden bügeln und zum Hof kehren.
Ich führte ein kleines Stückchen Kalten Hundes zum Mund.
"Dieses Zeug ist extrem kalorienreich, weißt du?" sagte sie.
Ich ließ das Gebäck in meinem Mund schmelzen.
"Es besteht praktisch nur aus Fett und Zucker", sagte sie.
Sie hatte ihr Stück schon komplett verdrückt.
Ich lud das nächste Bröckchen auf meine Gabel.
"Dass du so etwas essen kannst ...", sagte sie.
Nun war ich völlig verwirrt. Ich legte das Bröckchen zurück und schob das Tellerchen mit der halben Scheibe Kalter Hund, von der nur ein kleines Eckchen fehlte, von mir.
"Dann esse ich es eben nicht", sagte ich.
Damit war sie zufrieden und wir begannen angeregt über andere Dinge zu sprechen.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Alt und neu - Seit' an Seit'


Ein letztes Mal Seit' an Seit' ... tschüss, alter Abfalleimer.
Ja, wir haben heute den neuen Abfalleimer in Betrieb genommen. Das Erste, was hinein kam (abgesehen von zwei Müllbeuteln), war ein Stück Schokoladengebäck unbekannter Herkunft, das seit ein paar Tagen im Kühlschrank lag. Mein Gatte meinte, wir hätten zur Einweihung ein Band durchschneiden sollen (ribbon cutting ceremony!). War mir dann aber zu aufwändig.
Okay, das ist jetzt das letzte Mal, dass ich mit meinem neuen Mülleimer angegebe.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Mein Auto, mein Mülleimer, meine Tafel Lindt-Schokolade

So, hier kommt das lang ersehnte Foto: Das neue Auto, der neue Mülleimer und eine Tafel Lindt-Schokolade (an der Fahrerseite auf der Windschutzscheibe liegend). Dieses Foto hat für meinen Gatten und mich enormen Symbolcharakter.
Wo soll ich anfangen? Also, zuerst einmal die Details: Beim Auto handelt es sich um einen Audi A 4 in Lavagrau mit Perleffekt. Beim Mülleimer handelt es sich um das Modell Erpa Typ 420 von Manufactum. Die Schokolade ist eine 300 g Tafel Alpenvollmilch-Nuss der Marke Lindt.
Ja, was hat das alles zu bedeuten? Es ist schwer zu erklären. Es gibt Menschen, bei denen können bestimmte Autos Wunden heilen, für erlittene Schmach entschädigen. Nach einer Kindheit in Armut, einer an Entbehrungen reichen Jugend leuchtet plötzlich ein Stern vor ihnen auf und verschafft ihnen einen späten Triumph. "Als ich den Stern vor mir sah, habe ich geweint", vor Freude, versteht sich. Sie können Minderwertigkeitsgefühle kompensieren. "Als ich meinen Benz zwischen die anderen Mercedes und BMW stellte, das war schon ein gutes Gefühl."
Wir wollten einen Audi und überlegten, ob ein A6 ausreichen würde, um unser kompliziertes Seelenleben in einen psychologischen Garten Eden zu verwandeln.
Lohnt es sich, 45.000 Euro auszugeben, um zu versuchen, Leute zu beeindrucken, die einem eigentlich am Arsch vorbeigehen sollten?
Außerdem hätte er nicht gut in unsere Garage gepasst.
Der Mülleimer. Ist dieser Mülleimer mit 146 Euro überteuert? Ich hatte den Mülleimer schon mehrmals vorher sehnsüchtig angeschaut, aber immer von einem Ankauf abgesehen, weil mir das Geld zu schade war. Er sieht solide aus, er erinnert an mich an meine Kindheit, an unseren Friseurladen. Ein Mülleimer für's Leben. Meine Lieben freuen sich darüber, da bei unserem alten Abfalleimer seit Ewigkeiten das Tretding zum Aufmachen kaputt war und ich schon mehrfach dazu aufgefordert worden war, einen neuen anzuschaffen. Also gut, so einen teuren hätt's nicht gebraucht. Ich glaube nicht, dass ich damit Gäste beeindrucken kann. Ich glaube, die nehmen das Ding nicht wahr, auch nicht, wenn sie in die Küche kommen. So, wie er auf dem Foto dargestellt ist, würde er natürlich schon Aufmerksamkeit erregen. An den Ampeln würde ich den Motor aufheulen lassen und dann würde die Leute in ihren schäbigen alten Karren zu mir herüber schauen und mein geiles Auto und meinen Luxus-Mülleimer sehen.
Und was hat es mit der Schokolade auf sich? Die hat über 5 Euro gekostet.
Die menschliche Psyche ist etwas Komplexes. Wie viele Autos, Häuser, Schmuckstücke werden wohl gekauft, wie viele hohe Posten angestrebt und erreicht, wie viele sportlichen Leistungen erzielt, weil irgendwer irgendwas kompensieren möchte?
Wie gesagt: Mein Auto, mein Mülleimer, meine Tafel Lindt-Schokolade. Macht uns alles ein bisschen froher, der psychologische Megaeffekt blieb aus. Das mit dem Stern klappt nicht bei jedem.

Donnerstag, 27. September 2012

Ochsenschwanzsuppe im Test

Wie Ihr wisst, ist Ochsenschwanzsuppe ein Thema, das mich ziemlich interessiert (siehe Link hier und hier). Da ich heute mit meinem ältesten Sohn zum Mittagessen allein war, dachte ich, ach, man könnte mal wieder eine Ochsenschwanzsuppe verkosten und zwar diese hier:


Eine Oxtail-Soup von Marks & Spencer.
Testbericht: Es handelt sich um eine Dosensuppe, die einfach nur heiß gemacht werden muss. Der optische Eindruck ist gut. Man sagt "das Auge ist mit", in diesem Fall hätte man aber vielleicht das Auge allein essen lassen sollen, die Suppe schmeckt nämlich völlig fad, im Abgang hat sie jedoch eine ganz leichte, unerklärliche Schärfe. Obwohl sie in Dosen verkauft wird, hat sie deutliche Karton-Noten. Wie die Engländer ihre unvergleichlichen Fertiggerichte hinbekommen, ich weiß es nicht.
Falls ich diese Suppe nachkochen sollte, würde ich wie folgt vorgehen: Zutaten laut Dosenaufschrift (und ich übersetze): Wasser, Karotten, Kartoffeln, Zwiebeln, Mehl, Rindfleisch (3 %), Tomatenmark, Maismehl, Ochsenschwanz (1 %), karamelisierter Zucker, Zucker, konzentrierte Rinderbrühe, Rotwein, Hefeextrakt, Meersalz, Petersilie, Thymian, Currypulver, Lorbeerblatt, schwarzer Pfeffer.
Bisschen wenig Fleisch, aber daraus müsste man eigentlich doch etwas machen können.
Zubereitung: Als erstes bringe ich einen Liter abgestandenes Wasser (z.B. aus der Regentonne) mit 5 Salzkörnchen zum Kochen. Dann schneide ich eine von diesen riesigen, rissigen, nach nichts schmeckenden Gelberüben in große Stücke und gebe sie hinein. Ich schäle eine Kartoffel aus dem Vorjahr und gebe sie ebenfalls grob geschnitten hinzu. Von einer Zwiebel entferne ich die faulen Stellen und die Triebe und gebe ein Achtel davon in die Brühe. Es folgen 35 Gramm Rindfleisch (3 % des Ganzen), eine Messerspitze Tomatenmark, 10 Gramm Ochsenschwanz (1 % des Ganzen), eine Messerspitze Brühe und 2 Esslöffel Rotwein. Hefeextrakt habe ich nicht, stattdessen gebe ich ein 10 x 10 cm großes Stück Karton (was ich halt gerade da habe, alter Buchdeckel, Verpackungskarton o.ä.) in groben Stücken und 1 Wacholderbeere im Mörser gequetscht (meinte ich herauszuschmecken) hinzu. Ich würze mit einem Blatt getrockneter Petersilie, einer Messerspitze Currypulver (Ablaufdatum Mai 1993), einem Eichenblatt, einem schwarzen Pfefferkorn und einer Prise von den Kräutern, die meine Urgroßmutter seit ihrer Jugend aufbewahrt. Dies alles koche ich fünf Stunden im Schnellkochtopf. Anschließend suche ich mit einem feinen Sieb und einer Lupe die Fleischstückchen und nehme sie heraus.
Für die braune Farbe karamelisiere ich in einem zweiten Topf eine Prise Zucker, die ich dann mit 6 Esslöffel Mehl in die Suppe rühre. Ich püriere nun alles und gebe das Fleisch wieder hinzu. Mit 2 Esslöffeln Worcestersauce und 5 Tropfen Tabasco schmecke ich ab. Fertig. Ich glaube, das würde dem Original ziemlich nahe kommen.

Donnerstag, 20. September 2012

Der Hirschrücken bzw. die Hirschlende

Wie ging es weiter mit meinem Hirschrücken bzw. meiner Hirschlende? Etliche Rezepte empfahlen zu beizen. Dass dies nicht nötig war, war mir aber von Anfang an klar. Man sah auf den ersten Blick, dass es sich um ein wunderbares Stück Fleisch handelte, das eine solche Behandlung nicht nötig hatte. Ich suchte ein Rezept mit einer möglichst kurzen Garzeit. Johann Lafer schneidet seinen Hirschrücken in Medaillons. Das wollte ich auch nicht.
Fündig wurde ich schließlich auf der Seite eines Wildhändlers vom Münchner Viktualienmarkt, nämlich hier: http://www.schillers-wild-gefluegel.de/hirschlende_mit_wacholderrahm.html. Wie von den Schillers empfohlen, heizte ich den Ofen auf 120º Grad vor, würzte das Filet mit Salz und Pfeffer, briet es in 2 Esslöffeln Olivenöl von allen Seiten 5-6 Minuten an, wickelte es in Alufolie und legte es für 35 Minuten in den Backofen. Dann wollte ich es eigentlich servieren. Meine Esser standen bereit. Leute, es war innen noch vollkommen roh. Also wieder in den Backofen, diesmal 10 Minuten bei 150º. Dann wollte ich es servieren. Meine Esser waren ungeduldig, mein Braten innen noch roh. Ich befürchtete eine Meuterei meiner Lieben. Also goss ich ein Glas Rotwein in meinen Schnellkochtopf, brachte den Wein zum Kochen, schüttete die Sauce dazu (superlecker, gleich mehr), legte das Fleisch hinein, 5 Minuten bei Volldampf = perfektes Ergebnis, fast durch, aber nicht ganz. Ja, das war Zufall.
Falls einem meiner unerfahrenen Leser das Gleiche passiert, Niedrigtemperatur, Braten nicht durch, dem rate ich, es genauso zu machen: Zum Essen passenden Wein im Schnellkochtopf zum Kochen bringen, Fleisch reinschmeißen. Wenn das Stück zu groß ist, durchschneiden! Desperate times call for desperate measures! Bei Rindfleisch würde ich es mit 10 Minuten bei vollem Druck versuchen.
So, nun zur Sauce. Okay, da habe ich mich auch nicht an das Rezept der Schillers gehalten, sondern mich nur inspirieren lassen: Ich machte die Pfanne, in der ich das Fleisch angebraten hatte, wieder heiß (nicht zwischendurch sauber machen), 15 Wacholderbeeren mit Salz und Pfeffer zerstoßen, in die Pfanne geben, mit etwas Gin ablöschen, Wildfonds hatte ich keinen, Creme Fraiche auch nicht, stattdessen goss ich 200 ml Sahne zu, statt 1 Esslöffel Johannisbeergelee nahm ich 2. Dies gab ich dann zum kochenden Rotwein in den Schnellkochtopf. Weiter ging's siehe oben. Sehr lecker, sehr zart. Ein Superbraten.
Ich habe kein Foto vom fertigen Essen. Wenn ich auch noch angefangen hätte, zu fotografieren, wäre ich von meinen Essern wahrscheinlich gelyncht worden.
Den Rest habe ich heute kalt aufgeschnitten:


Ich überlegte mir, irgendeine Sauce dazu zu reichen, Cumberlandsauce, Preiselbeersahne, o.ä., aber das Fleisch war sooo gut, der leichte Wildgeschmack ... der röhrende Hirsch auf der Waldlichtung war in zarten Scheiben perfekt eingefangen. Da gab's für mich nichts mehr zu verbessern oder zu unterstreichen. Wir aßen also einfach Brot und Butter dazu.

Dienstag, 18. September 2012

Gerade geschenkt bekommen:


Einen Hirschrücken mit einem Gewicht von 850 Gramm. Von der Gattin eines Jägers (Nachbarin). Ein so tolles Teil von einem so tollen Tier! Ich huschte dann schnell rüber zu ihr und brachte ihr ein paar Stücke von dem Zwetschgenkuchen, den ich frisch gebacken hatte. Sie führte mich in ihr Semi-Souterrain, wo sich die Familie ein Jagdzimmer eingerichtet hat, komplett mit ausgestopften Wildschwein- und Hirschköpfen, Rehgeweihen, etc. Toll. Ich mag so was. Ist nicht für jeden, ich weiß. Dann zeigte sie mir die kleine Küche neben dem Jagdzimmer, wo die Kühltruhe steht, bis oben hin voll mit Hirschfleisch. Beeindruckend. 
Jetzt muss ich nur noch irgend ein tolles Rezept suchen, das meinem Braten gerecht wird.   
Wenn Besuch kommt, mache ich normalerweise eine Lammkeule, bisher immer im Römertopf, nach einem Rezept von meiner Mama. Diesen Sommer probierte ich aber ein neues Rezept, in meinem neu angeschafften La Creuset-Topf (ich weiß, ein Gerät, das echt keiner braucht, ich wollte auch definitiv keinen, warum soll ich so einen Haufen Geld für einen Dibbe ausgeben, aber dann sah ich einen in himmelblau, in einer Farbe, der ich nicht widerstehen konnte, und auch noch ganz günstig (im Vergleich zur allgemeinen Ungünstigkeit dieser Töpfe), und ich griff zu. Mein Gatte war so freundlich, das Ding nach Hause zu schleppen (großes Modell, Gewicht ungefähr 2 Tonnen). Ich probierte ein neues Lammkeulenrezept aus (statt 2 Stunden bei 200 Grad im Römertopf im La Creuset-Topf auf dem Herd angebraten, dann 4 Stunden im Ofen bei 145-150 Grad). Sehr lecker. So zart, das Fleisch fiel vom Knochen. Ich kombinierte das Rezept dann mit dem von meiner Mama und bereitete es diesen Sommer wiederholt zu. Ja, vielleicht blogge ich es irgendwann mal. 
Also, wie man das Zeug brät etc., das macht echt einen Unterschied. Für meine Hirschdelikatesse werde ich mich also gründlich umschauen, was es da so für Möglichkeiten gibt. Und dann brauche ich ja auch noch Beilagen, die auf der Höhe meines Bratens sind ... Rotkraut und Klöße fallen mir da als erstes ein. Birnen mit Preiselbeeren ... Kastanien gibt es, glaube ich, noch nicht. Ja, ich habe einen konservativen Geschmack, meine Esser auch. Mal sehen.   

Donnerstag, 6. September 2012

Eis und Brombeeren mal anders


Eigentlich wollte ich Eis mit Heiß machen, also Vanilleeis mit heißer Brombeersauce, aber die Beeren, die mein Sohn direkt vor dem Mittagessen geerntet hatte, waren sooo süß, sooo dick und perfekt, dass ich es nicht über's Herz brachte, sie zu einer Sauce zu zerkochen. Nach einem Augenblick der Ratlosigkeit kam mir folgender Gedanke: Ich mache das Vanilleeis heiß! Also gab es heute als Nachspeise "Sonnenwarme Brombeeren auf heißem Vanillespiegel". Köstlich!

Dienstag, 4. September 2012

Internet: Interessante Möglichkeiten für Familien

Nach einem ausgiebig genossenen Sommer hat mich der Alltag wieder. Meinen ersten Blogeintrag will ich aber nicht den sehr glücklichen Tagen im Kreise meiner Lieben (ziemlich lange alle drei Kinder beisammen, juhuu!) und unseren Ausflügen in die Umgebung (einschließlich einer Schiffsfahrt auf dem Main und einer Bootsfahrt mit abschließendem Zusammenstoß), den Shopping-Orgien (Highlight: der neue Mülleimer, dem möglicherweise ein eigener Blogeintrag zuteil werden wird (soviel verrat' ich schon mal: von Manufaktum in Frankfurt!!!)) und den mit ausgiebigem Futtern untermalten Familientreffen widmen, sondern kleineren Fakten, die sich im Laufe der Tage aufgetan haben. Alles begann damit, dass mein Vater erzählte, dass ein Verwandter von seinem Vater beauftragt worden war, einen Gegenstand, den dieser für damals sehr viel Geld erstanden hatte ("Investition! Gibt nur ganz wenige!! Du kriegst einen, weil du mein Freund bist!!!"), für dieselbe Summe wieder loszuwerden. Und als er sich ans Verkaufen machte, stellte der Verwandte fest, dass der Gegenstand viel weniger wert/nix wert war. 
In unserer Familie haben wir so unsere Erfahrungen mit Internetchecks. Ein Beispiel: Eine beliebte Erzählung im Familienkreis war immer die der Schwester meines Urgroßvaters väterlicherseits, die (wahrscheinlich um der Enge ihres Dorfes zu entkommen, wie man heute interpretieren würde) Nonne wurde und als solche nach England geschickt wurde. Sie lebte ein paar Jahre dort und heuerte dann bei einer sehr reichen Familie als Kindermädchen an. Sie begleitete diese unfassbar reiche Familie auf ihren Reisen um die Welt. Sie lebte in Südamerika, wo sie auch starb. Höhepunkt der Lebensbeschreibung dieser Dame ist ... sie war auf der Titanic und wurde mit der Familie gerettet. Wie oft durften wir als Kinder diese Geschichte hören!
Vor ein paar Jahren nun betrachteten wir im Internet die Passagierlisten der Titanic und in Sekundenschnelle fanden wir heraus, dass der Name der Schwester unserer Urahnen nicht drauf stand. Wir konsultierten andere Listen. Weder unter den Namen der Lebenden noch der Toten noch der Erste-Klasse-Passagiere noch der Dienstboten war sie zu finden. ??? Schade, ne???
Heuer beschlich uns nun der Verdacht: Wieviel sind die Dinge, von denen die Familie glaubt, dass sie sehr wertvoll sind, tatsächlich wert? 
Wir hatten einen Großonkel, der vor wenigen Jahren gestorben ist, der ein sehr wertvolles äthiopisches Vortragskreuz besaß. Ich schätze mal, dass es so 35 Jahre her ist, dass er dieses Kreuz gekauft hat und ich glaube, jedes Mitglied der engeren und weiteren Verwandtschaft erinnert sich an diese Zeit. Den Aufstand, den er darum machte! Es bekam den besten Platz an der Wand im Wohnzimmer. Gleich beim Eintreten fiel der Blick darauf. Und das Schlimmste: Seine ständige Fragerei, ja, ich meine STÄNDIGE Fragerei: "Wem vermache ich das mal?", mit der er versuchte, Unfrieden unter seinen Erben zu säen und sich selbst und seinen Sch... zu erhöhen. Also, das Kreuz war superwertvoll. Es war ein äthiopisches Vortragskreuz!!! Ich schätze mal, einfach aufgrund der Dimension der Aufregung um das Ding, dass es mehrere tausend Mark gekostet hat. 
Irgendwann näherte sich das Ende des Lebens dieses Onkels und er verschenkte viele seiner Sachen. Er war fast blind und fast taub und irgendwann war das Ding weg. Seine Erben liefen Amok. Der einzig wertvolle Gegenstand war verschwunden (sein übriger Besitz, ebenfalls vom Typ "Wem vermache ich das wohl mal?" hatte sich bereits als völlig, ja, völlig, wertlos erwiesen).
Unsere liebe M.-L. hat uns diesen Sommer ein Objekt gezeigt, das sie bei einem Afrika-Festival für 3 Euro erworben hatte. Schock: identisch wie das Vortragskreuz, nur klein. Verdacht: Das große Kreuz ist auch nichts wert. Check: "Ethiopian processional cross E-Bay" bei Google eingegeben (auf Englisch findet man mehr), Preis: so um die 100 Euro.
Für den, der das Ding an sich genommen hat: Hihihihi. 
Ich empfehle folgende Antwort an alle, die da fragen: "Wem vermache ich das wohl mal?" - "Wir werfen es in dein Grab." (Das ist bei kleineren Gegenständen erlaubt.)
Und dann besitze ich noch diesen Ersttagsbrief, der mir als Kind anvertraut wurde. Superwertvoll, lebenslang drauf aufpassen, ein rohes Ei ist Dreck dagegen. Das glaubten die Vorbesitzer wirklich (ich weiss nicht mehr, von wem ich ihn habe, ich glaube, von meiner Oma). Preis: 1 Euro bei E-Bay.
Also, das sind die kleinen Fakten, die vielleicht jemandem zur Anregung dienen.